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16. Juli 2011

Ein Meer von seidigen Blüten

BZ-SERIE (TEIL 8): Seidenakazien gedeihen auch in Müllheim.

  1. Foto: Jens-Uwe Voss

  2. Foto: Jens-Uwe Voss

MÜLLHEIM. In Müllheim gibt es zwar keine Baumschutzsatzung, aber seltene und besonders alte Bäume wurden hier in einer Liste geschützter Naturdenkmale aufgenommen. Manche von ihnen sind einheimisch, andere kamen aus fernen Ländern ins Markgräflerland. Einige dieser Bäume, ihre Besonderheiten und – wenn sie bekannt ist – auch ihre Geschichte stellt die Badische Zeitung in einer Serie vor. Heute geht es um die Seidenakazie.

Jetzt, im Hochsommer, ist die Blütezeit der meisten Baumarten vorbei. Die wenigen, die jetzt in Vollblüte stehen, fallen dafür umso mehr auf. Geradezu tropisches Flair verbreiten die derzeit blühenden Seidenakazien oder Schlafbäume (Albizia julibrissin).

Die größte und älteste Seidenakazie in Müllheim steht wohl bei der Familie Gass im Erngupfe. Frau Gass senior erinnert sich, wie der Baum in ihren Garten kam: Anfang der 1950er Jahre verkaufte die damalige Nachbarin nach dem Tod ihres Mannes das Haus und wanderte zur Tochter in die USA aus. Ein, zwei Jahre später erhielt Frau Gass’ Schwiegermutter einen Brief, in dem zwei Samenkörner eines Baums lagen, der, wie es in dem Brief hieß, in der neuen Heimat der ehemaligen Nachbarin ein beliebtes Ziergehölz in den dortigen Gärten sei. Einer der beiden Samen keimte, und der Sämling entwickelte sich zu einem Pflänzchen mit eigenartigen Blättern, die an Mimosen erinnerten und im Herbst abfielen. Anfangs wurde das Pflänzchen umsorgt und im Topf frostfrei überwintert. Als es etwas größer wurde, bekam es einen Platz im Garten. Groß war die Sorge, dass das Bäumchen den hiesigen Winter nicht überstehe, gab es doch keine anderen Exemplare in der Umgebung, die Hinweise hätten liefern können, ja, man wusste noch nicht einmal, um was für einen Baum es sich überhaupt handeln könnte.

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Die Befürchtung, die Pflanze wäre im Winter erfroren, schien sich im Frühjahr zu bestätigen: Während alle Bäume ringsherum schon ergrünten, blieb der unbekannte Exot leblos und kahl. Was man nicht wusste: Diese Baumart treibt erst Anfang Juni aus. Mit den Jahren zeigte sich aber, dass der Baum auch die kältesten Winter überstand und munter heranwuchs. An der Stammbasis bildete er sogar Wurzelschößlinge, von denen einer abgetrennt wurde: Er steht nun als Baum an der Scheune nahe am Klemmbach, gegenüber der Frickmühle.

Jedes Jahr im Juli tragen beide Bäume ein Meer von rosa-weißen Blüten und setzen kleine Fruchthülsen an. Diese erinnern an die Hülsen von Linsen, Bohnen oder Goldregen, und tatsächlich gehört die Seidenakazie ebenso wie die echte Akazie und die Mimose in die Verwandtschaft der Hülsenfrüchtler oder Schmetterlingsblütler. Ihre Früchte sind in unserem Klima aber meistens taub – erst im Jahrhundertsommer 2003 reiften das erste Mal Samen am Baum der Familie Gass. Da die Samen viele Jahre keimfähig bleiben, erscheinen seitdem im Garten immer wieder neue Sämlinge.

Das Verbreitungsgebiet der Seidenakazie reicht ursprünglich von der Südküste des Kaspischen Meers im Iran bis nach Ostchina, Südkorea und Japan. In ihrer Heimat wächst die Seidenakazie auf trockenen Böden an heißen, vollsonnigen Plätzen. Auch in Mitteleuropa benötigt sie so viel Sonne und Hitze wie möglich und dazu einen möglichst trockenen, durchlässigen Boden, damit ihr Holz gut ausreift und der Baum unsere Winter übersteht. Winterhart ist der Baum nördlich der Alpen aber nur im Weinbauklima, und nur hier kommt er alljährlich auch zu üppiger Blüte. Zu empfehlen ist außerdem, den Baum vor Wind zu schützen, denn seine Äste sind sehr windbrüchig.

Wie und wann die erste Albizia überhaupt nach Europa kam, ist nicht eindeutig geklärt. Am wahrscheinlichsten ist, dass Filippo Albizzi, ein florentinischer Adeliger und Naturforscher, sie 1749 von seiner Reise aus Konstantinopel mitbrachte. Unabhängig von Albizzi wurde der Baum etwa zur selben Zeit aber wohl auch schon nach England eingeführt. Sicher ist, dass die Pflanze 1772 wissenschaftlich beschrieben und zu Ehren Albizzis benannt wurde. Ihr Artname julibrissin ist eine Verballhornung ihres persischen Namens gul-i abrisham, was so viel wie Seidenblüte bedeutet und sich auf den seidigen Glanz der Blüten bezieht. Warum die Pflanze auch Schlafbaum heißt, erschließt sich jedem, der sie kurz nach Sonnenuntergang beobachtet: Binnen kurzer Zeit klappen die fiederförmigen Blätter zusammen und legen sich bis zum Morgengrauen schlafen.

In Nordamerika wurde der Baum erstmalig 1814 erwähnt. Eingeführt wurde er schon früher, und zwar vermutlich im Diplomatengepäck von Thomas Jefferson, dem späteren US-Präsidenten. Jefferson war in den 1780er Jahren Botschafter in Paris und bereiste von dort unter anderem Norditalien, wo ihm wohl auch Albizzis Neueinführung gezeigt wurde.

Der nun fast 60 Jahre alte Baum der Familie Gass ist um die acht Meter hoch und sein Stamm etwa einen halben Meter dick. Damit hat er für diese Baumart beachtliche Dimensionen und ein hohes Alter erreicht. Seine allmählich nachlassende Vitalität zeigt sich darin, dass größere Äste absterben, weil sie von einem Welkepilz befallen werden und verdorren. Auch in ihrer Heimat sind Seidenakazien recht kurzlebig und werden keine 100 Jahre alt. Inzwischen findet man auch in anderen Gärten der Umgebung öfter meist noch junge Seidenakazien. Manche sind Mitbringsel aus dem Urlaub südlich der Alpen, andere stammen aus hiesigen Baumschulen und Gärtnereien.

Wer weitere Seidenakazien in Müllheim und Umgebung kennt und über deren Herkunft berichten kann, sollte sich melden unter Tel. 07631/1806-5420 oder per Mail an redaktion.muellheim@badische-zeitung.de.

Autor: Jens-Uwe Voss