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29. Oktober 2011

Ein Baum wie aus einer anderen Zeit

BZ-SERIE:Der auch in Müllheim vorkommene Ginkgo mit seinem unverwechselbaren Laub gilt als "lebendes Fossil".

  1. An der oberen Werderstraße in Müllheim steht ein Prachtexemplar des Ginkgobaumes. Foto: Volker Münch

  2. Typisch – die Blätter des Ginkgo Foto: Volker Münch

MÜLLHEIM. In Müllheim gibt es zwar keine Baumschutzsatzung, aber seltene und besonders alte Bäume wurden hier in einer Liste geschützter Naturdenkmale aufgenommen. Manche von ihnen sind einheimisch, andere kamen aus fernen Ländern ins Markgräflerland. Einige dieser Bäume, ihre Besonderheiten und – wenn sie bekannt ist – auch ihre Geschichte stellt die Badische Zeitung in einer Serie vor. Heute geht es um die älteste lebende Baumart der Welt: den Ginkgo.

Zumindest vom Namen her ist dieser Baum den meisten Menschen bekannt. Wer ihn einmal gesehen hat, wird ihn stets sofort wiedererkennen, denn sein Laub ist unverwechselbar. Schaut man sich die Blätter genauer an, so bemerkt man eine Besonderheit: Statt einer dicken Mittelrippe, von der dünnere Seitenadern abgehen, findet man nur dünne Adern, die sich gabelförmig immer weiter aufteilen, eine Mittelrippe fehlt. Einen ähnlichen Blattbau findet man sonst fast nur noch bei Farnen, nicht aber bei den uns vertrauten Laubbäumen.

Tatsächlich zeigt dieser Blattbau mit Besonderheiten in der Vermehrung, dass wir es beim Ginkgo mit einem entwicklungsgeschichtlich sehr ursprünglichen Baum zu tun haben. Der Ginkgo ist der einzige Überlebende einer eigenen Pflanzengruppe, die sich fossil über 200 Millionen Jahre zurückverfolgen lässt – in eine Zeit, in der gerade die ersten Dinosaurier entstanden. Die nächsten, allerdings nicht sehr nahen Verwandten des Ginkgos sind, auch wenn sie ganz anders aussehen, die uns vertrauten Nadelbäume wie Kiefern, Fichten und Tannen, und die Palmfarne, die mancher vom Urlaub am Mittelmeer oder als Kübelpflanze kennt.

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Mehr als alle anderen Pflanzen verdient der Ginkgo daher die Bezeichnung "lebendes Fossil". Seine Vorfahren waren einst auf der ganzen Welt verbreitet. Sie überlebten das Massensterben am Ende der Kreidezeit, dem die Dinosaurier zum Opfer fielen. In Ablagerungen aus dem Erdzeitalter des Tertiärs, die viele Millionen Jahre alt sind, hat man Blätter gefunden, die denen des heutigen Ginkgos aufs Haar gleichen. Auch in Europa war der Baum weit verbreitet. So sind Blätter des Ginkgos zum Beispiel auch in den etwa drei Millionen Jahre alten Ton- und Sandablagerungen von Auenheim bei Straßburg erhalten.

Wie so viele andere Baumarten starb der Ginkgo in Europa aus, als das Klima am Ende des Tertiärs immer kälter wurde und die Eiszeiten begannen. Und wie so viele andere Pflanzen fand auch der Ginkgo im südlichen Zentralchina Bedingungen, unter denen er bis heute überleben konnte. Dazu hat in den vergangenen gut 2000 Jahren sicherlich beigetragen, dass die dortigen Mönche im Umkreis ihrer Klöster alte Ginkgobäume stehen ließen. In China ist der Baum unter dem Namen Yín Xìng bekannt, was übersetzt etwa Silberaprikose bedeutet und an Form und Aussehen der Samen erinnert.

Von China aus gelangte der Baum schon vor über 1000 Jahren nach Japan. Im Jahr 1690 kam der deutsche Arzt Engelbert Kaempfer im Auftrag der holländischen Vereinigten Ost-Indien-Gesellschaft nach Japan und beschrieb als erster Europäer diesen in Japan oft gepflanzten Baum (wissenschaftlich: Ginkgo biloba). Nach Europa kamen die ersten Ginkgos mit holländischen Seefahrern um 1730. Einer der ältesten Bäume, der aus dieser Zeit stammt, wächst noch heute im Botanischen Garten der Universität Utrecht.

Ganz so alt sind die beiden denkmalgeschützten Ginkgos in Müllheim noch nicht, aber auch sie haben schon beachtliche Dimensionen erreicht. Einer der beiden Bäume steht an der oberen Werderstraße. Er wächst einstämmig und ist mit einer Höhe von 20 Metern und einem Stammdurchmesser von 1,20 Meter einer der größten Ginkgos in der ganzen Region. Sein genaues Alter ist nicht bekannt, er dürfte aber mindestens so alt sein wie das zweite denkmalgeschützte Exemplar, das an der Hauptstraße im Garten des Elisabethenheims steht. Es ist fast ebenso hoch und dick wie das an der Werderstraße, wächst aber mit mehreren Einzelstämmen malerisch in die Breite. Dieser Ginkgo stammt noch aus den Blankenhornschen Gärten und ist damit deutlich über 100 Jahre alt. Im Herbst verfärbt sich sein Laub in typischer Ginkgoart leuchtend gelb.

Der Ginkgo hat eine faszinierende Geschichte, ist in unserem Klima vollkommen winterhart sowie anspruchslos an Boden und Lage und bleibt von Krankheiten und Schädlingen verschont. Doch einen Nachteil hat dieser Baum, zumindest in den Augen oder genauer gesagt der Nase vieler Menschen: Manche Ginkgobäume stinken im Herbst zum Himmel. Die gelben, äußerlich in Form, Farbe und Größe an Mirabellen erinnernden Samen haben einen äußeren fleischigen Teil, der bei der Reife Buttersäure und andere unangenehm riechende Substanzen freisetzt. Der Geruch erinnert, man kann es nicht abstreiten, an eine Mischung aus ranziger Butter und Erbrochenem. In manchen Jahren ist der Boden um einen Ginkgo herum mit Samen geradezu gepflastert und der Geruch schon von weitem wahrnehmbar.

Diese unangenehme Eigenschaft ist schon manchem Ginkgo zum Verhängnis geworden. Auch ein Baum an der mittleren Werderstraße, der im Herbst stets reichlich Samen gebildet hatte, wurde aus eben diesem Grund vor einigen Jahren gefällt. Es muss aber nicht so weit kommen, dass sich ein Ginkgo, der nach vielen Jahren endlich zu einem prachtvollen Baum herangewachsen ist, als übler herbstlicher Stinker entpuppt. Der Ginkgo ist nämlich zweihäusig, das heißt, es gibt männliche und weibliche Bäume, und nur die letzteren bilden Samen. Leider lassen sich die beiden Ginkgogeschlechter vor der ersten Blüte nur mit aufwendigen Laboruntersuchungen zuverlässig unterscheiden. Wer einen Ginkgo aus Samen heranzieht, hat also nur eine Chance von 50 Prozent, einen männlichen Baum zu erwischen. Um auf Nummer sicher zu gehen, wählt man besser eine der Sorten, die durch Stecklinge oder Veredelung, also vegetativ, vermehrt werden, denn dann ist das Geschlecht bekannt. So gibt es mehrere Sorten, die wegen ihrer schlanken Wuchses als Straßenbaum verwendet werden, etwa Tremonia und Saratoga, und diese Sorten sind allesamt männlich, setzen also keine Samen an.

Insgesamt gibt es fast 200 Sorten. Beliebt als Ziergehölze sind Sorten mit gelb und grün gestreiften (panaschierten) Blättern und zwergwüchsige Sorten, die auch nach Jahrzehnten noch Platz im kleinsten Garten oder als Bonsai finden. In Ostasien werden Ginkgosorten auch als Obstbäume angebaut. Die von der weichen, stinkenden Hülle und dem harten Kern befreiten Keimlinge im Inneren des Samens werden mit Reis gekocht oder geröstet als Knabberzeug gegessen. Bei uns hat der Ginkgo als Nahrung keine Bedeutung, doch werden aus den Blättern Extrakte gewonnen, die bei der Behandlung von Demenzerkrankungen eingesetzt werden. Man sollte aber nicht auf die Idee kommen, selbst aus den Blättern Tee zu bereiten, da diese Allergien auslösende Stoffe enthalten, die bei der Arzneibereitung entfernt werden.

Wer von weiteren alten Ginkgobäumen in Gärten und Parks in Müllheim und Umgebung weiß und möglichst auch deren Geschichte kennt, sollte sich unter der Telefonnummer 07631/1806-5420 oder per Mail (redaktion.muellheim@badische-zeitung.de) melden.

Autor: Jens-Uwe Voss