"Ein Flug ohne Koordinaten"

dop

Von dop

Mo, 31. März 2014

Müllheim

Bürger-Bündnis kritisiert, dass die Politik bislang kaum Kenntnis von der Alternativplanung hat.

AUGGEN (dop). Bei der jüngsten Mitgliederversammlung des Bürger Bündnisses Markgräflerland (bbM) erläuterte der Diplom-Ingenieur Gerhard Kaiser das Planwerk, das er federführend für das bbM mitentwickelt hat. Bislang, dies wurde bei der Versammlung mehrfach moniert, habe die Politik wenig Kenntnis davon genommen, was das bbM mit seiner "Beste Lösung" genannten Planung zum umstrittenen Streckenabschnitt 9.0 für den Ausbau der Rheintalbahn als Alternative zur aktuellen Planung der Bahn vorlegt. Die Veranstaltung in der Auggener Sonnberghalle war sehr gut besucht, rund 80 Interessierte waren der Einladung gefolgt.

Vorstandsmitglied Stephan Kritzinger legte den Finger in die Wunde, als er feststellte: "Wir befinden uns in einem Flug ohne Koordinaten, wir wissen nämlich nicht, wie und wann unser Anliegen in der Politik aufgenommen wird". Trotzdem lobte er den guten Kontakt zum Bundestagsabgeordneten Armin Schuster und zur Landrätin. Ein Schreiben des bbM an Verkehrsminister Hermann im Februar sei allerdings unbeantwortet geblieben.

Kaiser stellte in seinem Referat auch klar, dass die Tieflage etwas ist, das sich Politik und bbM sehr unterschiedlich vorstellen. So wie sie das bbM fordert, hat sie nach Kaiser neben allen bautechnischen Vorteilen auch den, dass sie von der Region akzeptiert würde und langwierige Einsprüche und Klagen somit vermieden werden könnten, die den Baubeginn weit über das Jahr 2020 hinaus verzögern würden. Dieses Jahr gilt als Stichdatum für die EU-Zuschüsse von 40 Prozent. Davor hatte Deutschmann betont, dass die Planfeststellung auch nach dem Spatenstich, der den Baubeginn markiert, kommen kann.

Kernpunkte der "Besten Lösung"
Der Knoten, an dem die aus Westen ankommende Gütertrasse auf die Rheintalbahn geführt wird, wird südlich von Auggen auf unbewohntem Gebiet angelegt. Bis dahin fahren die Güterzüge in Tieflage, die im Bereich des Müllheimer Bahnhofs gedeckelt wird. Der Knoten südlich von Auggen braucht im Vergleich zu dem jetzt bei Hügelheim geplanten nur ein Überwerfungsbauwerk statt zwei, der Landschaftsverbrauch liegt bei 14 bis 15 statt 24 Hektar, die maximale Breite beträgt 75 statt 83 Meter, die Gesamtlänge 1,5 statt 2,7 Kilometer.

Die Tieflage der Güterzüge brächte eine Unzahl von Verbesserungen, etwa beim Schutz bei Gefahrgutunfällen, beim Lärmschutz, beim Landschaftsverbrauch, beim Eingriff in das Landschaftsbild oder bei den erweiterten Optionen für den Personennahverkehr. Der Müllheimer Bahnhof mit Busbahnhof könnte erhalten bleiben, was der Stadt Kosten für eine Neuanlage ersparen würde. Und eine wesentlich Kostenersparnis wäre laut bbM auch, dass die alte Trasse der Rheintalbahn weiter benutzbar wäre, auch während der Bauarbeiten. Der Schallschutz, eines der wichtigsten Anliegen, könnte weitgehend auf Maßnahmen an den Gebäuden verzichten, die den Wohnwert einer Immobilie drastisch schmälern. Eine Tieflage habe darüber hinaus den Vorteil, dass bei steigenden Zugzahlen auch noch nachträglich bauliche Maßnahmen zur Lärmminderung möglich seien, anders als dies bei Schallschutzwänden entlang der Dammlage der Fall wäre.

Finanzierung
Seine detaillierten Berechnungen hat das bbM durch das Freiburger Ingenieurbüro für Verkehrsanlagen und Tiefbau Biechele Infra Consult gegenrechnen lassen. Demnach kostet die Maßnahme 185 bis 200 Millionen Euro. Zugrunde gelegt habe man die Kostenmatrix, mit der die DB Projektbau ihre Antragstrasse plant. Wichtig sei, dass bei dieser Lösung für Land und Bund keine Mehrkosten entstehen, betonte Kaiser und monierte wiederholt, dass die bbM-Planung bisher nicht diskutiert worden sei. "Warum stellen die sich so an?", fragte er. Der EU-Zuschuss von 80 Millionen Euro sei zu holen, 45 Millionen Euro würden frei durch den Wegfall des Hügelheimer Knotens.

Dafür ließe sich durch die kreuzungsfreie Verkehrsführung die Zahl der Güterzüge markant erhöhen, was der Bahn jährliche Einnahmen von mindestens zehn Millionen Euro bringe.

BLHV zeigt Flagge
Der Badische Landwirtschaftliche Hauptverband unterstützt die Lösung des bbM vorbehaltlos, wie aus einem Beitrag des Kreisvorsitzenden Michael Fröhlin deutlich wurde. "Die Landwirtschaft ist der Hauptbetroffene", erklärte Fröhlin, nicht nur im Blick auf den enormen Flächenverbrauch des Hügelheimer Knotens, sondern auch wegen der kleinklimatischen Auswirkungen von Dämmen und Lärmschutzwänden. Seine Ankündigung, dass der BLHV am 27. April in Hügelheim demonstrieren will, wurde mit lebhaftem Beifall aufgenommen. Das wichtigste Anliegen sei nun, sich bei der Politik Gehör zu verschaffen, sagte Gerhard Kaiser am Ende seines Vortrags. "Die wissen derzeit nicht, wovon wir reden".

Vorstandswahlen
In ihren Ämtern bestätigt wurden Helmut Schmitt und Werner Kleinfelder für Hügelheim, Stephan Kritzinger und Jürgen Hauke für Müllheim und Peter Pilger für Auggen. Sein Stellvertreter Günter Ehret hatte nicht mehr kandidiert, für ihn wurde Eckard Baum ins Gremium gewählt. Die Schriftführerstelle konnte nicht besetzt werden, die Aufgabe teilen sich die Vorstandsmitglieder. In ihrem Amt bestätigt wurden Kassenverwalterin Ulrike Minich und die Kassenprüferinnen Rita Branghofer und Heike Nussbaumer. Die Versammlung beschloss außerdem, den jährlichen Mitgliedsbeitrag für juristische Personen von 600 auf 150 Euro zu senken, dabei wollen die beiden Kommunen Müllheim und Auggen aber ihren Beitrag bei 600 Euro belassen. Einzelpersonen zahlen zwölf Euro.

BBM: Am 4. April informiert das bbM von 15 bis 18 Uhr am Müllheimer Bahnhof, am 27. April von 11 bis 16 Uhr findet eine "Baubesichtigung"des Hügelheimer Knotens mit Abstecken des benötigten Areals statt, für Bewirtung wird gesorgt. Auf http://www.bbmgl.org wird die "beste Lösung" detailliert vorgestellt.