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13. November 2017

Mit großer Selbstverständlichkeit und beiläufiger Finesse

Das Trio des amerikanischen Pianisten Fred Hersch spielte beim Auftaktwochenende des Festivals Jazzdor in Straßburg.

  1. Fred Hersch Foto: Jim Wilkie

Erst kürzlich hat Fred Hersch sein elftes Solo-Album vorgelegt. Der amerikanische Pianist, der fast vier Jahrzehnte Jazzgeschichte geschrieben hat, ist hierzulande leider kaum bekannt. Da kann man nur ein großes Lob nach Straßburg senden, wo Hersch jetzt sein langjähriges Trio bei Jazzdor vorstellte. Das zweiwöchige Festival startete am Wochenende.

Das Fred Hersch Trio setzte gleich zu Beginn die Messlatte so hoch, dass viele der nachfolgenden Bands daran scheitern könnten. Mit großer Selbstverständlichkeit und beiläufiger Finesse setzte sich das Trio in Szene. Es bewegte sich abseits ausgetretener Pfade, verschmähte Gängiges und Populäres. Es geht nicht nach gewohnter Trio-Praxis mit Swing hausieren, sondern pflegt eher eine klassische Ader, die die Herkunft seines Leiters unterstreicht. Dieser lässt sich Zeit, kommt ruhig, still daher, bewegt sich stets im mittleren Tempo, wenn man überhaupt von Geschwindigkeit sprechen will.

Eric McPherson tut es ihm gleich. Der Schlagzeuger geht vergleichsweise leise mit Trommeln, Becken und Besen um, umso nachhaltiger setzt er Akzente damit. Seine sensible Effektivität könnte das Trio nicht besser befeuern. Auch der Bassist John Hébert, in der New Yorker Szene kein Unbekannter, glänzt durch stete Präsenz. Ausdrucksstark kehrt er mit dem Bogen seine vokalen Qualitäten hervor. So verschmilzt dieses Trio zu einer unverbrüchlichen Einheit und ist dabei nie aufdringlich. Im Gegenteil: Es ringt allzu dominierenden Klavier-Trios neue Facetten ab.

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Fred Herschs harmonisch-melodischem Erfindungsreichtum sind keine Grenzen gesetzt. Es entstehen Spannungsbögen zwischen fröhlich-swingenden Themen, nachdenklichen Balladen, Standards und Eigenkompositionen. Der 62-jährige Pianist besticht durch eine hoch entwickelte Anschlagskultur. Lyrisches wird mit Ecken und Kanten gespielt. Thelonious Monk ("einer meiner Helden") verleibt sich Hersch lyrisch und variabel ein, eigenständig zwar, doch nicht ohne die stolpernden Töne seines Vorbilds durchblicken zu lassen. In diesem Umfeld wirkt selbst Paul McCartneys Song "For no one" vertraut, und der Sonny Rollins gewidmete Calypso ist gut zu tanzen.Fred Herschs Aussagen besitzen Tiefe von ernsthafter Sanftheit. Dass er nicht als einer der Großen des Jazzklaviers gilt, hat mit seinem Lebensweg zu tun. Nachdem er 1993 seine Homsexualität öffentlich gemacht hatte und seine HIV-Behandlung seit 1984 bekannt wurde, kam seine Karriere ins Schlingern. Nun scheint sie wieder festen Boden zu haben.

Am Tag zuvor hatte das das Festival mit Ralph Towner begonnen. Der in Rom lebende Amerikaner spielte auf der klassischen Gitarre Solo-Improvisationen, ehe sich Paolo Fresu mit voller Gelassenheit zum Duo anschloss. Anschließend stellte der italienische Trompeter sein Devil 4tet vor. Satanisch ging das Quartett allerdings nicht vor; es labte sich vielmehr an den elektrischen Exzessen von Miles Davis – zum Vergnügen des Publikums im nicht ganz ausverkauften Auditorium de la Cité de la Musique et de la Danse, dem inmitten der Europastadt liegenden Konservatorium.

Das Festival Jazzdor Strasbourg dauert noch bis zum 24. November.

Autor: Reiner Kobe