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12. Juni 2009 14:15 Uhr

Georg-Scholz-Haus

Mit Fotografien Geschichten erzählen

Am Sonntag, 14. Juni, beginnt im Georg-Scholz-Haus Waldkirch (Merklinstraße) eine neue Ausstellung. Gezeigt werden Fotografien von Telemach Wiesinger.

WALDKIRCH. Dieses Bild hat etwas: Ein Hafenbecken ist von halbhohen Häuserblöcken und Industrie umgeben. In der Mitte – so der erste Eindruck – ein vor sich hin dampfendes Schiff. Alles ist auf den Mittelpunkt hin konzentriert. "Aha, Amerika", fährt einem beim ersten Ansehen durch den Kopf, um dann zum nächsten Bild zu gehen. Doch nein: Das zweite und dritte Hinschauen lohnt: Milwaukee in der Nähe des Chicago Rivers ist der Ort des Geschehens, das vermeintliche Dampfschiff eine frühere Drehbrücke, hinter der sich passend ein Schornstein versteckt hat. Irgendwo ist der Schatten eines Vogels zu sehen – aber kein Mensch. Nicht nur, wer selbst fotografiert, muss solche Motive anziehend und reizvoll finden.

Am liebsten schwarz-weiß

Telemach Wiesinger, von dem die Aufnahme stammt, sagt, es gebe sowohl Bilder, die im Moment wirken, als auch solche, die tiefer gingen. "Nicht, dass ich werten möchte", meint er, beide hätten Bildarten ihre Berechtigung. Ihn interessiere das dreidimensionale Erzählen, sagt der Fotograf mit Atelier in Riegel. Er wolle nicht abbilden: "Ich schreibe meine eigenen Geschichten dort rein". Wiesingers meistens schwarz-weiße Fotoarbeiten sind nicht allzu üppig im Georg-Scholz-Haus gehängt, einer der Räume ist sogar frei geblieben. "Reisender mit der Kamera" ist das Motto, am Sonntag ist Vernissage. Zu sehen ist die Ausstellung bis zum 26. Juli.

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Perfektion und Laborarbeit

Beherrschend ist der Eindruck, dass Wiesinger seine Arbeit gründlich durchdacht hat und sie mit Intelligenz und Charme zu vertreten weiß. Auf die Frage, warum er die Schwarz-weiß-Fotografie – nach analoger Weise mit eigener Arbeit im Labor – bevorzuge, hat Wiesinger gleich vier Antworten parat. Möglicherweise sei er farbenblind, scherzt er; erinnert an Samuel Fuller, der Schwarz-weiß realistisch fand; meint gar, er könne es nicht anders (wofür sich Gegenbeweise in der Ausstellung finden). Überdies sehe er in Grauwerten und Bunt schmecke ihm nicht. Unter den Arbeiten sind Beispiele, die durch große Perfektion beeindrucken, andere überzeugen dagegen nicht zwingend. Zu den ersteren gehört der Blick aus einem Flugzeugfenster auf das Triebwerk einer Maschine, der mit wenig Licht sehr kühl daherkommt. Insgesamt interessant ist die "Tide"-Serie zu nennen, die nach Wiesinger ein sehr altes Motiv aufgreift – das Meer und den Horizont. Rätsel gibt zunächst ein weiteres Bild auf: Der scheinbare Blick aus einem venezianischen Palazzo in einen Kanal entpuppt sich als in die Tiefe stürzendes Foto aus einem Schiff mitten im Meer.

Keine Frage des Formats

Den Einwand, die Aquarelle reproduzierte Farbarbeiten in einem der kleineren Räume des Hauses, seien im Format sehr klein, pariert Wiesinger mit der Bemerkung, er sehe "mit Argwohn, dass Bilder groß gemacht werden". Wirklich große Bilder seien jene, die im Kleinen und Großen gut seien, sagt Wiesinger. Seine Ausstellung entwickelt eine ihrer Qualitäten übrigens nach dem Verlassen des Georg-Scholz-Hauses: Der Blickwinkel verändert sich. Die Frage, was sehenswert, fotografierbar und besonders ist, nimmt der Betrachter mit. Und das spielt ja nicht nur für Leute, die mit Kamera unterwegs sind, eine Rolle.

Info: Vernissage: 14.6., 11 Uhr; Kunst im Dialog: 18.6., 20 Uhr (mit Roland Krieg & Telemach Wiesinger); Lesung mit Walter Mossmann: Donnerstag, 25. Juni, 20 Uhr; Filosofisches Forum: Freitag, 03. Juli, 20 Uhr; Schreibnacht in der Ausstellung: Samstag, 11. Juli, 19 Uhr; Finissage 26. Juli, 10 Uhr: Lesung der Texte aus der Schreibnacht 11 Uhr: Sommerfest mit der Gruppe "Patty O.", Öffnungszeiten: Donnerstag 15-20 Uhr; Freitag und Samstag 15-18 Uhr; Sonn- und Feiertag: 10-13 Uhr. Mehr Infos: http://www.georg-scholz-haus.de http://telemach-wiesinger.de/deutsch/fs.htm

Autor: Frank Berno Timm