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21. Januar 2015

"Atomkraft soll nicht die Lösung sein"

200. Mahnwache: Das deutsch-französische Aktionsbündnis "Fessenheim stilllegen. Jetzt!" will seinen Protest fortsetzen.

  1. 50 Teilnehmer kamen am Montag zur 200. Mahnwache des deutsch-französischen Aktionsbündnisses „Fessenheim stilllegen. Jetzt!“ Foto: s. hartenstein

MÜLLHEIM. Totenstill war es am Montagabend vor der Sparkasse in Müllheim. 50 Menschen von beiden Seiten des Rheins versammelten sich dort mit Windlichtern in der Hand. Dann, nach einer halben Stunde, schallte der Ruf aus 50 Kehlen: "Abschalten! Jetzt!" Zum 200. Mal hatte das deutsch-französische Aktionsbündnis "Fessenheim stilllegen. Jetzt!" zur Mahnwache in Müllheim aufgerufen.

Am 14. März 2011, drei Tage nach der Nuklearkatastrophe von Fukushima, haben sich 300 Atomkraftgegner von rechts und links des Rheins erstmals zur Montagsaktion in Müllheim versammelt, stellte Kreisrätin Dora Pfeifer-Suger fest. Jetzt, nahezu vier Jahre später, fragten die Teilnehmer: "Die 200. Mahnwache. Wie viele noch?" Momentan sieht es bekanntlich nicht gut aus mit der für 2016 zugesagten Stilllegung des ältesten französischen Kernkraftwerks – Staatspräsident François Hollande lässt sich derzeit nicht auf ein genaues Datum festlegen.

Die Müllheimerinnen Vreni Guhse und Anneliese Lehmann sind von Anfang an und so gut wie immer dabei bei den wöchentlichen Montagsaktionen. "Ich hatte mich schon bei Tschernobyl aufgemacht. Damals, 1985, wurde meine Enkeltochter geboren. 2011 kam mein Urenkel zur Welt", sagt die 79-jährige Vreni Guhse: "Ich geh’ auf die Barrikaden, weil Atomkraft nicht die endliche Lösung sein soll. Es gibt Alternativen, vor allem Windkraft. Windkraftanlagen kann man wieder abbauen. Die Gefahr einer nuklearen Katastrophe schwebt wie ein Damoklesschwert über den Menschen in Region", stellt Anneliese Lehmann aus Müllheim fest: "Muss erst unsere paradiesische Landschaft durch ein Unglück des über 30 Jahre alten Störungsreaktors Fessenheim verstrahlt und unzugänglich werden? Wir wollen lieber Windräder auf dem Blauen als irgendwann in Mecklenburg-Vorpommern in einer Turnhalle zu vegetieren."

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Müllheim liegt knapp außerhalb des Umkreises von acht Kilometern rund um Fessenheim. Innerhalb des 30-Kilometer-Radius um Fessenheim leben laut Angaben des BUND 980 000 Menschen, die bei einem schweren Atomunfall zum großen Teil sofort evakuiert und andernorts dauerhaft untergebracht werden müssten. Dazu sagt Luise Hoffmann-Grotz, regelmäßige Teilnehmerin der Montagsaktionen: "Es ist nicht einfach, mit diesem Wissen zu leben, daher wird es verdrängt." Ihrer Meinung nach ist das auch der Grund dafür, dass mittlerweile zu den Mahnwachen in der Regel nur 30 bis 40 Teilnehmer kämen. Aber: "Dass gar niemand da ist, kommt eigentlich nicht vor."

Ein beharrlicher Teilnehmer der Montagsaktionen ist Walter Schreck aus Hügelheim. In den 70er-Jahren ging der heute 64-Jährige zur Platzbesetzung in Wyhl. "Dann gab es viele Jahre, wo man sich dran gewöhnt hatte, dass man nichts machen kann und eingespannt war mit Familie und Beruf." Auf seinem Weg zur Arbeit habe er freie Sicht auf das AKW im Elsass: "Immer ging mein Blick dorthin, ob’s nicht qualmt und raucht." Am ersten Sonntag nach der Katastrophe in Fukushima sei er einer der 8000 Demonstranten in Neuenburg gewesen. "Zu den Mahnwachen in Müllheim gehe ich in der Hoffnung, dass Fessenheim abgeschaltet wird, bevor es in die Luft geht oder Terroristen dort einen Anschlag machen."

Autor: Silke Hartenstein