Neue Nachbarn

Moschee und Landesgartenschau: Wie erleben Anwohner die Veränderungen in Lahr?

Mark Alexander

Von Mark Alexander

Fr, 24. August 2018 um 16:27 Uhr

Lahr

Die Anwohner der Römerstraße leben in einem Umfeld, das sich stark verändert: Landesgartenschau, Moschee, Pflegeheim. Was halten sie von den neuen Nachbarn? Ein Besuch in der Römerstraße 1.

Fünf Häuser, 1000 Menschen, zahllose Nachbarn: Die Anwohner der Römerstraße bilden sozusagen einen eigenen kleinen Stadtteil in Lahr. Sie leben in einem Umfeld, das sich stark verändert: die Landesgartenschau, die Moschee, das Pflegeheim im Kleinfeldpark. Was halten die Anwohner von diesen neuen Nachbarn? Und wie lebt es sich mit so vielen Nachbarn im Hochhaus? Ein Besuch in der Römerstraße 1.

Was für eine Aussicht. Hier im Penthouse, im 16. Stock, liegt einem Lahr zu Füßen. Der Blick schweift in die Ferne bis zum Europa-Park, bis zum Straßburger Münster.

Dann schweift er auf die andere Straßenseite, zum großen neuen Nachbarn. Der verteilt sich auf drei Parks, kann mit einem See aufwarten und macht an diesem Freitagabend mit jazzigen Klängen auf sich aufmerksam. Die Bewohner des Hochhauses haben sich diesen neuen Nachbarn nicht ausgesucht. Aber sie haben ihn schätzen gelernt: Es ist die Landesgartenschau.

Mit Jazz kann Ilse Lörcher gut leben. "Gestern, da liefen Schlager, das war schrecklich", sagt sie. Was auch immer unten auf der Gartenschau läuft, hier oben läuft es auch. Ilse Lörcher und Werner Fischer haben auf der Penthouse-Terrasse eingedeckt. Hier trifft man sich heute zum Pressetermin, mit dem Nachbarn aus dem Penthouse, mit Nachbarn aus dem zehnten Stock.

"Lahr hätte nichts Besseres passieren können", sagt ein Anwohner

Sie alle sind sich einig: Die Landesgartenschau nebenan ist ein Gewinn. Die meisten haben Dauerkarten. Obwohl einige das Geschehen auch von der Terrasse verfolgen könnten. "Ich war früher ein eingefleischter Gartenschaugegner", sagt Fritz Pachot. Jetzt, mit Blick über den Balkon hinaus, sieht er das anders: "Als ich das erste Mal da war, war ich dermaßen platt. Lahr hätte nichts Besseres passieren können."

Ulrich Storz aus dem zehnten Stock freut sich über den Freizeitwert, über die neuen Sportstätten. "Und außerdem habe ich jetzt die Gewissheit, dass hier kein Industriegebiet hinkommt. Das ist für mich wie ein Sechser im Lotto." Nur eines hätte er sich gewünscht: Einen Preisnachlass für die Anwohner, die so lange die Großbaustelle vor der Tür hatten. "Aber das sind Peanuts."

Wenn es um den Wohnwert geht, dann ist nicht mehr von Peanuts die Rede. "Die Landesgartenschau wertet das ganze Viertel auf", sagt Harald Störk, der Beiratsvorsitzende der Wohnungseigentümergemeinschaft. "Der Wert einer Wohnung hat sich fast verdreifacht." In einem Internetportal steht auch prompt eine Wohnung im Gebäude zum Verkauf. Währenddessen stellen alle Anwesenden klar: Sie wollen hier bleiben.

Mit der Moschee nebenan haben sich die Anwohner "arrangiert"

Kupferfarben glänzt die Kuppel der Moschee im Abendlicht. Seit einigen Monaten gehört das Gotteshaus der Türkisch-Islamischen Gemeinde zu den neuen Nachbarn. Anfangs haben viele Anwohner das Projekt kritisch beäugt, mehr als 1000 Unterschriften gegen den Standort Römerstraße wurden gesammelt. "Fast alle aus dem Viertel haben unterschrieben", sagt Störk. Er war dabei, als die Unterschriften im Rathaus dem Oberbürgermeister überreicht wurden. Warum die Bedenken? Caroline Himmelsbach nennt einen Grund: "Wir hatten hier Sorge um die Parkplätze."

Jutta Storz stört etwas anderes: "Wir Anwohner wurden hier vor vollendete Tatsachen gestellt." Ihr Mann ist wenig erfreut darüber, dass beim Freitagsgebet einmal alles zugeparkt war. Und dass auch spätabends und sonntags auf der Baustelle gearbeitet wird. Dafür könne sich das Ergebnis sehen lassen: "Das ist ein schönes Gebäude geworden", sagt Ulrich Storz. "Wir haben uns damit arrangiert."

Er geht davon aus, dass der Großteil der Nachbarn im Haus das mittlerweile ähnlich sieht. "Mindestens 80 Prozent." Er kann sich auch vorstellen, die neuen Nachbarn in der Moschee zu besuchen. Und Ilse Lörcher wehrt sich dagegen, dass Kritik im Namen aller Anwohner geübt wird: "Mich hat die Moschee noch keinen Moment gestört."

Weit weg vom Hochhaus-Klischee

Einig sind sich die Hochhäusler in einem Punkt: Sie alle leben sehr gern hier. Auch wenn das Außenstehende manchmal gar nicht glauben wollen. Ulrich Storz kennt sie alle, die Hochhaus-Klischees, die Gerüchte vom Brennpunkt.

Er, der seit mehr als 30 Jahren hier wohnt, hört das immer wieder. "Aber wenn dann jemand hier reinkommt, dann kippt ihm die Kinnlade runter", sagt er. Dave Dieter nickt zustimmend. Als Kind hat er schon hier gewohnt, dann zogen die Eltern weg. Dann war da das Heimweh. Mittlerweile ist er zurück in der Wohnung, die er aus Kindheitstagen kennt. Eine Eigentumswohnung, so wie die meisten in der Römerstraße 1.

Viele Eigentümer wohnen selbst in den Wohnungen und geben sie an die Familie weiter

Nicht selten bleibt das Wohneigentum in der Familie, die Kinder somit im Haus. "Zwei Drittel der Eigentümer wohnen selbst hier", sagt Stork. Und Eigentum verpflichtet ja bekanntlich. "Hier ist alles sehr gepflegt."

Das gepflegte Beisammensein schätzen sie auch alle.

"Das ist hier eine große Familie. Man hilft sich gegenseitig", sagt Ralf Hüttenrauch. Zuletzt haben sich die Kontakte beim Hausfest an der neuen Boulebahn verfestigt. Das Oktoberfest steht schon fest im Terminkalender. "Das Festkomitee steht auch", sagt Storz und lacht.

Aus seiner Wohnung im zehnten Stock blickt er auf die nächste Baustelle. Auf der Nordseite entsteht das neue Pflegeheim im Kleinfeldpark. Den Bau kann er beim Frühstück beobachten. Es stört ihn nicht, im Gegenteil. Ein Seniorenheim mit Café in der Nachbarschaft, die Sportstätten, die neue Kita, Parks und See vor der Haustür. "Mich bringt hier nichts mehr weg." Wer aus dem Penthouse im Abendlicht in Richtung Seepark blickt, der kann das durchaus nachvollziehen.