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26. März 2011

Empfindliche Blütenpracht

BZ-SERIE (TEIL 1): Die Magnolien in der Müllheimer Werderstraße sind Naturdenkmale .

  1. Der Autor dieser Serie: Jens-Uwe Voss Foto: Drescher

  2. Rosa Blütenrausch in der Müllheimer Werderstraße Foto: Jens-Uwe Voss

MÜLLHEIM. In Müllheim gibt es zwar keine Baumschutzsatzung, aber seltene und besonders alte Bäume wurden hier in einer Liste geschützter Naturdenkmale aufgenommen. Manche von ihnen sind einheimisch, andere kamen aus fernen Ländern ins Markgräflerland. Einige der denkmalgeschützten Bäume, ihre Besonderheiten und – wenn sie bekannt ist – auch ihre Geschichte stellt die Badische Zeitung in einer Serie vor. Heute geht es um die Magnolienbäume in der Müllheimer Werderstraße.

Unübersehbar sind jetzt im Frühling die Magnolienbäume im Zentrum Müllheims. Die größten und ältesten findet man in der Werderstraße, gleich mehrere nebeneinander im unteren Teil der Straße vor den Häusern 13 bis 17, auch weiter oben stehen zwei Bäume vor dem Haus 49. Mit den ersten warmen Frühlingstagen, meist in der zweiten Märzhälfte, verwandeln sich die eben noch kahlen Bäume in wenigen Tagen in ein rosafarbenes Blütenmeer. Kein anderer Baum in unseren Breiten reicht mit der Größe seiner Blüten an die der Magnolien heran. Dabei zählen Magnolien entwicklungsgeschichtlich zu den ältesten Blütenpflanzen und besiedelten schon vor 100 Millionen Jahren die Erde. Einst waren sie auf der Nordhalbkugel weit verbreitet und kamen auch in Europa vor, wie etwa Fossilfunde aus der weltberühmten Grube Messel bei Darmstadt zeigen. Damals, im Erdzeitalter des Tertiärs, herrschte in Mitteleuropa ein gemäßigtes Klima mit warmen Sommern und milden Wintern, wie es Magnolien besonders lieben. Das änderte sich bekanntlich grundlegend mit Beginn der Eiszeiten. Diese brachten ein Klima in Europa mit sich, in dem wie so viele andere Bäume auch die Magnolien nicht überleben konnten. So starben sie in ganz Europa aus, doch zum Glück gab es anderswo Rückzugsgebiete mit besserem Klima, in denen die Magnolien die Eiszeiten überleben konnten.

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Heute kommen einige wenige Magnolienarten im Südosten Nordamerikas und mehr als 200 Arten in Südost- und Ostasien vor. Aus diesen Gebieten brachten Forschungsreisende, Entdecker und Händler seit dem 17. Jahrhundert nach und nach immer mehr Arten nach Europa, wo sie zu begehrten Pflanzenschätzen wurden, für die wohlhabende Pflanzenliebhaber und Sammler hohe Preise zahlten. Besonders folgenreich war die Einführung zweier asiatischer Arten, der Yulan-Magnolie (Magnolia denudata) und der Purpur-Magnolie (Magnolia liliiflora), die beide erstmalig um 1790 aus Zentralchina nach Europa eingeführt wurden. Hier wurden beide Arten im Jahr 1820 miteinander gekreuzt. Bis heute erinnert der Name, den die Kreuzung erhielt – Magnolia x soulangiana –, an den Züchter Étienne Soulange-Bodin, einen französischen Agronom und Offizier, und das Jahr 1820 kann als Geburtsstunde der Magnolienzucht in Europa gelten. Diese Kreuzung wurde später oft wiederholt, und obwohl es viele andere wundervolle Magnolien gibt, findet man in unseren Gärten bis heute am allerhäufigsten Sorten, die aus den Kreuzungen dieser beiden Arten hervorgingen.

Auch die denkmalgeschützten Magnolien in der Werderstraße zählen zu diesen Soulangeana-Sorten oder Tulpenmagnolien, wie sie von vielen oft genannt werden. Tatsächlich erinnern die Blütenknospen kurz vor dem Aufblühen an riesige schlanke Tulpen, während sie voll erblüht eher an kostbare Pokale aus Porzellan denken lassen. Wer genau hinschaut, sieht durchaus Unterschiede: Die meisten dieser Magnolien blühen hellrosa, eine in der unteren Werderstraße jedoch zeigt dunklere und bauchigere Blüten. Sie blüht auch etwas später als die anderen.

Dank der späteren Blüte läuft sie etwas weniger Gefahr, den Schaden zu erleiden, der der Blütenpracht immer wieder droht: Schon ein einziger kurzer Nachtfrost zur Blütezeit genügt, um die ganze Blütenpracht in wenigen Stunden in einen einzigen Haufen braunen Matsch zu verwandeln! Die Bäume selbst nehmen dabei keinen Schaden, aber auf die nächste Blüte heißt es ein Jahr warten.

Die denkmalgeschützten Magnolien in der Werderstraße sind alle um die sechs Meter hoch und in typischer Weise mehrstämmig, wobei die einzelnen Stämme etwa 20 Zentimeter Durchmesser aufweisen. Damit sind diese Exemplare wahre Riesen unter den Tulpenmagnolien. Wann sie gepflanzt wurden, ist nicht genau bekannt. Alte Postkarten und einige andere Hinweise sprechen ebenso wie die Größe der Bäume aber dafür, dass sie bereits um die Wende zum 20. Jahrhundert gepflanzt wurden. Diese Magnolien sind also über 100 Jahre alt! Das ist ein für Ziergehölze bemerkenswertes Alter, das nur wenige Bäume und Sträucher in unseren Privatgärten erreichen. Die Magnolien in der Werderstraße sind vital und frei von Krankheiten, und nicht zuletzt dank ihres Status als Naturdenkmale können sie auch die nächsten Jahrzehnte mit ihrer Blütenpracht den Frühling willkommen heißen. Auch wenn dann und wann mal ein Nachtfrost dazwischen kommt.

Wer die eine oder andere Geschichte zu den Magnolienbäumen in der Werderstraße erzählen kann, sollte sich melden unter

Tel. 07631/1806-5420 oder per Mail an redaktion.muellheim@badische-zeitung.de

Autor: Jens-Uwe Voss