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10. September 2011
Auffallende und seltene Schönheit
BZ-SERIE: Der Speierling wurde von anderen Bäumen verdrängt.
MÜLLHEIM. In Müllheim gibt es zwar keine Baumschutzsatzung, aber seltene und besonders alte Bäume wurden hier in einer Liste geschützter Naturdenkmale aufgenommen. Manche von ihnen sind einheimisch, andere kamen aus fernen Ländern ins Markgräflerland. Einige dieser Bäume, ihre Besonderheiten und – wenn sie bekannt ist – auch ihre Geschichte stellt die Badische Zeitung in einer Serie vor. Heute geht es um den Speierling.
Die Blätter dieses seltenen Baums erinnern auf den ersten Blick an die der bekannteren und viel häufigeren Eberesche, und ein Blick auf die Früchte lässt zunächst vermuten, man habe es mit einem Zierapfel oder einer Birne mit verkümmerten Früchten zu tun. Doch die Kombination – aus vielen Blättchen zusammengesetzte Blätter und etwa drei Zentimeter große, apfel- oder birnenförmige, grünlich gelbe Früchte mit roter "Backe" – machen den Speierling (Sorbus domestica) unverwechselbar. Jetzt, im Spätsommer und Herbst, wenn die Bäume voller Früchte sind und sich das anfangs noch dunkelgrüne Laub leuchtend orange und gelb verfärbt, gehört der Speierling zu den auffallendsten und schönsten Bäumen unserer Heimat.Werbung
Der Speierling zählt zu den ältesten Obstgehölzen Europas, ist heute aber weitgehend in Vergessenheit geraten. Dabei wurde er schon vor über 2000 Jahren von den Griechen und Römern sehr geschätzt. Die lateinische Bezeichnung Sorbus wurde später von den Botanikern auf die gesamte Gattung übertragen, zu der neben dem Speierling auch die Eberesche oder Vogelbeere (S. aucuparia), die Mehlbeere (S. aria) und die Elsbeere (S. torminalis) als weitere heimische Gehölze zählen. Auch der Artname, der sich vom Lateinischen "domus" (Haus) ableitet, verweist auf die enge Verbundenheit dieses Baums mit der Siedlungskultur des Menschen.
Im Mittelalter wurde der Anbau des Speierlings von Karl dem Großen gefördert. Bekannt ist auch, dass die Mönche des Klosters St. Gallen diesen Baum in ihrem Klostergarten pflegten, und sicher wurde der Baum auch in anderen Klöstern gepflanzt. Die Herkunft des etwas seltsamen deutschen Namens "Speierling" ist hingegen nicht völlig geklärt. Schon im Althochdeutschen tauchen die Namen "spirboum", "Sperabira" und "Sperbel" auf, aus denen sich der heutige Name Speierling oder Sperberbaum entwickelt hat. Unklar ist aber, ob die ursprüngliche Bedeutung mit der Wortwurzel "sper" (Speer) zu tun hat oder aber mit "swerban" (reinigen, trocknen). Wahrscheinlicher ist Letzteres, denn die unreifen Früchte des Speierlings enthalten reichlich Gerbstoffe (Tannine). Sie wirken daher auf die Schleimhäute austrocknend und zusammenziehend und wurden früher getrocknet und gepulvert als Hausmittel gegen Magen-Darm-Erkrankungen verwendet.
Noch heute wird der Saft der unreifen Früchte wegen seines Gerbstoffgehalts in althergebrachter Weise als Zusatz zum hessischen Apfelwein verwendet. Der Saft klärt den Wein, macht ihn besser haltbar und gibt ihm einen typischen Geschmack. Im reifen Zustand färben sich die Früchte des Speierlings braun und werden weich. In diesem nicht sehr ansehnlichen Zustand verschwinden die Gerbstoffe, sodass die Früchte nun genießbar werden und sehr süß schmecken. Sie wurden früher insbesondere im Frankfurter Raum auf Märkten unter dem Namen "Drecksäcke" verkauft. Die Verwendung als Obst spielt heute bei uns keine Rolle mehr, während es in Italien nach wie vor Gegenden gibt, in denen die Früchte zu Marmeladen und Kompott verarbeitet werden. Aufgrund des hohen Zuckergehalts (bis 130 Öchsle) lassen sich die Früchte jedoch gut vergären, und daraus lässt sich, oft in Verbindung mit Birne, wiederum ein von Kennern geschätzter Obstbrand gewinnen.
Neben den Früchten wurde auch das Holz des Speierlings einst sehr geschätzt. Es ist unter allen mitteleuropäischen Baumarten das schwerste und zugleich eines der härtesten. Verwendet wurde es früher für mechanisch stark beanspruchte Teile, auch in Weinpressen. Heute dient es als Furnier für hochwertige Möbel, ist aber wegen der Seltenheit des Speierlings kaum im Handel und entsprechend teuer. Kleine Mengen werden auch für Musikinstrumente verwendet, zum Beispiel für Dudelsackpfeifen.
Von Natur aus kommt der Speierling in Deutschland nur in den wärmsten Gebieten vor. Die meisten Vorkommen finden sich heute im Norden Baden-Württembergs, in Hessen und Rheinhessen sowie vor allem im bayerischen Unterfranken. Dort wächst der Baum in lichten Wäldern auf kalkhaltigen Böden in warmen, sonnigen Lagen. Einst war er viel weiter verbreitet, doch die Änderung der Waldwirtschaft und seine schlechte Verjüngung aus Samen führten dazu, dass er fast überall von wüchsigeren Baumarten, besonders der Buche, verdrängt wurde.
Neben diesen naturnahen Vorkommen in Wäldern findet oder fand man den Speierling auch angepflanzt als Kulturfolger. Diese sogenannten Feldspeierlinge wurden vor allem in Streuobstwiesen am Rande von Dörfern gepflanzt, meist zusammen mit Birn- und Apfelbäumen. Hier konnte sich der Baum nur solange halten, wie er vom Menschen gepflanzt und gepflegt wurde. Die Früchte des Speierlings fanden jedoch immer weniger Verwendung, und zugleich wurden Streuobstwiesen in den vergangenen Jahrzehnten immer unrentabler und deshalb in Bauland umgewandelt.
So verschwanden die Speierlinge fast vollkommen aus unserer Kulturlandschaft. Erst in den vergangenen Jahren hat man erkannt, dass der Speierling ohne Hilfe des Menschen bei uns vom Aussterben bedroht ist. Seitdem haben Privatpersonen, Vereine aber auch öffentliche Träger große Anstrengungen unternommen, Speierlinge aus heimischem Saatgut heranzuziehen und in Wäldern sowie Obstwiesen wieder anzupflanzen.
Feldspeierlinge bilden im Alter weit ausladende, malerische Kronen. Sie können auf solchen Standorten etwa 15 Meter hoch und über 200 Jahre alt werden. Der zuweilen über ein Meter dicke Stamm alter Exemplare ist oft knorrig und innen hohl, so dass solch alte Speierlinge im Anblick Ölbäumen ähneln. Erinnert der Name "Ölbergstraße" am Ortsausgang von Niederweiler vielleicht sogar daran, dass in den Streuobstwiesen, die man heute noch dort findet, einst viele alte Speierlinge wuchsen? Tatsache ist jedenfalls, dass zwei der vier alten Speierlinge, die es auf Müllheimer Gemarkung noch gibt und die unter Denkmalschutz gestellt wurden, genau dort wachsen. Die zwei anderen denkmalgeschützten Exemplare stehen in Britzingen, eines in den Reben nicht weit von der Straße zur Schwärze, das andere, sehr schön gewachsene in einem Privatgarten am Burgunderweg. Alle diese alten Bäume sind noch sehr vital und setzen reichlich Früchte an, die bei einem der alten Bäume in Niederweiler derzeit auch geerntet werden. Ein weiterer, noch junger, aber bereits Früchte tragender Baum wurde vor einigen Jahren an der Straße von Zunzingen her kurz vorm Ortseingang Britzingen gepflanzt. So ist zu hoffen, dass diese schöne heimische Baumart uns für die Zukunft auch im Markgräfler Land erhalten bleibt.
Autor: bz


