Oper

Mit "Alcina" begannen die 41. Händel-Festspiele Karlsruhe

Georg Rudiger

Von Georg Rudiger

Mo, 19. Februar 2018 um 20:02 Uhr

Theater

Sie ist eine der farbigsten, dramatischsten Opern von Georg Friedrich Händel: "Alcina". Welchen Eindruck hinterlässt die Karlsruher Neuinszenierung des Amerikaners James Darrah?

Eine große Orchesterbesetzung mit Hörnern, Oboen und Flöten, sinnliche Ballett-Suiten und mit allerlei Finessen gespickte Koloraturarien – Georg Friedrich Händels 1737 für das neue Londoner Opernhaus Covent Garden komponierte, musikalisch reiche Oper "Alcina" war eine Kampfansage an die konkurrierende Opera of the Nobility, die mit Farinelli den bekanntesten Kastraten unter Vertrag hatte. 1978 begannen mit dieser Oper auch die ersten Händeltage Karlsruhe.

Nun hat sich das Badische Staatstheater zur Eröffnung der 41. Internationalen Händel-Festspiele erneut dieses dreiaktige "Dramma per musica" vorgenommen – und bringt es unter der Leitung von Dirigent Andreas Spering zum Blühen.

Die auf Originalinstrumenten spielenden Deutschen Händel-Solisten entfalten die große emotionale Bandbreite der Partitur. Schon im schnellen Teil der Ouvertüre werden die Achtel von den Streichern angestochen. Die Interpretation hat Biss und immer eine klare musikalische Richtung. Vielleicht wünscht man sich manche Affekte etwas stärker herausgekitzelt, manche Kontraste noch extremer. Aber Spering muss musikalisch nicht übertreiben, um die Emotionen der Protagonisten näher kommen zu lassen. Er setzt auf Maß und Mitte. Und vertraut auf einen verbindlichen Tonfall, der den Hörer nicht überfällt, sondern bei der Hand nimmt.

Ab und zu eine Videoprojektion

Dass der umjubelte, mit erstklassigen Solisten besetzte Abend trotzdem kein großer Wurf ist, liegt an der biederen, ideenarmen Inszenierung des jungen amerikanischen Regisseurs James Darrah, der mit dieser Produktion sein Deutschlanddebüt gibt. Alcinas Zauberinsel ist in Karlsruhe eine leere Spielfläche, die von beige-goldenen Wänden begrenzt wird. Ein dichter, beweglicher Wald aus schlanken Säulen, von denen ein Teil schräg gespannt ist, vermittelt nur begrenzte Magie. Im Laufe der Oper wird eine schwarze Wand hineingeschoben, deren Ausbuchtungen an die versteinerten Liebhaber Alcinas erinnern.

Mehr Ideen sind den Bühnenbildnern Emily Macdonald und Cameron Mock nicht eingefallen. Ab und zu wirft Adam Larsen eine Videoprojektion an die Wand, die das illustriert, wovon die Musik singt. Da läuft mal ein Löwe vorbei, der den verwandelten Vater Obertos darstellt. Layla Claires Gesichtszüge werden im Großformat gezeigt, wenn sie Alcinas Emotionen auf der Bühne verkörpert. Doppelt gemoppelt hält zwar besser, ist aber für spannendes Musiktheater eher kontraproduktiv. Auch die sechs Tänzerinnen und Tänzer des sogenannten Bewegungschors, der Alcina bei ihren Auftritten umgibt, sind redundant. Die fließenden Bewegungen der Akteure sehen zwar schön aus, können aber die Szene nicht verdichten. Ein wenig mehr Fokussierung gelingt dem Regisseur in der Personenregie, aber auch hier gibt es eine Tendenz zur Überdeutlichkeit, die manches Mal an schlechtes Schultheater erinnert.

Großartige Gesangsleistungen

Die öde Vorhersehbarkeit der Inszenierung steht dabei im echten Gegensatz zur Magie dieser faszinierenden Titelfigur. Nur die von Dramaturg Boris Kehrmann übersetzten Übertitel sind überraschend, wenn Melisso (Schön polternd: Nicholas Brownlee) den im Arioso "Col celarvi" (Ihr verbergt euch) lamentierenden Ruggiero als Waschlappen bezeichnet oder dieser zum Jagen geht, "um an seiner Kondition zu arbeiten".

Das Pfund, mit dem diese "Alcina" wuchern kann, sind die Solisten, allen voran Layla Claire in der Rolle der Titelfigur. Ihre auch von der Regie stimmungsvoll beleuchtete Arie "Ombre pallide" (Bleiche Geisterschar) wird zum emotionalen Höhepunkt des Abends. Ihr dunkel timbrierter Sopran bringt auch die Schatten dieser Figur zum Klingen. Und wenn diese von ihrem goldbemantelten Liebhaber Ruggiero verlassene Zauberin (Kostüme: Chrisi Karvonides-Dushenko) in ihrer einzigen schnellen Arie "Ma quando tornerai" (Doch wenn Du wiederkehrst) ihre Wut mit gezackten Koloraturen in den Zuschauerraum schleudert, dann möchte man lieber nichts mit dieser Frau zu tun haben.

David Hansens Ruggiero ist anfangs mit seinem nasalem Stimmklang und der flachen Mittellage noch etwas zu harmlos. Der australische Countertenor steigert sich aber enorm und gibt der Partie nach und nach mehr Plastizität und auch Durchschlagskraft. Aleksandra Kubas-Kruk ist eine überragende, kristalline Morgana. Benedetta Mazzucatos geerdete Bradamante hat Würde und emotionale Dichte. Mit Alexey Neklyudov (Oronte) und der Freiburgerin Carina Schmieger als souveränem, in der Höhe aufblühenden Knaben Oberto sind auch die Nebenrollen erstklassig besetzt. Am Ende verliert die verlassene Alcina ihre Zauberkraft. Und auch der Filmprojektor auf der Bühne gibt den Geist auf.

Weitere Vorstellungen: 21./24./27.2. 2018. 41. Händelfestspiele Karlsruhe, bis 2.März. http://www.staatstheater.karlsruhe.de