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02. Juli 2011
Goldgelbe Perlen an langen Spindeln
BZ-SERIE (TEIL 7): Flügelnüsse dienen im Müllheimer Schwimmbad als Schattenspender / In Urzeiten waren die Bäume schon mal hier heimisch.
MÜLLHEIM. In Müllheim gibt es zwar keine Baumschutzsatzung, aber seltene und besonders alte Bäume wurden hier in einer Liste geschützter Naturdenkmale aufgenommen. Manche von ihnen sind einheimisch, andere kamen aus fernen Ländern ins Markgräflerland. Einige dieser Bäume, ihre Besonderheiten und – wenn sie bekannt ist – auch ihre Geschichte stellt die Badische Zeitung in einer Serie vor. Heute geht es um die Flügelnuss.
Die Grünfläche um das Müllheimer Schwimmbad mit ihren Schatten spendenden Bäumen hat neben dem größten Tulpenbaum der Stadt (wir berichteten) noch eine weitere Besonderheit zu bieten: die Kaukasische Flügelnuss. Gleich zwei dieser Bäume stehen am Rand der Liegewiese an der Grenze zum Ziegleweg, Ecke Badstraße. Einer der beiden Bäume wächst einstämmig und hat eine Höhe von 20 Metern erreicht, der zweite ist fast so hoch, wächst mit gleich sieben dicken Stämmen jedoch vor allem in die Breite. Die Kronen überdachen einen Teil des Kinderspielplatzes.Beide Bäume sind als Naturdenkmal ausgewiesen und wohl auch die einzigen, jedenfalls die größten ihrer Art in Müllheim. Sie wurden höchstwahrscheinlich Mitte der 1960er Jahre gepflanzt, als das Schwimmbad neu gestaltet und die Außenfläche des Bads erweitert wurde, und dürften somit erst etwa 50 Jahre alt sein. Botanisch gesehen zählt die Flügelnuss zu den Walnussgewächsen. Ein Walnussbaum steht direkt neben den beiden Flügelnüssen, doch die nahe Verwandtschaft erschließt sich wohl nur dem Fachmann, in erster Linie anhand des Blütenbaus. Das dunkelgrüne, gefiederte Laub erinnert hingegen eher an das einer Esche (Fraxinus), und tatsächlich lautet der wissenschaftliche Name der Kaukasischen Flügelnuss Pterocarya fraxinifolia. Dieser für Ungeübte wahre Zungenbrecher bedeutet wörtlich übersetzt nichts Anderes als "Eschenblättrige Flügelnuss". Unverwechselbar sind hingegen die holzigen, nicht essbaren Nussfrüchte, denen der Baum ebenfalls seinen Namen verdankt. Sie werden nur gut einen Zentimeter groß, tragen aber zwei markante, ebenso große halbkreisförmige, ledrige Flügel und hängen wie goldgelbe Perlen aufgereiht an einer bis zu vierzig Zentimeter langen Spindel. Die Früchte sind zu schwer, als dass die Flügel sie im Wind voranbringen könnten, aber das ist wohl auch gar nicht das Ziel: In seiner Heimat wächst der Baum in Auenwäldern an Flüssen und Gebirgsbächen, wo die Früchte ins Wasser fallen oder bei Überschwemmungen fortgespült werden. Die Flügel vergrößern die Angriffsfläche des Wassers und helfen so, die Früchte weiter fort zu spülen. Bleiben diese auf feuchtem Boden liegen, finden die Samen optimale Startbedingungen. Auf solchen, meist sehr fruchtbaren Auenwaldböden wachsen Flügelnüsse rasch zu großen, oft mehrstämmigen Bäumen von zwanzig bis dreißig Metern Höhe heran. Die Kaukasische Flügelnuss treibt aus ihren weit reichenden Wurzeln außerdem häufig Ausläufer, so dass im Umkreis von zehn Metern um die Mutterpflanze ein undurchdringliches, urwaldähnliches Dickicht entsteht. Die zwei Exemplare am Schwimmbad stehen auf einem Boden, der ihnen sehr zusagt, und zeigen dabei, dass auch im mitteleuropäischen Klima solche Wuchsleistungen möglich sind. Auch Ausläufer entdeckt man immer wieder in der Hecke zur Straße. Dass die Bäume nach und nach die komplette Wiese erobern werden, ist indes nicht zu befürchten, denn die Wurzelausläufer fallen dort immer wieder dem Rasenmäher zum Opfer.
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Die Heimat der Kaukasischen Flügelnuss reicht in einem schmalen Streifen von der Südküste des Kaspischen Meers westwärts bis zur Südküste des Schwarzen Meers und umfasst dabei, wie der Name vermuten lässt, auch den Kaukasus. Dazu kommen ein paar versprengte Einzelstandorte im Südosten der Türkei und ein ganz isoliertes Vorkommen mitten im Iran, das bis vor zehn Jahren nur die dortigen Dorfbewohnern kannten – und schützten, denn es soll Unheil bringen, die dortigen Bäume zu beschädigen. Fünf weitere Arten von Flügelnüssen gibt es weit entfernt in Ostasien, vor allem in China, aber auch in Japan und Korea.
Das heutige Verbreitungsgebiet endet im Westen kurz vor dem Bosporus, knapp vor den Toren Europas. Das war nicht immer so: Einst war die Flügelnuss auch in ganz Europa heimisch. Eindeutige Belege dafür finden sich gar nicht weit von Müllheim entfernt: Nördlich von Straßburg, bei Haguenau, werden in großem Umfang Sand, Kies und Ton abgebaut. Die Vorkommen entstanden dort vor ungefähr drei Millionen Jahren, im erdgeschichtlichen Zeitintervall des Pliozäns, und damit vor den Eiszeiten, die später das Tier- und Pflanzenleben in Europa entscheidend verändern und dezimieren sollten. In der "Saugbagger-Flora" von Sessenheim und in den Lagerstätten im angrenzenden Auenheim finden sich in Ton und Sand gebettet in großer Zahl pflanzliche Ablagerungen in Form von Blättern und Früchten. Viele davon lassen sich bekannten Gehölzen wie Ahorn, Buche, Eiche und Hainbuche zuordnen, die auch heute als heimische Waldbäume bekannt und weit verbreitet sind. Andere Fossilien, die man dort findet, gehören zu Pflanzen, die in Europa infolge der Eiszeiten ausgestorben sind. Zu diesen zählen auch die Ahnen der Kaukasischen Flügelnuss, die später knapp außerhalb Europas ihr Refugium fanden und dort zusammen mit anderen seltenen Bäumen als Relikt einer ursprünglich viel artenreicheren Waldgemeinschaft die Eiszeiten überlebt haben.
Der "Rückweg" in ihr einstiges Verbreitungsgebiet Mitteleuropa blieb der Flügelnuss über Millionen Jahre versperrt. Erst Ende des 18. Jahrhunderts wurde sie in Europa durch den Menschen wieder eingeführt, zunächst wohl in Frankreich, wenig später auch in anderen Ländern. In Mitteleuropa ist die Kaukasische Flügelnuss ein reines Ziergehölz ohne praktische Nutzanwendung – mit einer Ausnahme: Ein renommiertes Buch über Garten- und Landschaftsgehölze empfiehlt sie als "hervorragenden, völlig unempfindlichen ’Kletterbaum’ für Kinderspielplätze". Ob die beiden Bäume auf der Schwimmbadwiese auch zu diesem Zweck gepflanzt wurden?
Autor: Jens-Uwe Voss
