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09. Februar 2010 20:56 Uhr

Skandal um Jesuiten

Missbrauch am Kolleg: Beschuldigter Pater räumt nur Prügel ein

Er soll Schüler misshandelt und missbraucht haben – jetzt meldet sich der beschuldigte Jesuitenpater Wolfgang S. erstmals zu Wort. Der auch am St. Blasier Kolleg tätige Lehrer gibt die Prügel zu. Bestreitet aber jeden sexuellen Hintergrund.

  1. Das Jesuitenkolleg St. Blasien: Auch hier wurden Kinder Opfer von Misshandlungen. Foto: ddp

FREIBURG. Wolfgang S., einer der Beschuldigten im Missbrauchsskandal an deutschen Jesuitenkollegien, hat sich in einer Erklärung an die Medien gewandt. Darin räumt er erneut ein, dass er in den Jahren seiner Lehrtätigkeit Minderjährige, die ihm anvertraut und von ihm abhängig waren, misshandelt hat, streitet aber jeglichen sexuellen Hintergrund ab.

"Die Misshandlungen waren teilweise schwerwiegend und wiederholten sich in einigen Fällen mehrfach bei denselben Betroffenen", heißt es in der Erklärung. "Konkret handelte es sich um Schläge sowohl auf das bekleidete als auch auf das nackte Gesäß." Wolfgang S., der als Sportlehrer zwischen 1979 und 1984 auch am Kolleg in St. Blasien tätig war, übernimmt für diese Taten die volle Verantwortung und erwähnt, er habe in langjährigen Therapien inzwischen gelernt, dass der Nährboden seiner Übergriffe in einer narzisstischen Persönlichkeitsstruktur begründet liege.

Mit sich im Reinen? Höchstens teilweise

"Diesen Hintergrund nenne ich hier nicht, um meine Verantwortung für alles Geschehene zu leugnen oder auch nur um einen Deut herabzumindern. Der Verantwortliche für die beschriebenen Vergehen bin hundertprozentig ich und ich allein."

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Umso mehr betont S. andererseits, "dass ich zu keiner Zeit meines Lebens und an keinem Ort mit Minderjährigen Sexualkontakt im Sinne von Genitalberührungen, Penetration, Vergewaltigung, Exhibitionismus oder Voyeurismus gehabt habe. Das Gegenteil zu behaupten erfüllt den Tatbestand der Verleumdung." Er habe bei seinen Vergehen nie sexuelle Erregung gesucht oder empfunden.

In einem Brief an die Betroffenen vom 20. Januar hatte Wolfgang S. die gegen ihn erhobenen Vorwürfe bereits zugegeben, allerdings, wie er nun bedauert, "ohne die oben explizierte Differenzierung". In verschiedenen Medien seien daraus nicht nur Missverständnisse erwachsen, sondern S. beklagt auch, "dass Zitate aus dem Zusammenhang gerissen, in einen neuen Kontext gestellt oder sogar gefälscht wurden".

Freiburgerin ermittelt

Von ihm selbst verschuldet sei dagegen der Satz, er sei trotz aller berechtigten Vorwürfe inzwischen "mit mir im Reinen" – eine Äußerung aus einem Interview, die wiederholt zitiert worden war. "Im Hinblick auf mein nun schon Jahrzehnte andauerndes, fehlerfreies Verhalten Kindern und Jugendlichen gegenüber sowie bezüglich jener meiner Opfer, mit denen ich mich im Lauf der Zeit aussprechen konnte, ist diese Behauptung richtig. Sie ist jedoch zweifellos falsch, soweit es sich um mein Verhältnis zu anderen Betroffenen handelt, mit denen bislang keine Aussprache stattgefunden hat."

Inzwischen hat Mechtild Maurer, Geschäftsführerin der in Freiburg ansässigen Arbeitsgemeinschaft zum Schutz der Kinder vor sexuellen Ausbeutung (ECPAT), den Auftrag erhalten, die Übergriffe des Jesuiten Bernhard E. aufzuklären. Der heute 70-Jährige hat gestanden, in den 70er Jahren in der katholischen Jugendarbeit drei Kinder sexuell missbraucht zu haben. Pater E. gründete 1983 in Frankfurt den angesehenen Verein "Ärzte für die Dritte Welt", der seitdem 2330 Mediziner nach Indien, Kenia, Bangladesch, Nicaragua und auf die Philippinen geschickt hat.

Furcht um Spendenhilfe

Bereits vor vier Jahren wurden die Missbrauchsvorwürfe im Orden bekannt, E. musste als Geschäftsführer zurücktreten. Für den Verein besuchte E. auch regelmäßig Hilfsprojekte in der Dritten Welt, in denen Kinder betreut werden. Jetzt soll geklärt werden, ob es dabei zu Übergriffen kam. Für die Hilfsorganisation ist die Aufklärungsarbeit von Mechthild Maurer dringlich. Die Zuschüsse des Entwicklungshilfeministeriums liegen auf Eis; zudem wird gefürchtet, dass die Spenden ausbleiben.

"Die Täter gehen meist nicht mit brachialer Gewalt vor, sondern setzen auf Vertrauen, Zuwendung und Zuneigung", berichtet Maurer aus ihrer Arbeit mit sexuell ausgebeuteten Kindern. Gerade in Entwicklungsländern werde Ausländern, die Hilfe bringen, sehr viel Vertrauen entgegengebracht. "Ich glaube nicht an den Selbstreinigungsprozess. Es braucht einen Druck von außen und Kontrolle."

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Autor: Jens Schmitz und Petra Kistler