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21. Januar 2012

Einwanderer aus Amerikas Norden

BZ-SERIE: Wo Platz ist – wie in der Müllheimer Goethestraße – wachsen sich Lebensbaum und Scheinzypresse zu Riesen aus.

  1. Foto: Jens-Uwe Voss

  2. Foto: Jens-Uwe Voss

MÜLLHEIM. In Müllheim gibt es zwar keine Baumschutzsatzung, aber seltene und besonders alte Bäume wurden hier in einer Liste geschützter Naturdenkmale aufgenommen. Manche von ihnen sind einheimisch, andere kamen aus fernen Ländern ins Markgräflerland. Einige dieser Bäume, ihre Besonderheiten und – wenn sie bekannt ist – auch ihre Geschichte stellt die Badische Zeitung in einer Serie vor. Heute geht es gleich um zwei Nadelbäume: den Riesen-Lebensbaum (Thuja plicata) und Lawsons Scheinzypresse (Chamaecyparis lawsoniana).

Vielen Gartenbesitzern sind Lebensbäume, auch Thujen genannt, und Scheinzypressen wohlbekannt. Lebensbäume dienen als immergrüne, kaum zwei Meter hohe Hecken, Scheinzypressen in einer Vielzahl an Sorten als vermeintliche Zwerggehölze, die mit den Jahren für die meisten Gärten schließlich doch zu groß werden. Wegen ihrer allzu häufigen Verwendung tragen sie zu einer oft beklagten Eintönigkeit vieler Gärten bei.
Eine ganz andere Wirkung entfalten diese Nadelbäume dort, wo sie ausreichend Platz, Zeit und Gelegenheit haben, sich zu ihrer vollen Größe und Schönheit zu entwickeln. Zwei solcher Exemplare kann man in der Goethestraße 12, im Garten des "Cercle Mess de Garnison", der Offizierskantine der deutsch-französischen Brigade, bewundern. Nur wenige Gartenbesitzer werden in diesen beiden prächtigen, 20 Meter hohen Exemplaren wohl auf Anhieb die Nadelbäume erkennen, die sie aus ihren Gärten kennen.

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Das Gebäude der Offiziersmesse wurde zu Beginn des 20. Jahrhunderts zusammen mit anderen Gebäuden für die Garnisonen errichtet, die damals neu in Müllheim stationiert wurden. Zur selben Zeit wurde vermutlich auch die Parkfläche um das Gebäude angelegt. Wann genau die beiden Nadelbäume gepflanzt wurden, lässt sich heute nicht mehr feststellen. Sie dürften aber mit der Anlage der Fläche oder jedenfalls nicht sehr viel später gepflanzt worden sein und zählen mit einem Alter von etwa 100 Jahren schon mit zu den ältesten Bäumen in Müllheim.

Wer sich die Bäume genauer anschaut, erkennt, dass der knapp ein Meter dicke Hauptstamm beider Bäume von mehreren Nebenstämmen umgeben ist. Dabei handelt es sich um ehemalige untere Seitenäste, die unter ihrem eigenen Gewicht auf den Boden gedrückt wurden, dort Wurzeln schlugen und anschließend senkrecht in die Höhe wuchsen. Eine solche "Schleppenbildung" kann auch am Naturstandort auftreten und dazu führen, dass um einen schon längst verfaulten Baumstumpf ein Kreis scheinbar jüngerer Bäume heranwächst, die tatsächlich aber nur "Ableger" des Altbaums sind.

Beide Baumarten haben ihre ursprüngliche Heimat im Westen Nordamerikas. Das Vorkommen des Riesen-Lebensbaums reicht vom Südosten Alaskas bis in den äußersten Norden Kaliforniens, nach Osten hin über die Rocky Mountains hinweg bis nach Montana. In den feuchten Küstenregionen des Bundesstaats Washington findet der Baum optimale Bedingungen, wird dort bis 1500 Jahre alt und erreicht dabei Höhen von 60 Metern und Stammdurchmesser von fast sechs Metern! Kein anderer bei uns gedeihender Baum – mit Ausnahme der Mammutbäume, dem er in der rotbraunen Färbung seiner Rinde ähnelt, – erreicht ähnliche Durchmesser. Es gibt noch eine Gemeinsamkeit: In beiden Fällen war der englische Pflanzensammler William Lobb der erste, der von seiner Reise durch Kalifornien im Jahr 1852 Saat dieser Bäume nach Europa brachte. Die Riesen-Thuja ist hier in Europa winterhart, bevorzugt aber luftfeuchte Lagen und wird wegen ihrer Dimensionen vor allem in großen Gärten und Parks gepflanzt. Als Forstbaum hat diese Thuja hier keine Bedeutung, wohl aber in ihrer Heimat, wo das pilzfeste Holz sehr geschätzt wird, weshalb viele Urwälder völlig abgeholzt worden sind.

Suche nach Vermisstem führt zu unbekanntem Nadelbaum

Im selben Jahr, in dem Lobb sein kostbares Saatgut von Mammutbaum und Riesen-Thuja nach England brachte, verschwand John Jeffreyi, ein anderer Pflanzensammler, spurlos in den Weiten Kaliforniens. Auf der Suche nach ihm durchstreifte der Schotte Andrew Murray auch die noch weitgehend unbekannten Waldgebiete an der Küste Nordkaliforniens. Seinen Kollegen fand er nicht – der tauchte nie wieder auf –, aber er entdeckte einen Nadelbaum, den er als eine bislang unbekannte Art der Scheinzypressen erkannte und nach seinem Auftraggeber, der Baumschule Lawson in Edinburgh, benannte. Anders als die Riesen-Thuja besiedelt diese Scheinzypresse nur ein kleines Gebiet entlang der Küste von Südoregon bis Nordkalifornien, das in seiner Ausdehnung etwa dem Gebiet von Florenz bis Neapel entspricht. Von Lawsons Scheinzypresse sind bis heute mehr als 200 Sorten bekannt, die sich in Wuchs, Nadelform und -färbung unterscheiden und dieses Nadelgehölz zu einem der häufigsten in unseren Gärten machen.

In Nordamerika werden beide Arten ebenso wie einige andere Nadelbäume als "cedar", also als Zeder, bezeichnet. Mit echten Zedern, die es nur in der Alten Welt gibt, sind sie jedoch nicht näher verwandt. Botanisch gehören Thujen und Scheinzypressen in die nahe Verwandtschaft echter Zypressen. Sie haben wie diese schuppenförmige, dem Zweig eng anliegende dunkel- oder bläulich grüne Nadeln und holzige Zapfen, die bei der Scheinzypresse denen der echten Zypresse ähneln, aber viel kleiner sind. Von beiden, Riesen-Thuja und Lawsons Scheinzypresse, gibt es nahe verwandte Arten in Nordamerika und in Asien. Eine davon, der Abendländische Lebensbaum (Thuja occidentalis) aus dem Osten Nordamerikas, liefert die beliebten Heckenpflanzen. In Europa hingegen sind diese Nadelbäume wie so viele andere Gehölze auch infolge der Eiszeiten ausgestorben.

In Müllheim findet man große Scheinzypressen auch im Britzinger Weg als Überbleibsel des einstigen Pfunderparks. Unter Denkmalschutz steht aber nur der Riesen-Lebensbaum in der Goethestraße. Es ist zu hoffen, dass die große Scheinzypresse dort auch ohne formalen Schutzstatus dieselbe Aufmerksamkeit erfährt wie ihr geschützter Nachbar.

Wer Angaben über die beschriebenen Bäume in der Goethestraße in Müllheim machen kann, sollte sich melden unter

Tel. 07631/1806-5420 oder per Mail an redaktion.muellheim@badische-zeitung.de.

Autor: Jens-Uwe Voss