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30. Juni 2009

"Fast schon eine Sensation"

"Eine wahrhaft humane Kur" zeichnet die Wichtigkeit von Badenweiler für Hermann Hesse nach / Autoren: Bislang unterschätzt

  1. Die Frage warum Hermann Hesse immer wieder nach Badenweiler kam, beantwortet das Buch "Eine raffiniert humane Kur", das anlässlich des 100-Jahrestages des ersten Hesse-Besuchs in Badenweiler im Verlag von Peter Martens (links) erschienen ist und von Rolf und Hannes Langendörfer und Rita Grimm ( von links) jüngst im Rahmen einer Lesung in Müllheim präsentierte wurde. Foto: Martina Faller

  2. Foto: Bernd Michaelis

MÜLLHEIM/BADENWEILER. Beinahe auf den Tag genau hundert Jahre ist es her, dass sich Hermann Hesse das erste Mal als Kurgast in das Gästebuch der Villa Hedwig in Badenweiler einschrieb. Aus diesem Anlass ist im Kulturverlag "Art und Weise" ein Buch erschienen, das der Frage auf den Grund geht, warum es Hesse immer wieder nach Badenweiler zog. Jetzt wurde es in der Buchhandlung Beidek vorgestellt.

Das Kurleben in Badenweiler hat Hermann Hesse anfangs "sonderbar" und "affenhaft" gefunden. Dennoch kam der Schriftsteller noch zu mehreren Aufenthalten in den "kleinen faishonablen Badeort". Was zog ihn hierher? Die Antwort ist, so Rolf Langendörfer bei der Vorstellung, "fast schon eine Sensation".

"Wir wollen nicht vergleichen und darum konkurrieren, welcher Schriftsteller für Badenweiler von größerer Bedeutung ist", beschwichtigt der ehemalige Pfarrer des Kurbads und Co-Autor des Buches. Dass die Zeit in Badenweiler für Hesse von größerer Bedeutung ist, als in der Hesse-Forschung bislang angenommen, das wird in dem Buch, das zum ersten Mal alle wichtigen autobiografischen Texte und Briefe Hermann Hesses zu seinen Aufenthalten in Badenweiler vereint, mehr als deutlich. Vom Erwartungsdruck nach dem Erfolg seines Romandebüts und den Querelen um seinen neuen Roman in eine Krise gestürzt, lässt er sich von seinem Malerfreund Fritz Widmann an Professor Albert Fraenkel vermitteln, der in der Villa Hedwig eine Kuranstalt, "zwischen Hotel und Sanatorium" unterhält und in den Augen des Freundes der rechte Mann ist, um "eine echte Künstlerseele wieder in das rechte Gleichgewicht und zur rechten Arbeitsfreude" zu bringen. Er sollte recht behalten.

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Nach dreiwöchigem Aufenthalt in der Villa Hedwig hat Hesse nicht nur die Krise überwunden, auch haben die Begegnungen mit den Menschen in Badenweiler einen so nachhaltigen Eindruck bei Hesse hinterlassen, dass er sich noch im hohen Alter gerne an sie erinnert. An Fraenkel, den charismatischen Forscher und Arzt, der 1906 mit der Entwicklung der intravenösen Strophantin-Theraphie Weltruhm erlangte, erinnert sich noch der 83-Jährige als den "bedeutendsten aller Ärzte". "Von allen Seiten, in Luxuskarossen aus dem Elsass, dritter Klasse aus dem deutschen Osten, aus Polen und Russland", kamen die Patienten zum "König von Badenweiler". Und auch bei dem sensiblen Schriftsteller hat Fraenkels Therapie offensichtlich tiefe Spuren hinterlassen. "Unser Professor sucht und sieht und behandelt nicht Krankheiten, sondern Menschen", schreibt Hesse über ihn und staunt am meisten über "seine seelische Offenheit". Die Therapie, die Co-Autor Christof Dietrichs nach heutigen Maßstäben im Bereich der ganzheitlichen Medizin ansiedeln würde, bezieht psychotherapeutische Ansätze ebenso mit ein wie die Gestaltung der Umgebung, in der das Schöne dominieren soll.

Für Hesse wird die Villa Hedwig zum "Haus des Friedens" und der Arzt zum engen Freund. "Jedenfalls ist das eine raffiniert humane Kur", schreibt er in einem im Faksimile abgedruckten Brief an den Vater. Unter diesem Titel sind nun auch alle Zeugnisse der Badenweiler Zeit Hesses in einem Buch zusammengefasst. Beiträge von Christof Schnürer, Christof Dietrichs und Rolf Langendörfer sowie historische Ansichten und Fotografien von Badenweiler ergänzen das Buch und machen es zu einer lesenswerten Lektüre, weil es einen intensiven Blick in das, mit Hesse gesprochen, "Bilderbuch meines damaligen Lebens" gewährt.

Das Buch: Eine raffiniert humane Kur– Hermann Hesse in Badenweiler. Kulturverlag Art + Weise, Schliengen. 77 Seiten, 15 Euro

Autor: Martina Faller