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12. September 2017 14:42 Uhr

Von Klima bis Cannabis

Wie war’s bei Winfried Kretschmann in Merzhausen?

Promi-Besuch hat Merzhausen nicht jeden Tag. Doch es ist Wahlkampfzeit, und da hat sich knapp zwei Wochen vor dem Gang zur Wahlurne Ministerpräsident Winfried Kretschmann auf den Weg gemacht.

  1. Winfried Kretschmann und Kerstin Andreae (links) beantworten die Fragen von Annette Bohland. Foto: Andrea Gallien

  2. Winfried Kretschmann und Kerstin Andreae (links) beantworten die Fragen von Annette Bohland. Foto: Andrea Gallien

  3. Hatten gut lachen: Andreae und Kretschmann Foto: Andrea Gallien

  4. Kretschmann Foto: Andrea Gallien

  5. Nach der Veranstaltung trugen sich die Gäste bei Bürgermeisterstellvertreterin Ulrike Zimmer ins Goldene Buch der Gemeinde ein. Foto: Andrea Gallien

  6. Unterschrift auf einem T-Shirt Foto: Andrea Gallien

  7. Nach der Diskussion gab es Geschenke für den Ministerpräsidenten. Foto: Andrea Gallien

  8. Kerstin Andreae und Freiburgs Oberbürgermeister Dieter Salomon schütteln dem Ministerpräsidenten vor dem Forum die Hand. Foto: Andrea Gallien

  9. Tobias Hailer, Ortsvereinsvorsitzender der Grünen, mit Kerstin Andreae, Ulrike Zimmer und Winfried Kretschmann Foto: Andrea Gallien

Erster Eindruck
Kurz nach Öffnung der Tore um 18 Uhr parken bereits die ersten Fahrräder neben der Eingangstür des Forums. Der Andrang ist aber noch überschaubar. Auch wer mit dem Auto kommt, findet noch einen Parkplatz.

Im Forum wuseln vor allem viele Mitglieder des Grünen-Kreis- und Ortsverbands Hexental umher. Ein Büchertisch mit Kretschmann-Lektüre steht bereit. Im Großen Saal reiht sich Stuhlreihe an Stuhlreihe, mehr als 450 Zuschauer sollen hier einen Platz finden. Einige haben sich ihren schon gesichert.

Das Publikum
Richtig voll wird das Forum um kurz vor sieben. Es ist eine bunte Mischung, auch einige Jugendliche sind da. Die vorderen Reihen sind für Besucher aus der Kommunalpolitik reserviert. Freiburgs Oberbürgermeister Dieter Salomon ist da, Baubürgermeister Martin Haag, Regierungspräsidentin Bärbel Schäfer.

Merzhausens Bürgermeister Christian Ante lässt sich entschuldigen, dafür ist seine Stellvertreterin und Grünen-Mitglied Ulrike Zimmer da. Vor dem Podium postieren sich Kerstin Andreae und Moderation Annette Bohland, die durch das Gespräch führt.

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Der Stargast
"Einen Kilometer noch", raunt es durch die vorderen Reihen. Das war die Info, dass der Ministerpräsident kurz vor den Toren Merzhausens eingetroffen ist. Kurz drauf kommt er vor dem Forum an und wird sogleich um seine Unterschrift auf einem T-Shirt gebeten. Pünktlich um sieben betritt er mit einer Reihe Bodyguards den Großen Saal. Applaus.

Die Bühne entert zunächst Tobias Hailer aus dem Grünen-Ortsverband Hexental. "Wir hätten uns nie träumen lassen, dass wir hier mal einen grünen Ministerpräsidenten begrüßen dürften", sagt er strahlend. Merzhausen sei Grünen-Hochburg. Die Partei bildet die größte Fraktion im Gemeinderat, bei der letzten Landtagswahl gaben 44 Prozent der Wähler den Grünen ihre Stimme. Der Besuch Kretschmanns ist für Hailer und seine Mitstreiter ein Highlight, das ist nicht zu übersehen. Er bittet ihn, Andreae und Bohland aufs Podium.

Einstieg mit Urlaub und Atommüll
Die Moderatorin sorgt für einen lockeren Einstieg – wo der Ministerpräsident denn seinen Sommerurlaub verbracht habe, will sie wissen. "Eine Woche Schottland und eine Woche Montafon", sagt er. In Schottland sei er dann auch direkt erkannt worden: "So, Herr Ministerpräsident, sind Sie auch da?" War er. Wenn auch nicht per Standleitung, so doch per Handy immer beruflich erreichbar.

"Und was verbinden Sie mit Freiburg?", fragt Bohland. Die Antwort kommt gleich: "Den schönsten Kirchturm der Christenheit." Das Eis ist gebrochen.

Die Moderatorin möchte wenig später von Kretschmann wissen, in welcher Situation er besonders mutig gewesen sei. Ihm fällt ohne lange zu überlegen die Diskussion um die Endlagerung des Atommülls ein. "Die Grünen sind seit eh und je gegen die Atomkraft. Aber ich habe gesagt, dass wir in ganz Deutschland nach einem Endlager suchen müssen – auch in meinem eigenen Bundesland", erzählt er – und fügt an: "Da war ich mal richtig mutig."

Weiter mit Klima und Verkehr
Brauche es die Grünen denn eigentlich noch, nachdem Merkel den Atomausstieg beschlossen habe, erkundigt sich Bohland. Das habe das TV-Duell mit SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz doch gezeigt, findet Kretschmann. Dort sei der Klimaschutz gar kein Thema gewesen, deshalb "ist es wichtig, dass wir an die Regierung kommen", propagiert er.

Es seien "dramatische Änderungen des Planeten im Gange" – "Deutschland muss da einen Contra-Punkt gegen Trump setzen." Klimaschutz sei Kernthema.

"Was tun die Grünen denn für den Klimaschutz?", hakt Bohland bei Andreae nach. Es gebe drei wichtige Punkte, die man "gleichermaßen angehen" müsse: die Verkehrs-, Energie- und Agrarwende. Wichtig sei auch, zu begreifen, "dass Klimawandel eine der größten Fluchtursachen ist", so Andreae.

Weiter geht’s mit der deutschen Automobilindustrie, "die ein, zwei Jahre hinterherhinkt", in der man "mit Start-ups zusammenarbeiten muss, um nach vorne zu kommen", so Kretschmann. Dann geht er mit klaren Worten zum Verkehrsministerium über. "Wenn man sich Minister Dobrindt und seine Vorgänger mal anschaut, dann denkt man doch, das Verkehrsministerium ist das Strafbataillon der Bundeswehr." Er findet: "Da muss mal einer von uns hin – der das auch will und kann und eine Idee davon hat."

Bier oder Wein?
Am Ende der rund einstündigen Diskussion dürfen die Zuhörer ihre Fragen loswerden, die sie vorab auf Zetteln notieren konnten. "Bier oder Wein?" und "Nachrichten aus dem Internet oder der Zeitung?", wollen zwei Bürger wissen. Die Politiker geben sich mit der Antwort "Beides" wenig entscheidungsfreudig.

Deutlicher wird es dann bei der Frage, was man gegen die Wohnungsnot in Städten und für mehr soziale Gerechtigkeit tun könne. Andreae spricht sich für mehr Wohnungen, eine Wohngemeinnützigkeit und eine Brücke zwischen Stadt und Land aus, indem ländliche Bereiche mit Breitband, ÖPNV und Ärzten versorgt würden.

Cannabislegalisierung – ja oder nein?, will ein anderer Bürger wissen. "Ja, unter strengen Voraussetzungen", antwortet Andreae. Kretschmann meint, manche politischen Fragen könne man nicht mit Ja oder Nein beantworten. "Die Frage müsste man rational debattieren und Emotionen da rauslassen", sagt er. Und: "Wir müssen dafür werben, dass man einen klaren Kopf behält."

Ein 20-Jähriger will wissen, was der Plan der beiden für eine würdige Rente sei. Andreae sagt: "Altersgerechte Jobs, flexibles Renteneintrittsalter, die private und betriebliche Altersfürsorge stärken." Und Kretschmann rät dem 20-Jährigen in seiner so typischen Art: "Jetzt gucken Sie erst mal, dass Sie einen Job finden, eine gescheite Familie gründen und das mit der Rente, das kommt", versichert er.

Autor: Nikola Vogt