Wenn Sie sich diesen Artikel vorlesen lassen wollen benutzen Sie den Accesskey + v, zum beenden können Sie den Accesskey + z benutzen.
21. Februar 2009
Mit Anmut arm sein
Eine neue kritische Ausgabe der Werke Robert Walsers beginnt mit dem Roman "Die Geschwister Tanner " / Von Martin Kölbel
Aber auf einmal kam es anders", und der Korbflechter verlor sein Lebensglück. Die Massenproduktion ließ Warenhäuser "wie Ungeheuer" in die Höhe schießen, und sie duldeten kein Handwerk neben sich. "Schwindelgeist" und "unwürdiger Geschäftswettstreit" ka-men in Mode, doch der Korbflechter mit "dem kleinen Betriebskapital" weigerte sich, auf die kapitalistischen Tugenden umzuschulen. Lieber ging er pleite, heuerte für kleines Geld bei einer "Schreibstube" an und wurde ein typischer Arbeitssklave des frühen 20. Jahrhunderts.
Der Fortschritt und seine sozialen Schäden hätten durchaus harte Kritik verdient, doch der Schweizer Robert Walser entlockt ihm lieber wahre Wunderdinge. Erst lässt er den Familienvater ein "paar dicke Tropfen" weinen, dann "Eitelkeit" und "Vergleichs-lust" abstreifen, schließlich einen "Genuß der Welt" abseits der Geldsorgen haben. In der Kunst soll es gelingen: mit Anmut und Würde arm und einfach leben können.
Dies moderne Märchen mit dem unmodernen Ende war bis gestern weitgehend unbekannt. Robert Walser schrieb es 1906 für die "Geschwister Tanner" nieder, doch es fiel dem Lektorat vor der Drucklegung zum Opfer. Die neue kritische Ausgabe von Walsers Werken hat es nun erstmals an Ort und Stelle zugänglich gemacht. Dafür präsentiert sie das 179 Blatt starke Manuskript in bewährt radikaler Form. Faksimiles bilden die Handschrift ab; ihnen zur Seite steht eine zeichen- und standgenaue Umschrift, die jede noch so kleine Korrektur akkurat vermerkt.
Werbung
Der philologische Ehrgeiz der drei Herausgeber Wolfram Groddeck, Barbara von Reibnitz und Matthias Sprünglin wird schnell offenbar: Beherzt stoßen sie ein Fenster zu Walsers eigener Schreibstube auf. Von dem gewährten Einblick darf Aufregendes erwartet werden: Wie ein Schriftsteller mit Papier und Feder handelt, das verrät stets einiges über die Art seines Künstlertums. Bei den "Geschwistern Tanner" trägt es die reinlichen Züge des berufsmäßigen Schreibers. Seinen ersten Roman hat Walser binnen weniger Wochen und ohne Vorentwurf förmlich aufs Papier gezeichnet. Die fulminante Schönschrift erinnert ein wenig an die Bilderrahmen der Alten Meister: Man verzierte sie zuweilen reich und golden, um so den Wert der Gemälde zu steigern.
In der Tat begegnet Walser der Gattung Roman mit ästhetisch unruhigem Gewissen und legt es auch seinem Alter Ego Simon Tanner in den Mund: Er schreibe zwar "so etwas wie einen Roman", doch nur zum "Zeitvertreib", also nicht fürs eigene Renommée oder die Leserschaft. Diesen Nadelstich gegen das bürgerliche Leistungsdenken hat Walser vor der Drucklegung ausgestrichen. Vielleicht beschlich ihn das ungute Gefühl, ein Betriebsgeheimnis zu seinem Nachteil ausgeplaudert zu haben.
Gut möglich, dass Walser seinen Verlag mit der Schönschrift beeindrucken wollte, denn er hoffte auch auf einen Karriereschritt: Der Schreiber sollte zum Schriftsteller werden und damit seine Zeit als dienstleistender Nomade enden. Seit seinem siebzehnten Lebensjahr hatte Walser stetig Orte und Anstellungen gewechselt, um mit seiner Handschrift den Lebensunterhalt zu verdienen: als Gehilfe in Banken, Kanzleien, Verlagen. In Berlin quartierte sich der inzwischen 27-Jährige bei seinem Bruder fürs "stundenlange Schreiben am Schreibtisch" ein. Karl Walser knüpfte ihm wohl den Kontakt zum Verleger Bruno Cassirer. Dem soll der Roman "nicht besonders" gefallen haben, anders dagegen seinem Mitarbeiter Christian Morgenstern, dem Verfasser der "Galgenlieder". In ihm fand Walser einen ebenso begeisterten wie kritikfreudigen Förderer.
Lektor Morgenstern ließ sich von der Schönschrift mitnichten blenden, vielmehr bemängelte er einige Hässlichkeiten: "das Saloppe des Satzbaus, das ohne Not Weitschweifige, die zur Trivialität führende Selbstgefälligkeit, die grammatikalische Unsicherheit, die Schiefe und mangelhafte Durchführung eines oder des anderen gewählten Bildes". Die Herausgeber haben die beiden Beschwerdebriefe im Manuskriptband abgedruckt. Sie sind beinahe so lesenswert wie der Roman selbst.
Walser hatte tatsächlich dem "bischen" das Buckel-S verweigert oder manches Verb unsacht gebeugt. Fehler wie "bratete", "frierte", "wäschte" schrien förmlich nach Korrektur. Seinen Kampf ums "ordentliche Deutsch" hat der schweizerische Autodidakt dreißig Jahre später auch eingestanden. Eine Berner Sängerin soll ihn sogar getadelt haben: "Lernen Sie erst Deutsch, bevor Sie Geschichten schreiben wollen!" Ob das scharfe Wort seine Eitelkeit kränkte, sei dahingestellt; besagter Kampf ging ohnehin über diesen Affekt hinaus.
1914 veröffentlichte Walser unter dem Titel "Geschwister Tanner" ein kleines Prosastück. Launig erzählt es, wie der Roman entstanden sei, und taucht fast die gesamte Schreibarbeit in eine ungefährdete Euphorie. Die "Niederschrift" soll zögerlich begonnen, dann Fahrt aufgenommen, schließlich die Einfälle miteinander gespielt haben "wie glückliche, anmutige, artige Kinder". Sogar der Lektor konnte deren Spiel nicht verderben. Immerhin hatte er sich aber auf Regeln be-rufen, woran jede Schreiblust nur sauer werden kann, sogar im Nachhinein. Doch bei Walser wuchs sie offenbar mit der Stärke ihrer Widersacher.
Vielleicht hübschte er seine Schreibgeschichte auch trotzig auf, doch gerade dann gewönne sie noch an Aussagekraft: Keiner versteht sich so blendend auf die Kunst des Beschönens und Verfärbens wie Robert Walser. Auf sie scheint er seine ganze ästhetische Hoffnung gesetzt zu haben. Alles soll zum Vergnügen und Verzücken sein, damit es im Falschen nur Richtiges geben möge. Walsers Schreibfehler wirken da wie spröde Flecken, wo die schöne Schrift zu platzen droht. Elias Canetti nannte sie einmal sein "eigentli-ches Schicksal": "In dieser lassen sich gewisse Dinge nicht schreiben. Die Wirklichkeit paßt sich der Schönheit der Schrift an."
Der Roman bestätigt diesen Verdacht eindrucksvoll. So zweischneidig schön, wie Walser schreibt, erzählt er auch. Simon, seine Hauptfigur, darf natürlich reichlich fürs Schöne und Liebe schwärmen. Gleichwohl verwundert es, wie konsequent ihm die gängigen Gefühlslagen der Moderne erspart bleiben: Nirgends packen ihn Angst und Schrecken oder Scham. Seine Auftritte gelingen ihm vielmehr unheimlich souverän, so als wüsste er sich im Vorhinein von jedem Schicksalsschlag verschont.
Gleich zu Beginn gibt Simon eine Kostprobe seines Könnens. Er bewirbt sich bei einem "alten" Buchhändler als Aushilfskraft, mimt aber sogleich den Personal-chef höchstselbst. Der "knabenhafte" Bewerber beansprucht rückhaltlos die Deutungshoheit über seine Beschäftigung: Das Handeln mit Büchern soll unbedingt etwas "Entzückendes", "Liebliches und Schönes" haben. Dieser dezent rebellische Eifer prägt den gesamten Roman. Höflich, aber entschlossen reißt Simon den gemachten Bürgern die Moral unter den Füßen weg. Dann träumt er sich oder ihnen vor, welches Glück sich erleben lässt, wenn man nur blickt und schaut. Wer "Augen für die Wolken" statt für die Karriere hat, der wird wahrhaftig jubeln: "Ist das schön, frei zu sein".
Doch wie die Schönschrift kennt auch die Lebenskunst eine heimliche Tragik. Dem Tagträumer blühen ein ewiges Nomadentum und eine schlechte Karriere. Bevor Beruf und Familie ihre Stacheln oder Fesseln zeigen, muss gegangen werden. Und tatsächlich, nach acht Probetagen entlässt sich Simon einfach selbst. Auch die anderen Arbeitsplätze wird er über kurz oder lang verlassen, einen sogar mit einem unendlich wahren Ausspruch beschenken: "Ein Bankgebäude ist doch ein dummes Ding im Frühling". Doch bei Banken wird Weisheit nie belohnt: Das Geld scheut die geistige Freiheit wie das Reh den Pistolenschuss. Also muss der "Kampf um das tägliche Auskommen" stets von neuem aufgenommen werden. Zwar gerät Simon zuletzt an eine hinreißende Gönnerin, doch ihr "Kommen Sie nur" klingt viel zu schön, um wahr zu bleiben. Seinem späteren Vormund Carl Seelig hat Walser das mürrisch eingestanden: "Äußerlich genommen" wird auch das Romanende eine Station auf "der Reise von Niederlage zu Niederlage" gewesen sein.
Nach mäßigem Erfolg, drei Romanen und unzähligen "holzböckischen Zeitungsartikeln" endete 1913 Walsers Berliner Zeit. Zurück in der Schweiz gelang es ihm noch einige Jahre, für die Lichtseite des Schönen zu schwärmen. Aber mit fünfzig kam es auf einmal anders, den Schriftsteller befielen starke Angstzustände. Man befand ihn schizophren und überstellte ihn 1929 in die Heilanstalt Waldau, dann Herisau. Seine schöne Schrift schrumpfte zu einer winzigen, fast unleserlichen zusammen, zuletzt schrieb er gar nicht mehr. 1956 starb er genau wie in den "Geschwistern Tanner" beschrieben: Wie sein zweites Alter Ego Sebastian, ein Poet mit "merkwürdig tagedieberschen" Wesen, brach Walser auf einem Spaziergang zusammen und erfror im Schnee.
Der neuen Walser-Ausgabe ist ein überzeugender Start gelungen. So kundig und akkurat, wie die ersten beiden Bände gearbeitet sind, wird man kaum einen der geplanten 48 Bände missen wollen. Sicherlich verhilft diese große Ausgabe dem kleinen Klassiker Walser zu einem zweiten Frühling.
– Robert Walser: Kritische Ausgabe sämtlicher Drucke und Manuskripte, Geschwister Tanner, Band IV 1 (Manuskript) und I 2 (Erstdruck). Herausgegeben von Wolfram Groddeck, Barbara von Reibnitz und Matthias Sprünglin, Stroemfeld und Schwabe Verlag, 412 bzw. 340 Seiten, 86 bzw. 38 Euro.
Autor: Martin Kölbel
