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30. Juli 2011
Früchte gleichen der Perlenschnur
BZ-SERIE (TEIL 9): Schnurbaum ist in Müllheim geschützt.
MÜLLHEIM. In Müllheim gibt es zwar keine Baumschutzsatzung, aber seltene und besonders alte Bäume wurden hier in einer Liste geschützter Naturdenkmale aufgenommen. Manche von ihnen sind einheimisch, andere kamen aus fernen Ländern ins Markgräflerland. Einige dieser Bäume, ihre Besonderheiten und – wenn sie bekannt ist – auch ihre Geschichte stellt die Badische Zeitung in einer Serie vor. Heute geht es um den Schnurbaum.
Zu den Bäumen, die in Müllheim als Naturdenkmale ausgewiesen sind, zählen auch zwei Japanische Schnurbäume (Sophora japonica, heute von den Botanikern meist Styphnolobium japonicum genannt). Beide stehen direkt nebeneinander an der Goethestraße neben dem Finanzamt. Es sind mächtige Bäume, 20 Meter hoch, mit ausladenden Kronen, ein jeder mit über einem halben Meter dicken Stamm. Es gibt im Stadtgebiet noch einige weitere, nicht ganz so große Schnurbäume, zum Beispiel an der Ecke Nussbaumallee/Moltkestraße, an der Östlichen Allee neben der Tierklinik Breuer und am Parkplatz am südlichen Ende des Bahnhofs Müllheim.Werbung
Derzeit fallen die Schnurbäume schon von weitem auf, denn die Zweige hängen voller langer Rispen aus unzähligen, grünlich cremeweißen Blüten. Mit der Blüte der Schnurbäume endet die Blütezeit der Großbäume, die in unseren Parks und Gärten oder als Straßenbäume gepflanzt werden. Dank ihrer späten und über Wochen anhaltenden Blütezeit sowie ihres Nektarangebots bieten die Bäume eine willkommene Nahrungsquelle für die heimische Insektenwelt, einschließlich der Honigbienen, und sind daher auch bei Imkern beliebt.
Bei genauerem Hinsehen erinnern die gut einen Zentimeter großen Blüten an die bekannteren Pflanzen wie Erbsen, Bohnen oder Robinien. Tatsächlich zählt der Schnurbaum wie diese zur großen, weltweit verbreiteten Pflanzenfamilie der Schmetterlingsblütler. Aus den Blüten entwickeln sich bis zum Herbst grüne, knapp zehn Zentimeter lange, unverwechselbare Hülsenfrüchte: Jede ist zwischen den zahlreichen Samen jeweils stark eingeschnürt und erinnert dadurch an eine Schnur mit aufgereihten Perlen, daher der Name Schnurbaum. Die Samen enthalten wie die von Goldregen und Robinie Giftstoffe, wenn auch in geringerer Menge, und sind daher nicht essbar.
Trotz seines Namens stammt der Japanische Schnurbaum ursprünglich nicht aus Japan, sondern aus China und Korea. In Japan wird er aber schon seit Jahrhunderten kultiviert und ist deshalb dort weit verbreitet. Schon vor mehr als 1000 Jahren wurden Schnurbäume in ganz China an Tempeln, aber auch als Nutzholz in Siedlungen gepflanzt.
Dass der Baum seinen Weg nach Europa fand, verdanken wir dem französischen Jesuitenpater Pierre d’Incarville (Gartenliebhaber kennen die nach ihm benannte Incarvillea, eine Blütenstaude). Mitte des 18. Jahrhunderts hatten Europäer kaum die Möglichkeit, über die Häfen Ostchinas hinaus tiefer in das riesige Reich vorzudringen. Den Jesuiten war jedoch erlaubt worden, mitten in der kaiserlichen Hauptstadt Peking eine Mission zu errichten. Da der chinesische Kaiser auch über europäische Pflanzen informiert zu werden wünschte, die er in den königlichen Gärten zu ziehen gedachte, erhielt d’Incarville in Paris vor seiner Abreise einen sechsmonatigen Schnellkurs in Botanik, bevor er als Mitglied der Reisegruppe 1742 in Peking eintraf.
Nur wenige Europäer hatten bis dahin Gelegenheit, die Pflanzenwelt so weit im Norden Chinas zu studieren. So wie der Kaiser von China sich für europäische Pflanzen interessierte, hielt d’Incarville Ausschau nach Pflanzen, die in China wuchsen. Dabei galt sein Hauptaugenmerk wie das seiner Zeitgenossen weniger Zierpflanzen als vielmehr Gewürzen, Obstbäumen und Nutzhölzern. D’Incarville sah auf seiner Reise nach Peking allerorten Schnurbäume und andere Gehölze, die sein Interesse weckten.
In Peking angekommen, wurde er anfangs misstrauisch beobachtet und in seinem Aktionsradius eingeengt. Als er dem Kaiser jedoch eine Mimose vorführte und mit deren Blattbewegungen in ungläubiges Erstaunen versetzte, gewann er die kaiserliche Gunst und durfte sich fortan freier bewegen. Zu den ersten Pflanzen, deren Samen er nun sammeln konnte, zählte der Schnurbaum. Auf abenteuerlichem Weg, mit einer Karawane, die alle drei Jahre tausende von Kilometern auf dem beschwerlichen Landweg von Moskau durch Sibirien und die Mongolei nach Peking und zurück reiste, gelangte das Saatgut über Moskau schließlich im Jahr 1747 nach Paris. Die Samen des Schnurbaums erwiesen als keimfähig und die Pflanzen wie erwartet als winterhart. Doch sollte es noch über 30 Jahre dauern, bis diese Bäume schließlich blühten: Erst 1779 öffnete der erste Schnurbaum – und damit eines der ersten überhaupt aus Ostasien eingeführten Gehölze – seine Blüten auf europäischem Boden.
Einige der Schnurbäume, die in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts gepflanzt wurden, stehen noch heute. Zu den Ältesten in Mitteleuropa zählt ein mächtiges Exemplar im Schlosspark von Schönbrunn in Wien, das seit vielen Jahren unter Denkmalschutz steht. Um 1920 war es bereits über 20 Meter hoch, hatte einen Kronendurchmesser von 30 Metern und einen Stammdurchmesser von 1,70 Metern. Die denkmalgeschützten Bäume in Müllheim sind zwar bereits ebenso hoch, aber längst noch nicht so alt. Sie wurden wohl erst kurz nach dem Zweiten Weltkrieg gepflanzt.
Als Nutzbaum war der Schnurbaum hierzulande eine Enttäuschung; weder Holz noch Rinde oder Blüten, die in seiner Heimat als Medizin und zum Färben verwendet wurden, hatten Vorzüge im Vergleich zu anderen, heimischen Baumarten zu bieten. Als anspruchsloser, gegenüber Krankheiten und Schädlingen wenig anfälliger und dazu raschwüchsiger Zierbaum wurde er hingegen eine große Bereicherung unserer Gehölzflora, nicht nur in Parks, sondern auch als innerstädtischer Straßenbaum. Er kommt mit armen Böden, Lufttrockenheit und großer Hitze nicht nur gut zurecht, er benötigt diese sogar, um gut zu gedeihen.
Auch wenn es diesen Sommer schwerfällt zu glauben: Der Klimawandel wird uns immer öfter wärmere Sommer bringen, aber wir werden nach wie vor auch mit strengen Wintern wie den vergangenen beiden rechnen müssen. Die Grünflächenplanung in den Städten wird sich darauf einstellen müssen. Der Schnurbaum zählt zu den Gehölzen, die mit diesen veränderten Bedingungen bestens zurechtkommen, und damit zu den Baumarten, die als innerstädtische Straßenbäume zukünftig eine immer größere Bedeutung erlangen werden. Auch unter diesem Aspekt sind die schon vorhandenen Schnurbäume von großem Wert und sollten unbedingt geschützt und erhalten werden.
Autor: Jens-Uwe Voss


