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31. Januar 2010 14:28 Uhr
Jesuitenkolleg
Missbrauch: Skandal betrifft auch St. Blasien
Der Missbrauchsskandal in einer katholischen Elite-Schule in Berlin trifft möglicherweise auch St. Blasien. Der jetzt geständige Jesuitenpater hat in den 80-er Jahren am traditionsreichen Jesuitenkolleg in St. Blasien unterrichtet, wie dessen Direktor Pater Johannes Siebner am Sonntag sagte.
"Ich muss davon ausgehen und gehe davon aus, dass es durch ihn auch am Kolleg St. Blasien Fälle von sexuellem Missbrauch gegeben hat", sagt Pater Siebner. Ihn habe das Geständnis des Paters wie "aus heiterem Himmel" getroffen.
In einer Erklärung auf der Homepage des Kollegs verspricht Siebner "vollständige Aufklärung im Interesse der Opfer". Weiter heißt es: "Ich bin darüber zutiefst erschüttert; ich empfinde Trauer, Zorn und Scham ob der Verbrechen unserer ehemaligen Mitbrüder und ob der Tatsache, dass weder der Orden noch das Kolleg dies verhindern konnte. Ich schließe mich Pater Mertes SJ, Berlin, an, der eine Kultur des Wegschauens und Nicht-Wissen-Wollens beklagt. Das Kolleg St. Blasien und ich persönlich werden alles tun, was die Beauftrage des Ordens für die Prüfung von Fällen sexuellen Missbrauchs, Ursula Raue, bei der Aufklärung unterstützt."
Unterdessen hat im Missbrauchsskandal am Berliner Canisius-Kolleg dessen Rektor Klaus Mertes den Umgang der katholischen Kirche mit Homosexualität kritisiert. Zudem plädierte er im Berliner "Tagesspiegel am Sonntag" für eine Prüfung, wie Übergriffe auch an anderen katholischen Privatschulen besser verhindert werden könnten. "Die Kirche leidet an Homophobie", sagte er. "Homosexualität wird verschwiegen. Kleriker mit dieser Neigung sind unsicher, ob sie bei einem ehrlichen Umgang mit ihrer Sexualität noch akzeptiert werden."
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Die Leitung der Deutschen Jesuiten-Provinz fordert vollständige Aufklärung. Diese liege "im Interesse der Opfer" und sei "möglich und zwingend", heißt es in einer am Samstag in München veröffentlichten Erklärung des Provinzials Stefan Dartmann. Darin kündigt er an, am Montag das Berliner Gymnasium seines Ordens besuchen und weiter Auskunft geben zu wollen. Der Provinzial äußert "Trauer und Scham über die Verbrechen".
Bislang sind mindestens 22 Fälle sexuellen Missbrauchs in den 1970-er und 80-er Jahren durch zwei als Lehrer tätige Ordensleute am Canisius-Kolleg bekanntgeworden. Auf die Frage, ob die Täter für weitere Fälle an anderen Jesuiten-Schulen im Bundesgebiet verantwortlich seien, geht Dartmann nicht ein. Wie das Nachrichtenmagazin "Der Spiegel" berichtet, soll einer der beiden auch an anderen Jesuitenschulen Jungen missbraucht haben. Er sei unter anderem an der Hamburger Sankt-Ansgar-Schule und in Sankt Blasien tätig gewesen.
Laut Spiegel gab einer der beiden Beschuldigten zu, über Jahre Schüler missbraucht zu haben. Es sei "eine traurige Tatsache, dass ich jahrelang Kinder und Jugendliche unter pseudopädagogischen Vorwänden missbraucht und misshandelt habe", zitiert das Blatt aus einer Erklärung des heute 65-Jährigen, der in Südamerika lebt. Der zweite Beschuldigte weise die Vorwürfe zurück.
Die beiden schieden nach Ordensangaben Anfang der 1990-er Jahre freiwillig aus dem Jesuitenorden aus. Das Canisius-Kolleg hatten sie bereits Anfang der 80-er Jahre verlassen. Dartmann bestätigte, dass er Ende 2006 vom Rektor des Gymnasiums, Klaus Mertes, über "entsprechende Signale Betroffener" informiert worden sei. Die Opfer hätten damals um absolute Diskretion gebeten. Jetzt mache das Hervortreten einiger Opfer jedoch ein Untersuchungsverfahren zur vollständigen Aufklärung möglich.
Der Provinzial verweist auf das Engagement der Berliner Rechtsanwältin Ursula Raue, die sich im Auftrag des Ordens und doch unabhängig von der Ordensleitung um Aufklärung bemühe. Sie habe nicht nur mit Opfern, sondern auch mit Tätern Kontakt und wolle bis Mitte Februar einen Zwischenbericht vorlegen. Die Missbrauchsvorwürfe wurden an diesem Donnerstag durch einen Zeitungsbericht einer breiteren Öffentlichkeit bekannt.
Zuvor hatte sich der Schulrektor mit Briefen an rund 500 frühere Schüler der potenziell betroffenen Abiturjahrgänge gewandt. Die Vorgänge beschäftigen auch die Staatsanwaltschaft. Sie übernahm das Ermittlungsverfahren vom Landeskriminalamt. Derweil lobte der Beauftragte der Bischofskonferenz bei der Bundesregierung, Prälat Karl Jüsten, das bisherige Vorgehen von Mertes. Der Rektor bemühe sich offensiv um Aufklärung der Missbrauchsfälle und riskiere sogar, "den Ruf des Gymnasiums zu beschädigen", so Jüsten im "Tagesspiegel".
Im Skandal um den jahrelangen sexuellen Missbrauch von Schülern am Berliner Canisius-Kolleg hat einer der beschuldigten Priester die Vorwürfe bestätigt. Der frühere Sportlehrer Wolfgang S. schrieb in einer vom "Spiegel" veröffentlichten Erklärung, er habe "jahrelang Kinder und Jugendliche unter pseudopädagogischen Vorwänden missbraucht und misshandelt". Der zweite Beschuldigte bestritt demnach sämtliche Vorwürfe. In dem Brief an seine ehemaligen Schüler schreibt der frühere Sportlehrer und Jesuitenpater Wolfgang S. laut "Spiegel": "Was ich dir und euch angetan habe, tut mir leid. Und falls du fähig bist, mir diese Schuld zu vergeben, bitte ich darum." Das Schreiben ist demnach datiert auf den 20. Januar. Dem Magazin sagte der ehemalige Priester, er sei mit seiner Vergangenheit vor Gott und der Welt im Reinen.
S. trat laut Bericht 1992 aus dem Orden aus. Davor soll er demnach aber auch an anderen Jesuitenschulen in Deutschland Jungen missbraucht haben. Dies wollte S. heute nicht kommentieren, berichtete der "Spiegel". Der ehemalige Pater war demnach an der Hamburger Sankt-Ansgar-Schule und von 1982 bis 1984 in Sankt Blasien im Südschwarzwald tätig gewesen. Das Gymnasium dort habe er verlassen müssen. Der heute in Südamerika lebende 65-Jährige gab an, bereits 1991 seine "damaligen deutschen Provinzialoberen eingehend über meine verbrecherische Vergangenheit informiert" zu haben. Auch der Vatikan sei laut S. über die Verfehlungen im Bilde gewesen, schrieb der "Spiegel". Er habe dort "Zeugnis von meiner nichts beschönigenden Ehrlichkeit" abgelegt, zitierte das Magazin.
Der heutige Provinzialrat der Jesuiten in Deutschland, Stefan Dartmann, sagte dem "Spiegel", dass der Orden Kenntnis von den Straftaten des Paters am Canisius-Kolleg hatte. Der Orden habe jetzt eine Anwältin mit einer Prüfung der Akten beauftragt, "um festzustellen, was genau die Jesuiten damals wussten und welche Konsequenzen erfolgten".Der zweite Beschuldigte ist laut "Spiegel" der ehemalige Religionslehrer Peter R. aus Berlin. Der 69-Jährige sei für eine Stellungnahme nicht zu erreichen gewesen. Er habe die Vorwürfe vor Vertretern des Canisius-Kollegs bestritten.
Autor: afp
