Eine neue Sternstunde

Dorothee Philipp

Von Dorothee Philipp

Mo, 17. Juli 2017

Müllheim

Witz, Spannung, Spitzenqualität: Markgräfler Symphonieorchester zeigt "Die Fledermaus" von Johann Strauss auf dem Markgräfler Platz.

MÜLLHEIM. Und wieder war alles neu und aufregend: das Design, die Action, die Pointen, die ganze Aufmachung. Gleich geblieben sind bei der Operette "Die Fledermaus" von Johann Strauss, der jüngsten großen Open-Air-Produktion des Markgräfler Symphonieorchesters mit zahlreichen Gästen, im Vergleich zu den Vorgängern aber der Witz, die Spannung und vor allem die durchgehende Spitzenqualität der musikalischen und schauspielerischen Leistung.

Das Orchester war diesmal als Teil des Bühnenbilds ständig präsent, was Regisseur Ingo Anders zu einigen kleinen Slapsticks nutzte. So wurde Dirigent Uwe Müller-Feser einige Male von den Akteuren in ihr gegen Schluss des Ganzen handfest alkoholisiertes Treiben einbezogen. Das Orchester hatte mit einer sorgfältig ausmusizierten Ouvertüre den thematischen Bogen gespannt hinein in die goldene Operettenära von Wien, die sich nun in einem neuen, an Zeit und Ort angepassten Gewand präsentierte. Zu beschwingten Walzerklängen konnte man sich einsehen in das Bühnenbild von Sabine Bieg, das im ersten Akt von überdimensionalen Taschenuhren (ein Wink mit dem Zaunpfahl auf das spätere Corpus Delicti) und wallenden Rauschevorhängen dominiert war.

Ab dem zweiten Akt machten diese einer atemberaubenden, von einem gigantischen Vollmond beschienenen Weitwinkelkulisse von Schloss Bürgeln Platz. Erster Punkt für lokalen Esprit, dem noch viele folgen sollten. Die Handlung der "Fledermaus" ist turbulent, die Akteure ständig in Bewegung, Temperament und temporeiche Dialoge lassen nicht den geringsten Spielraum für Leerlauf. Dass daraus ein so fröhliches Kuddelmuddel entstehen kann, bedeutet harte Präzisionsarbeit aller Beteiligten, seien es Instrumentalisten, die Solisten, der Projektchor mit dem Auggener Gesangverein (einstudiert von Martin Klingler) oder die jungen Komparsen aus dem Markgräfler Gymnasium, die auf Prinz Orlofskys Fest herumwuselten, als Jazzcombo auftraten und als Kinderschar im Badelook eine Extra-Einlage mit Schwimmring, Taucherflossen und Schnorchel boten. Dieses Puzzle mit mehr als 200 Beteiligten gelang als Meisterleistung, die man gar nicht hoch genug loben kann.

Die Solisten waren wieder erste Wahl: Carolyn Bacon gab eine zum Anbeißen knackige, vorwitzige Adele, die sich in den Klamotten ihrer Arbeitgeberin perfekt bewegen und die Hochstapler Chevalier Chagrin und Marquis Renard als ebenso hochstapelnde "Künstlerin" Olga perfekt um den Finger wickeln kann. Ihre Höhen kamen traumhaft leicht und kraftvoll. Jelena Stefanic, schon als Rosalinde in der Kittelschürze als zurückgelassene Gattin in den Armen ihres Liebhabers unwiderstehlich sexy und großartig bei Stimme, hatte ihren großen Auftritt als "ungarische Gräfin", in rauschender Ballrobe, gefährlich, mit dem ganzen Waffenarsenal einer schönen Frau ausgestattet. Der Csardas "Klänge der Heimat" gelang als Bravourstück voller knisternder Erotik. Celine Wasmer bezirzte als Ida, Schwester der vorwitzigen Adele, Akteure und Publikum. Mit wackelnder Turmfrisur, prallem Mieder und langem geschlitzten Rüschenrock mischte sie Orlofskys Partyvölkchen kräftig auf.

Auch die Männer konnten sich sehen und hören lassen: André Schann wechselte virtuos vom lüsternen Liebhaber Rosalindes zum gelangweilt auf dem Fest umherstolzierenden Gastgeber Orlofsky, die Finger stets zur "Kanzler-Raute" vor dem Bauch gespreizt.

Solche Stimmen

müssen sich ausleben

dürfen

Burkhard Solle war als Gabriel von Eisenstein eine perfekte Mischung aus Verführer und Verführtem, der seiner zur Furie gewordenen Gattin nur so lange widerstehen kann, bis sie ihm die verhängnisvolle Damenuhr unter die Nase hält, die ihm die "ungarische Gräfin" aus der Tasche gezogen hat. Als stimmgewaltiges Herrenterzett glänzten Gefängniswärter Frosch (Ingo Anders), Gabriel Eisenstein (Burkhard Solle) und Notar Dr. Falke (Eugen Brancoveanu) mit einer gar nicht Strauß-konformen Extra-Einlage "O sole mio" mit "Pavarotti-Triller". Einfach zu schön, zu theatralisch italienisch, um ausgelassen zu werden. Solche Stimmen müssen sich ausleben dürfen. Mächtige Autorität verströmte der sonore Bassbariton von Eckhard Otto als Gefängnisdirektor Frank, der im ersten Akt den vermeintlichen Eisenstein von zwei Gerichtsdienern in der Schubkarre zum Arrest abholen lässt und im dritten Auftakt erfolglos mit dem Restalkohol der vergangenen Ballnacht kämpft. Der stotternde Advokat Blind war bei dem Tenor Ansgar Vöhringer bestens aufgehoben. Regisseur Ingo Anders ist ein stimmlicher und mimischer Tausendsassa: sein "Frosch" mit wirrer Einstein-Mähne und spiegelnder Sonnenbrille war mit seinen derben Witzen einfach zum Totlachen. Im ersten Akt posierte er als Gigolo auf ein Tischchen vor der Bühne gefläzt, kommentierte mit frechen Bemerkungen die Geschehnisse da oben und zupfte gelangweilt an einer Sonnenblume herum: Er liebt sie, er liebt sie nicht...

Ein heller Herrenhut, der ständig den Träger wechselte, die kleine Plüsch-Fledermaus an der Harfe, eine Zeitung mit Trump und Erdogan auf dem Titel, zwerchfellerschütterndes Wortgeplänkel zur Verständigungssprache: "Deutsch bitte, ihr Saupreißn, Deutsch first", ein Trupp Mädels, der einen kleinen Pagen mobbt, Unmengen von Würstchen, die in der Pause auf der Bühne gegrillt werden, das Bild einer Hörnerkappen-Markgräflerin an der Wand im ersten Akt – tausend Details an Requisiten und kleinen Seitenszenen würzten diese Aufführung. Man hätte sich alle drei Aufführungen am Freitag, Samstag und Sonntag anschauen müssen, um wirklich alles mitzukriegen. Oder später das Video, das glücklicherweise diese neue Sternstunde der Open Airs auf dem Markgräfler Platz dokumentiert.

Mehr Fotos unter http://mehr.bz/fledermaus