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18. Oktober 2016

Arbeit wird nicht weniger – aber anders

Beim Kommunalen Flüchtlingsdialog in Müllheim soll gemeinsam überlegt werden, wie die Integration von Flüchtlingen gelingen kann.

  1. Deutschunterricht ist für die Flüchtlinge wichtig, aber integriert zu werden, ist noch wichtiger. Foto: Symbolbild: dpa

MÜLLHEIM. Fast genau zwei Jahre ist es jetzt her: Im November 2014 erreichten die ersten Flüchtlinge Müllheim, damals zogen sie vorübergehend in eine Turnhalle ein. Jetzt, Jahre später und um einige Erfahrungen reicher, möchten der Helferkreis des Vereins Zuflucht Müllheim und die Stadt inne halten und überlegen: Wo stehen wir? Und wo soll es hingehen? Gelegenheit für die Bürger, sich an diesen Überlegungen zu beteiligen, soll der Kommunale Flüchtlingsdialog am kommenden Samstag bieten.

Der Müllheimer Helferkreis hat mit seiner Flüchtlingsarbeit in den vergangenen Jahren viel erreicht. Er hat eine Reihe von Arbeitsgruppen gebildet, die weitgehend selbstständig arbeiten. Da wäre die Arbeitsgruppe "Arbeitssuche", die die Flüchtlinge bei Behördengängen begleitet und die es geschafft hat, von den etwa 120 Geflüchteten etwa 60 in Arbeit zu bringen und zehn in Ausbildung. Dafür wiederum ist ein bestimmtes Sprachlevel nötig, wobei die Arbeitsgruppe "Deutschclub" die Flüchtlinge unterstützt. Viele Arbeitgeber zögerten wegen der Sprachbarriere, Flüchtlinge einzustellen, sagt Katharina Burgdörfer, Vorsitzende des Vereins Zuflucht Müllheim. Doch erst gut Deutsch zu lernen und dann Arbeit bekommen – das sei einfach nicht zu leisten.

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Die Arbeitsgruppe "Sachspenden" sortiert Kleidung und Gebrauchsgegenstände wie etwa Fahrräder; eine nicht ganz einfache Aufgabe, erklärt Burgdörfer. "Wir kriegen viel Schrott", sagt sie. Die Sache mit der Kleidung müsse man generell reduzieren. "Afghanische Frauen tragen keine Miniröcke und Anzüge in Größe 52 laufen bei den jungen Männern aus Afrika nicht wirklich gut." Und dann wäre da noch die Arbeitsgruppe "Wohnen und Hilfe im Alltag", die so wichtig ist, weil "Arbeit beginnt, wenn eine Wohnung da ist", sagt Burgdörfer. Und wenn die Wohnung da ist, beginnt die Hilfe im Alltag, denn die Geflüchteten müssen erst einmal mit den deutschen Gepflogenheiten vertraut gemacht werden. Etwa 15 Flüchtlingen hat der Helferkreis eine Wohnung besorgt, überwiegend in Wohngemeinschaften, denn die jungen Männer sind Familienanschluss von zu Hause gewöhnt; auch zwei, drei Familien konnten untergebracht werden.

Und dann ist da noch das Team Africa, die Flüchtlings-Fußballmannschaft, die als Sportfreunde Hügelheim III in der Kreisliga C 3 spielt und das ziemlich erfolgreich (die BZ berichtete). Es sei nicht nur eine Fußballmannschaft, sondern vielmehr Integrationsarbeit, sagte Annelies de Jonghe, Leiterin des Deutschclubs. Nur eben: Die Fans fehlen. Normalerweise komme wenigstens die Familie zu den Fußballspielen – doch die jungen Gambier haben in Deutschland niemanden. "Wären sie integriert, dann wären Leute da", glaubt de Jonghe.

Und künftig wird die Flüchtlingsarbeit nicht weniger – sie wird anders. "Die Augenmerke der Integrationsarbeit müssen sich verändern", sagt Müllheims Bürgermeisterin Astrid Siemes-Knoblich. Der Ausnahmezustand sei vorbei, und mehr Alltagsnormalität sei das Ziel, allerdings noch nicht die Realität. "Wir möchten die Menschen in den Alltag unserer Gesellschaft begleiten." Bei vorangegangenen Einwanderungswellen sei man dabei in Deutschland nicht sehr geschickt vorgegangen, "die gesellschaftlichen Folgen spüren wir noch heute." Jetzt müssen die Themen, die zur Integration gehören, breiter gestreut werden, bekräftigt die neue Flüchtlingsbeauftragte der Stadt Müllheim, Angelika Czajor. So dass Menschen aufeinander zugehen und aus Flüchtlingshilfe Nachbarschaftshilfe wird – so wie das früher einmal normal gewesen sei, sagt Siemes-Knoblich.

Der Kommunale Flüchtlingsdialog am 22. Oktober soll dabei helfen. Vom Sozialministerium des Landes angestoßen und gefördert, soll er zum einen eine Bestandsanalyse sein, zum anderen sollen mehr Menschen für die Flüchtlingsarbeit begeistert werden. Denn für die nötige intensive Betreuung braucht es mehr Helfer. Eine Lenkungsgruppe hat für den Dialog sechs Handlungsfelder definiert, "und wer möchte, kann über den Tag verteilt zu allen Arbeitskreisen etwas beisteuern", sagte Thomas Uhlendahl, der den Dialog moderieren wird. An den Tischen sind nicht nur Mitarbeiter der Stadtverwaltung – denn der Austausch zwischen öffentlicher Hand und Ehrenamt ist wichtig, um Aufgaben klar aufteilen zu können –, auch Flüchtlinge werden dabei sein und für Fragen zur Verfügung stehen. Die Ergebnisse des Dialogs sollen bei der künftigen Integrationsarbeit helfen.

Denn der Müllheimer Helferkreis leistet zwar intensive Ein-zu-Eins-Betreuung und füllt Lücken, die die Behörden nicht füllen können; doch nun braucht er mal Unterstützung, und die soll der Flüchtlingsdialog bringen. Gleichzeitig soll so Ängsten und Vorurteilen vorgebeugt und Berührungsängste abgebaut werden. Das könne die Politik nicht leisten, sagt die Bürgermeisterin. "Die Zivilgesellschaft muss es machen." Und erkennen, das bürgerliches Engagement die Kraft hat, Dinge zum Positiven zu verändern.

Kommunales Bürgerforum, am Samstag, 22. Oktober, von 9.30 bis 16 Uhr in der Rosenburgschule in Müllheim, Mühlenstraße 71. Um Anmeldung wird gebeten bei Angelika Czajor unter Tel. 07631/801135 oder per E-Mail an aczajor@muellheim.de

Autor: Susanne Ehmann