Mit Wut und Wucht

Jörn Florian Fuchs

Von Jörn Florian Fuchs

Mo, 19. Februar 2018

Klassik

Claus Guth und Laurence Cummings mit Händels "Saul" in Wien.

Während der Ouvertüre ahnt man bereits, wie die Sache ausgeht. Da steht, kniet, schleicht ein alter Mann durch die karge Gegend, Händels farbig flimmerndes Melodienfeuerwerk wirkt wie ein zynischer Kontrapunkt. Was folgt, ist eine minutiös und vielschichtig erzählte Verfallsgeschichte: Der einst beliebte Herrscher Saul muss seinen Platz zugunsten des jungen Strahlemanns und Kriegshelden David räumen. In der Lesart Claus Guths sind nicht nur die Töchter Sauls, Merab (mit quicklebendigem Sopran: Anna Prohaska) und Michal (elegant-elegisch: Giulia Semenzato), sondern auch sein Sohn Jonathan (Andrew Staples) und eigentlich auch der Patriarch selbst von David angezogen.

Saul spiegelt sich im anfangs etwas täppisch den Schädel Goliaths präsentierenden David, dazu lässt Guth das Geschehen zeitlupenhaft einfrieren. Es gibt auch einen echten Doppelgänger beziehungsweise ein spukhaftes Wesen, eine Art Begleitgeist, der in einer Ecke lehnt und den langsamen Abschied Sauls von Macht und Verstand beobachtet. Florian Boesch zeigt die titelgebende Figur mit brillantem Körper- und Vokaleinsatz, Countertenor Jake Arditti singt David lustvoll keck, mit angenehmem, androgynem Timbre und schönen Verzierungen. Guth und sein Ausstatter Christian Schmidt haben sich wie so oft für eine Drehbühne entschieden, es wechseln archaisch düstere Räume mit einem Teesalon für die nur scheinbar feine, in Wirklichkeit arg zerrüttete Familie. Der von Erwin Ortner perfekt einstudierte Arnold Schoenberg Chor tritt mal als Abendgesellschaft, mal als Davids Jüngerschaft in hellem Ornat auf.

Guth gewinnt Händels viertem Oratorium (1739 uraufgeführt in London, wenige Jahre vor dem berühmten "Messiah") stupende szenische Qualitäten ab und verschränkt mühelos den alttestamentarischen Konflikt (Sauls Ringen mit Gott, der abwesend bleibt, dafür gibt es neumythologischen Sektenkult) mit einer gegenwärtigen Ästhetik. Dabei setzt Guth auch immer wieder bewusst auf Überzeichnung, auf komische Elemente.

Im Graben sitzt das Freiburger Barockorchester unter Laurence Cummings. Der Händelfachmann belebt die eigenwillige Partitur (mit wenigen Bravourarien und kaum Wiederholungen), Glockenspiel, eine überraschend eingesetzte Orgel, dazu viel Naturblech sorgen für Atmosphäre und Dynamik. Bei vielen instrumentalen Soli und manchen Accompagnati entsteht eine echte szenische Ebene, die wunderbar mit dem Bühnengeschehen korrespondiert. Einmal mehr zeigt sich, dass Guth mit entsprechenden musikalischen Partnern als bühnenuntauglich geltende Werke atemberaubend inszenieren kann, während er im Standardrepertoire öfters (etwa beim Salzburger "Fidelio" vor ein paar Jahren) in Kunstgewerblichkeit stecken bleibt.
Im Theater an der Wien gab es Ovationen, ohne den geringsten Hauch eines Buhs.