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14. September 2012

Mit Thomas D. im Schlafzimmer

Max Mutzke wagt sich auf seinem neuen Album "Durch einander" an jazzigen Pop und ungewöhnliche Themen.

  1. Im Dezember stellt er seine neue CD im Freiburger Jazzhaus vor: Max Mutzke Foto: Heiko Franz

Er nennt es ein Jazzalbum. Aber wer nun denkt, Max Mutzke sänge Standards aus dem Great American Songbook, der irrt. Der Vokalist aus Waldshut-Tiengen, der sich seit seiner Eurovisions-Teilnahme 2004 unter Stefan Raabs Regie eine Karriere im Deutsch-Soul aufgebaut hat, hat jetzt mit "Durch einander" ein Album aufgenommen, das sich nur schwer einordnen lässt. Jazz ist ein Element darauf, Deutsch-Pop und US-Soul sind weitere, das Balladeske kommt noch dazu. Ein Wagnis, das sich Mutzke da leistet.

Mit Jazz ist der heute 31-Jährige aufgewachsen. Im Gespräch erzählt er, dass er mit dem Vater und dem Bruder, der heute Trompeter ist, früher immer nach Freiburg oder Zürich fuhr, um Jazz zu hören. Als er dann Soul sang, war das zwar seine zweite Lieblingsmusik, aber er fühlte sich irgendwann, sagt er, als habe er den Jazz verraten. Die Idee, ein Jazzalbum zu machen, sei denn auch seine eigene gewesen, nicht die einer Plattenfirma. Nachdem sein Vertrag mit Warner mit der CD "Home Work Soul" 2010 ausgelaufen war, hatte Mutzke eh kein Label mehr. Sein neues Album hat er in Eigenregie finanziert, ehe er es Plattenfirmen anbot. Sony hat es gern genommen.

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Ein wesentlicher Faktor in dem Projekt war Wolfgang Haffner. Der Schlagzeuger, einer der prominentesten deutschen Jazzer, hat Mutzkes Album produziert. Er ist auch kein Mann konservativer Genre-Grenzziehungen. Mutzke und er, die befreundet sind, haben eben kein "Autumn Leaves" oder "Summertime" für die CD ausgesucht. Die habe in seiner Studienzeit an der Freiburger Jazz- und Rockschule ja jeder gespielt, sagt Mutzke lachend, heute könne er sie nicht mehr hören. Stattdessen bearbeiteten Haffner und er Popsongs wie "Telephon" von Ideal und "Ohne Dich" von Selig. Aus dem ersten wird astrein swingender Jazz, mit perlendem Piano von Roberto Di Gioia und pochender Percussion von Haffner, aus dem zweiten eine bluesige Ballade.

24 Stücke hatten Haffner und Mutzke auf dem Zettel, satte 17 sind nun auf dem Album. Um diese lange Strecke bunter zu machen, wie Mutzke sagt, hat er Leute, die er lange kennt und gut findet, angerufen. So spielt Götz Alsmann Akkordeon auf "Du und ich", Cassandra Steen singt auf "Me and Mrs. Jones".

Mit Saxophonist Klaus Doldinger und Posaunist Nils Landgren sind große Jazzer dabei, auf zwei der acht englischsprachigen Titel des Albums. Die allerdings nicht die stärksten sind. An Marvin Gayes Soul-Klassiker "What’s Going on" etwa haben sich schon andere verhoben, bei Mutzke hat das Klagelied trotz seiner rauen Stimme wenig Intensität. Und der New-York-Song "Empire State of Mind" von Jay-Z ist bei ihm nicht weltstädtisch genug.

Vielleicht hätten Mutzke und Haffner die acht fremdsprachigen Stücke streichen sollen, auch wenn es schade um die schöne Fassung von Paul McCartneys "Michelle" gewesen wäre. Aber übrig geblieben wäre ein überzeugendes deutschsprachiges Album. "Durch einander" wartet noch auf mit jazzigen Versionen von "Weil ich dich liebe" und "Song für Dich", die von früheren Platten Mutzkes stammen. Und mit einer herrlichen Version (auf der Wigald Boning atemlos Flöte spielt) von "Sommerregen" von den Fantastischen Vier .

Einer der Rapper, Thomas D., ist auch persönlich zu Gast: In dem erstaunlichen Stück "Du bist zu sexy" schlüpfen Mutzke und er in die Rolle zweier Männer, die zu ihrem eigenen Erstaunen miteinander im Schlafzimmer landen. Zwei Vokalisten mit eindeutig heterosexueller Ausstrahlung, wie Mutzke meint, plädieren auf diese Weise für Toleranz gegenüber Homosexuellen. Und noch ein unerwartetes Thema gibt es: Im Titelstück versetzt sich Mutzke in die Seele eines depressiven Menschen. Er hat, so erzählt er, bei zwei engen Freunden miterlebt, was Depressionen anrichten. Und nimmt sich sechs Minuten lang Zeit, dem Hörer eine Ahnung davon zu vermitteln.

Solche wenig standardmäßigen Momente machen die Stärken von Mutzkes Album aus. Wenn er es bald auf die Bühne bringt, will er davon mehr bieten: Als Live-Band hat er das experimentelle Trio Monopunk um den Pianisten Maik Schott verpflichtet. "Ganz klar anders" würden dann die Lieder klingen, eine "unglaubliche Reibung" werde zwischen ihm und dem Trio entstehen. Mutig ist Mutzke allemal.
– Max Mutzke: Durch einander (Columbia/Sony). Konzert: Freiburg, Jazzhaus, 4. Dezember.

Autor: Thomas Steiner