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18. Juni 2011

Baum der Mythen, Namen, Bräuche

BZ-SERIE (TEIL 6): Linden werden bis zu tausend Jahre alt.

  1. Hummeln lieben Lindenblüten. Foto: Jens-Uwe Voss

MÜLLHEIM. In Müllheim gibt es zwar keine Baumschutzsatzung, aber seltene und besonders alte Bäume wurden hier in einer Liste geschützter Naturdenkmale aufgenommen. Manche von ihnen sind einheimisch, andere kamen aus fernen Ländern ins Markgräflerland. Einige dieser Bäume, ihre Besonderheiten und – wenn sie bekannt ist – auch ihre Geschichte stellt die Badische Zeitung in einer Serie vor: Heute geht es um die Linden.

Kein anderer Baum, nicht einmal die Eiche, spielt im Volksgut und in der Überlieferung über die Jahrhunderte eine ähnliche Rolle wie die Linde: Sie wird in romantischen Volksliedern besungen ("Am Brunnen vor dem Tore", "Kein schöner Land", "Vor meines Vaters Haus steht eine Linde") und als markanter Einzelbaum an besonderen Orten gepflanzt, etwa an Wegen ("Unter den Linden"), Höfen und Gasthäusern ("Zur Linde"). Zahlreiche Familiennamen und über tausend Ortsnamen gehen auf die Linde zurück.

In manchen Gegenden war es Brauch, alte Exemplare als Tanzlinden zu gestalten. Dazu wurde zwischen den Hauptästen des Baums ein Podest errichtet, das einen Tanzboden trug. Solche und "gewöhnliche" Linden dienten auch als Gerichts- und Ratslinden, in deren Schatten wichtige Versammlungen abgehalten und Entscheidungen getroffen wurden. Neben diesem "ideellen" Wert wurde und wird die Linde auch praktisch genutzt. Das sehr helle Holz eignet sich hervorragend zum Schnitzen, Drechseln und für die Bildhauerei. Viele Altäre und andere Werke wurden von berühmten Bildhauern wie Tilman Riemenschneider aus Lindenholz gefertigt. Auch traditionelle Masken wurden aus Lindenholz geschnitzt.

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Die gelben, gegen Abend besonders intensiv und angenehm süß duftenden Blüten der Linde enthalten sehr viel zuckerhaltigen Nektar und werden deshalb gern von Bienen und Hummeln besucht. Lindenblütenhonig zählt zu den begehrtesten Honigsorten, und schweißtreibender Tee aus getrockneten Lindenblüten ist ein altes Hausmittel bei Husten und fiebriger Erkältung. In früheren Jahrhunderten standen viele Linden allein wegen ihrer Bedeutung für die Honiggewinnung unter Schutz und durften nicht gefällt werden.

Weltweit gibt es etwa 45 Arten von Linden, die in den gemäßigten Zonen der Nordhalbkugel in sommergrünen Laubwäldern vorkommen. In Deutschland wie in ganz Mitteleuropa sind zwei Lindenarten heimisch: die Sommerlinde (Tilia platyphyllos) und die Winterlinde (Tilia cordata). Letztere kommt nicht selten von Natur aus auch in der Vorbergzone im Südbadischen vor, während die Sommerlinde ihren Verbreitungsschwerpunkt eher am Rand der Schwäbischen Alb hat. Beide werden seit Jahrhunderten überall angepflanzt und verwildern gelegentlich, deshalb lässt sich das ursprüngliche Verbreitungsgebiet kaum noch ausmachen.

Noch schöner als diese beiden Arten und deshalb sehr oft angepflanzt wird aber die aus beiden hervorgegangene Kreuzung, die Europäische Linde (Tilia x vulgaris). Sie steht in ihren Merkmalen zwischen beiden Elternarten. Alle drei anhand von Blatt-, Blüten- und Fruchtmerkmalen sicher voneinander zu unterscheiden, fällt selbst Experten nicht leicht. Einen Hinweis liefert die Blütezeit: Die Sommerlinde öffnet als erste ihre Blüten, sie ist in diesem Jahr bei uns bereits verblüht. Ihr folgt etwa eine Woche später die Europäische Linde, und als letzte der drei steht eine weitere Woche darauf die Winterlinde in voller Blüte. Mitte bis spätestens Ende Juli endet dann die Blütezeit der heimischen Linden.

Noch später als unsere heimischen Linden blüht aber die Silberlinde (Tilia tomentosa), ein aus Südosteuropa stammender Baum mit typischen Lindenblättern, die unterseits auffallend silbrig grau glänzen. Der Baum verträgt Hitze, Luft- und Bodentrockenheit, starke Sonneneinstrahlung und Luftverschmutzung besser als unsere heimischen Linden und wird diesen deshalb in Städten als Straßenbaum oft vorgezogen. Er hat einen weiteren Vorteil: Sein Laub wird im Unterschied zu unseren heimischen Linden kaum von Blattläusen befallen. Deshalb sammelt sich unter den Silberlinden kein klebriger, durch Rußpilze geschwärzter Honigtau, der schon manchem Autofahrer leidvolle Erfahrungen bescherte, der sein Auto unter einer Linde parkte.

Die späte Blüte brachte die Silberlinde in den 1980er Jahren in Verruf. Damals fiel auf, dass unter blühenden Silberlinden oft große Mengen toter Hummeln lagen. Schnell kam der Verdacht auf, dass dieser "Fremdländer" im Nektar Stoffe enthielte, die auf die heimischen Hummeln giftig wirken sollte. Erste Untersuchungen wiesen fälschlich in diese Richtung, doch dann stellte sich heraus, dass der starke Duft der Blüten die Hummeln von weit her anlockt. Der Nektar der Silberlindenblüten stellt die letzte ergiebige Nahrungsquelle dar, die diesen Insekten im Sommer zur Verfügung steht. Erlischt diese Quelle, sterben die Hummeln an Nahrungsmangel – ein ganz natürlicher Vorgang, der durch die Silberlinden lediglich um einige Wochen hinausgezögert wird. Für manche Silberlinde kam dieser Freispruch allerdings zu spät, sie war bereits als "Hummelkiller" gefällt worden.

Dieses Schicksal blieb den Silberlinden am Viehmarktplatz ebenso erspart wie der bedeutendsten und schönsten Lindengruppe in ganz Müllheim: der doppelreihigen Lindenallee auf dem Alten Friedhof. Einige der 19 Silberlinden, die hier stehen, leiden allerdings unter Pilzbefall und früheren, unsachgemäß ausgeführten Schnittmaßnahmen in der Krone. Insgesamt sind in Müllheim einschließlich der Ortsteile an etwa 30 Plätzen Sommer-, Winter-, Europäische und Silberlinden als Naturdenkmale ausgewiesen. Meist handelt es sich dabei um Einzelbäume, gelegentlich aber auch um kleinere Gruppen wie auf dem Dattinger Friedhof. Die ältesten dürften die fast 150 Jahre alten "Friedens-" oder "Siegeslinden" sein, die im Jahr 1871 nach dem Krieg gegen Frankreich gepflanzt wurden und heute noch auf dem Zunzinger Berg, in Muggardt und am Luginsland stehen.

150 Jahre sind auch für einen Baum ein stolzes Alter, doch ist das weit entfernt vom Höchstalter, das Linden erreichen können, wenn sie auf guten Standorten stehen und nicht durch parkende Autos oder Bodenversiegelung geschädigt werden. Den ältesten Linden in Deutschland wird ein Alter von mehreren hundert bis zu tausend Jahren zugeschrieben. Genauere Angaben sind nicht möglich, da der Stamm meist hohl ist und somit nicht mehr alle Jahresringe vorhanden sind. Viele dieser uralten Linden sind nur noch meterdicke, hohle Stammruinen mit wenigen grünen Ästen – das allerdings schon seit mehr als 100 Jahren!
Wer Geschichten zu den Linden erzählen kann und vielleicht weiß, ob auch andere 1870/71 gepflanzt wurden, sollte sich bei der Badischen Zeitung melden: Tel. 07631/1806-5420 oder redaktion.muellheim@badische-zeitung.de

Autor: Jens-Uwe Voss