Wenn Sie sich diesen Artikel vorlesen lassen wollen benutzen Sie den Accesskey + v, zum beenden können Sie den Accesskey + z benutzen.
12. September 2011 11:07 Uhr
Schwarzwald-Bike-Marathon
Kaufmann und Purath gewinnen Königsstrecken
Eine traumhafte Hitzeschlacht mit klaren Siegern: Mit Leichtigkeit haben zwei Profis die 120-Kilometer-Strecke des Schwarzwald-Bike-Marathons dominiert: Markus Kaufmann und die Bianca Purath gewannen auf der Königsstrecke.
Der 11. September 2011 ist es Wert, im Gedächtnis haften zu bleiben. Nicht allein, weil er an zwei gefallene Türme erinnert, sondern auch an Leidenschaft auf ebenso malerischen wie kraftraubenden Strecken in spätsommerlicher Hitze bei der 15. Auflage des Schwarzwald-Bike-Marathon. Der frisch gebackene Senioren-Straßenweltmeister muss es wissen: "Furtwangen ist ein Traum", fasste Uli Rottler, MTB-Urgestein aus Villingen und gestern mit jugendlichen 57 Jahren Zehnter über 90 Kilometer, die Gefühle der 1723 Starter zusammen, die auf fünf Strecken stundenlange Grenzerfahrungen erlebt hatten.
Morgens um sieben ist die Welt an diesem 11. September außerhalb der Norm. Noch lauert die Sonne zwischen Nacht und Tag hinter Fichtenschonungen, die Furtwangen einrahmen wie einen Solitär. Bei 15 Plusgraden schwitzen die unerschrockenen 115 Ultra-Ausdauer-Sportler schon vor der ersten Kurbelumdrehung. "So heiß war’s hier noch nie", frotzelt der Nußbacher Roland Kienzler, der fünf Stunden und 15 Minuten später auf Rang zwölf notiert wird und erinnert sich an das seit 15 Jahren gewohnte Furtwanger Standardwetter beim Bike-Marathon: "Graupel, Regen, knapp über Null." Handschuh-Wetter. Handschweiß bekommen viele Mountainbiker, wenn sie nur an diese Strecke denken: 120 Kilometer, 3000 Höhenmeter, ein Ritt über zackige Steigungen, die auf dem Höhenprofil so scharf in den Himmel stechen wie Messerspitzen. Ein Alptraum auf zwei Rädern. Mit garantierten Schmerzen und guten Chancen auf Stürze. Eine Schinderei. Die will nicht jeder erleiden.Werbung
Das erklärt, warum der Trend beim Schwarzwald-Bike-Marathon weg geht von der brutalen Ultra-Ausdauer-Distanz – und hin zum Mittelstrecken-Abenteuer. Bei der Premiere vor 15 Jahren (mit Dauerregen) gab es nur die Extrem-Langstrecke und die "Kurzstrecke" – den 90 Kilometer langen Marathon. Gestern wurden rund um Furtwangen gleich fünf Strecken angeboten: 299 Biker starteten über 90 Kilometer, 627 über 60 Kilometer, 616 auf der 42-Kilometer-Strecke – und immerhin 66 Frauen mussten nicht fürchten, auf den Abfahrten über Stock und Stein von rüden Downhill-Machos abgedrängt zu werden. Auf der 30 Kilometer lange Ladies-Tour waren Männer per Reglement tabu. Zur Freude von Lena Wehrle. "Cool", befand die Juniorin des SV St. Märgen nach ihrem souveränen Sieg in 1:19,07 Stunden. "Aber kürzer darf es nicht mehr sein." Länger schon, wenn es nach Markus Kaufmann geht. 120 Kilometer sind für den Meckenbeurer, der in Furtwangen schon dreimal auf der 90-Kilometer-Strecke triumphiert hatte, im Training und Wettkampf Standard. "Lieber länger, lieber härter", trainiert der 30-Jährige des Teams Centurion-Vaude seit diesem Jahr. Mit durchschlagendem Erfolg. Zweiter war er auf der Ultra-Strecke rund um Kirchzarten an einem winterlichen Juni-Sonntag und Dritter im August beim Etappenrennen Trans-Schwarzwald.
In Furtwangen ist Kaufmann an diesem Sonntag eine Klasse für sich. Vom Start weg diktiert er, als der Morgen graut, in einer Fünfergruppe an der Spitze das Tempo. Rad an Rad mit seinem Breitnauer Teamkollegen Matthias Bettinger, dem Vorjahreszweiten Uwe Hardter (Freiburg), Roland Golderer (Keltern) und dem Freiburger Benjamin Jörges. Doch im Niemandsland zwischen Brend und Schonach scheinen nach 40 Kilometern alle Siegeshoffnungen zerplatzt. Mit sattem Plopp quittiert zuerst der Vorderreifen, dann das Hinterrad die Rubbeltour über spitze Porphyrkiesel mit abruptem Druckverlust. Kaufmann steht da wie festgeklebt, während die Fluchtkollegen am Horizont verschwinden. Fluchend wie ein Kesselflicker, weil die vermaledeite Druckluftpatrone bei 25 Grad Plus vereist (!) und den Dienst versagt. Luft gibt es dann doch. Aus einem LKW-Reifen. Nach fünf Minuten Stehpause. Spät. Zu spät? Neunter ist Kaufmann jetzt und eigentlich chancenlos. Doch dann wird die Fahrt von der Schönen Aussicht hinab nach Niederwasser zum traumwandlerisch sicheren Tiefflug. Der Pneu hält. Und auf der maledeiten zehn Kilometer langen Klettertour über Gremmelsbach hinauf auf die Höhen über St. Georgen attackiert er mit Wut im Bauch.
"Da hab’ ich voll durchgezogen", erinnert sich Kaufmann später. Aus dem Rückstand wird die Führung. Am Klosterweiher hat er 2:10 Minuten Vorsprung. Und nach 4:32,37 Stunden und 120 Kilometern reckt er auf der langen, von hunderten Zuschauern gesäumten Zielgeraden vor dem Furtwanger Uhrenmuseum beide Arme. 2:08 Minuten dahinter kurbelt Vorjahressieger Friedrich Dähler (Schweiz) vor Uwe Hardter (Freiburg) auf Rang zwei. Der Breitnauer Matthias Bettinger überquert als Sechster mit 11:42 Minuten Rückstand auf den Sieger so ungelenk den Zielstrich, als sei er ein hölzernes Bengele. Weder den linken noch den rechten Arm kann er, geplagt von Krämpfen, heben. "Heute war nicht mein Tag", sagt der hünenhafte Mann mit der ihm eigenen stoischen Gelassenheit. "Aber Furtwangen ist einfach toll. Darauf freu’ ich mich jedes Jahr." Das wichtigste Abenteuer hat er in diesem Jahr noch vor sich. Seine Heirat. Das ist ein Ziel, von dem es sich zu träumen lohnt.
Furtwangen, Sonntag um halb eins: 30 Grad. Wie Wildschweinrotten hetzen die quietschbunten Pulks der Hobbyfahrer, die 42 oder 60 Kilometer hinter sich gebracht haben, über die Zielgerade. Jetzt, wo jeder zuguckt, wird im Sprint um Zentimeter und Zehntelsekunden gekämpft. Manch einer hat da dank Schwungmasse und mit Würde über den Kurs getragenem Ballast-Fässchen auf den letzten Metern klare Vorteile. Schweißnass sind sie alle – und beseelt (nicht nur die Männer!) von lautstark geäußerten Wünschen: "Ein Bier. Hier!"
Doch dann verstummt der Chor für Sekunden. Ehrfürchtig. Weil eine junge Frau solo entspannt Richtung Ziel rollt, die vorgibt, 120 Kilometer im Sattel "genossen" zu haben: Bianca Purath vom Team Rothaus-Poison gewinnt nach 5:29,23 Stunden mit mehr als 23 Minuten Vorsprung vor Jana Zieschank (Frankfurt). Im vergangenen Jahr lag die ehemalige Junioren-Zeitfahrweltmeisterin aus Hubertshofen nach einem Rennunfall mit gebrochenem Becken monatelang eingegipst im Bett. In Furtwangen wirkt sie an diesem sonnenüberfluteten Sonntag so beweglich wie eine Ballerina. Und unausgelastet: "Nur die letzten zehn Kilometer waren bei Gegenwind hart. Sonst war’s ein Spaß."
Der durchs Tal pfeifende berüchtigte "Bregtäler" entschied schließlich auf dem Bahndamm zwischen Vöhrenbach und Furtwangen das Rennen über 90 Kilometer mit: Rene Tann (Suhl) gewann nach 3:16,58 Stunden vor dem Hechinger Torsten Marx und Matthias Pfrommer (Calw). "Hochzufrieden" mit Rang vier zeigte sich der Neu-St. Märgener Andreas Kleiber (Rothaus-Poison). Eine Demonstration der Stärke bot Sarah Zimmerlin (Freiburg), die für das von Klaus Ketterer geleitete Wheeler-ixS-Team aus Titisee-Neustadt fährt: Über 90 Kilometer der Frauen ließ sie ihren Konkurrentinnen keine Chance und gewann nach 3:58,39 Stunden mit 10:41 Minuten Vorsprung auf Katharina Alberti (Ottobrunn) überlegen. Das Rennen über 60 Kilometer gewann Annette Griener (Murg) vor Agnes Naumann (Freiburg) – bei den Männern setzte sich der Münstertäler Andreas Muckenhirn nach 2:05,39 Stunden durch, der am ersten Anstieg noch "Blei in den Knochen" gespürt hatte.
Über Zipperlein mag Robert Kammerer vom SC Villingen an diesem Sonntag nicht reden. 3:19,23 Stunden für 60 Kilometer sind ihm ein saloppes "haja, war guet" wert. Was er an diesem Sonntag noch vorhat? "Vielleicht wär’ ein Spaziergang schön", sagt der Mann aus Mönchweiler. In ein paar Monaten wird er 73 Jahre alt.
- Schwarzwald-Bike-Marathon: Die Ergebnisse
Autor: Johannes Bachmann


