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29. Januar 2009

Motive verwandeln sich in Sprache

Christoph Meckel zeichnet bei sehr gut besuchter Lesung im Waldkircher Georg-Scholz-Haus ein Porträt von Marie Luise Kaschnitz.

WALDKIRCH. Wären alle Veranstaltungen im Georg-Scholz-Haus so unglaublich gut besucht wie die Lesung Christoph Meckels am Sonntag, müssten sich die Veranstalter zusätzliche Stühle anschaffen. Der Freiburger Dichter und Grafiker kam nach einem Vortrag über Georg Scholz vor drei Jahren, an den Roland Burkhart zur Begrüßung erinnerte, zum zweiten Mal nach Waldkirch. Im Mittelpunkt seiner Lesung stand Marie Luise Kaschnitz (1901 bis 1974), mit der Meckel eine offensichtlich außergewöhnliche Freundschaft verbunden hat: "Marie Luise Kaschnitz war eine Person, die leicht zu bejahen war", so der Freiburger Autor, ein "Leuchtturm, absolut klar". Christoph Meckel zeigte bei dieser Lesung, wie wichtig und entscheidend eine solche Figur für ihn war, schließlich sei er unter Nazis aufgewachsen: "Alle Lehrer am Freiburger Kepler-Gymnasium waren Nazis", so sein Urteil.

Meckel las nicht nur aus seinem Buch "Wohl denen, die gelebt" (. . . ehe sie sterben – der Satz steht auf dem Brunnen im Bollschweiler Schlosshof, wo er die Kaschnitz besuchte), er streute in die, wegen der Überfülle immer wieder unterbrochene Lesung Texte von Marie Luise Kaschnitz selbst ein. Mit Meckels Beschreibungen von seinen Besuchen in Bollschweil, von Spaziergängen und Gesprächen mit der Autorenfreundin, die er erstmals 1971 besuchte, entstand ein angenehm offen wirkendes Bild von einer Autorin, die nicht nur authentisch, sondern tatsächlich fähig zum wirklichen Gespräch war. Er habe von der Möglichkeit des Sprechens und Sagens vor allem das Nichtgesagte behalten, so Meckel.

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Nach Johann Peter Hebel sei Marie Luise Kaschnitz die größte Dichterin der Regio gewesen. Sie habe in den Überlieferungen dieser Landschaft gelebt, sei aber nicht provinziell gewesen – ausführlich zitierte Meckel aus Kaschnitz’ Gedicht "Beschreibung eines Dorfes". Marie Luise Kaschnitz habe "keine heile Welt" beschrieben und sie auch nicht gefordert. Nach dem Tod ihres Mannes habe sich ihre Sprache verändert.

Christoph Meckel nahm die Kaschnitz gegen den Vorwurf der Sentimentalität in Schutz – die Dichterin ihrerseits habe ihm nahe gelegt, nicht auf Trost und Tröstung zu verzichten. Im Alter, so erfuhren die Besucher der Waldkircher Matinee, trafen sich Marie Luise Kaschnitz und Peter Huchel, die sich seit den dreißiger Jahren kannten, wieder. Sie gingen miteinander spazieren, schlossen Freundschaft. Meckel: "Die Fragende wird die Kaschnitz gewesen sein".

Christoph Meckel hatte zum Auftakt der Lesung klargestellt, ein Schriftsteller könne nicht "über" etwas schreiben und an sein Buch "Suchbild über meinen Vater" erinnert. Es gehe um die "Verwandlung eines Motivs in Sprache". Das ist ihm in seinem Kaschnitz-Buch auf sehr eindrückliche Art und Weise gelungen.

Viel Beifall für einen Vormittag, aus dem man neben dem Echo der Kaschnitz-Begegnungen Meckels  die Frage mitnehmen konnte, welches die eigenen, entscheidenden Begegnungen waren und sind.

Autor: Frank Berno Timm