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29. April 2011
Mammutbäume in Familienalben
Hannah Warth und Robert Kellermann erinnern sich an alte Bäume, die Müllheimer Straßenprojekten weichen mussten.
MÜLLHEIM. Mammutbäume – sie bewegen die Menschen. Auch der Artikel über die Baumriesen in Müllheim und Badenweiler, der innerhalb unserer Reihe zu Naturdenkmalen erschienen ist, hat zwei BZ-Leser inspiriert, von ihren Erinnerungen an frühere Exemplare zu erzählen. Selbst alte Zeitungsberichte und Fotos kamen dabei zutage.
Die Fotografie aus der Mitte der 1950er Jahre ist schwarz-weiß, ein eher kleines Bild aus dem Familienalbum von Robert Kellermann. Hier sitzt er als Bub (Jahrgang 1943) mit seiner Mutter Anna und seiner kleinen Schwester Gabi am gedeckten Gartentisch, der vor dem Stamm eines gefällten Mammutbaums steht. Der mächtige Baum musste 1955 weichen, weil damals in Müllheim die Blankenhornstraße gebaut wurde. Allein vom Umfang des Stamms, der auch gut auf dem alten Foto zu erkennen ist, schließt Robert Kellermann darauf, dass der Baum wohl an die 90 Jahre alt gewesen sein muss. Mit Wehmut denkt er daran, dass der Mammutbaum gefällt wurde. Als Kind habe er oft Stücke aus dessen "außergewöhnlicher Rinde" abgebrochen und daraus Schiffchen geschnitzt. "Das war leicht wie Styropor", sagt der Friseurmeister im Ruhestand, dessen Vater Eduard Kellermann sich 1949 im ehemaligen Gesindehaus des Blankenhornschen Anwesens mit einem Salon selbstständig gemacht hatte. Und im Garten, der von der Werderstraße bis fast zur Bismarckstraße reichte, stand der Baumriese wie sich Kellermann erinnert.Werbung
Es war nicht das einzige Exemplar. An mindestens einen weiteren, wenn auch kleineren Mammutbaum kann sich der Müllheimer erinnern. Aus seinem Gedächtnis gestrichen ist die eigentliche Fällaktion. Dafür ist eine andere in umso besserer Erinnerung: 2010 musste ein Mammutbaum, der vor dem Hotel Römerbad in Badenweiler gestanden hatte, aus Sicherheitsgründen gefällt werden: Er war krank und morsch. Für soziale Zwecke wurde der immerhin 30 Meter hohe Riese von der Müllheimer Baumpflegefirma Pfefferer in Scheiben geschnitten – die Einnahmen aus dem Holzverkauf wurden dem Förderverein der Kinderkrebshilfe Freiburg und der BZ-Aktion "Freude am Helfen" gespendet. Auch Robert Kellermann hat sich eine Scheibe gesichert. Die erste sei allerdings zu dünn gewesen und zu Bruch gegangen, sagt er. Deshalb habe er beim Baumexperten Ulrich Pfefferer eine weitere, dickere bestellt. Doch seine Idee, die Holzscheibe in Erinnerung an die früheren Mammutbäume bei sich auf dem Balkon zu lagern, "lässt sich nicht realisieren". Inzwischen weiß Robert Kellermann, dass es dort zu sonnig ist. "Jetzt kriegt die Baumscheibe mein Bruder für seinen Garten in Niederweiler."
Auch auf dem ehemaligen Grundstück der Familie Warth stand bis vor 15 Jahren ein gigantischer Mammutbaum. Er wurde 1885 zur Hochzeit von Hannah Warths Großeltern in der Eisengasse 2 gepflanzt. "Damals war es Sitte, Mammutbäume in Deutschland anzupflanzen", erklärt Hannah Warth. In einem 1969 veröffentlichten Zeitungsartikel, den Hannah Warth aufbewahrt hat, schrieb der vor 25 Jahren verstorbene Ehrenbürger und ehemalige BZ-Redakteur Fritz Fischer: "So wird erzählt, dass eine irrtümliche Sendung der aus Kalifornien stammenden Samen zu der zahlreichen Anpflanzung an Mammutbäumen in Müllheim und Umgebung führte. Statt der geforderten paar Gramm wurde ein ganzes Kilogramm nach Badenweiler geschickt."
Hannah Warth erinnert sich noch gut an den großen Baum in ihrem Garten: "Als Kinder kletterten wir immer auf den Mammutbaum, und im Sommer spendete er mit seinen tief hängenden Ästen viel Schatten", sagt sie und zeigt aus dem Fenster auf die Stelle, an der einst der Baum stand. Heute erinnert nichts mehr an den 35 Meter hohen Giganten. Eine kahle Stelle, auf der die auf Eis gelegte Bebauung des Tenckhoff-Areals ihren Platz finden sollte, zieht sich über das Grundstück. Seit Jahren sammelt Hannah Warth sämtliche Zeitungsartikel über Mammutbäume. Aus dem vor ihr liegenden hohen Zeitungsstapel zieht sie einen von Fritz Fischer verfassten Artikel hervor: "Die größten Säufer von Müllheim – Beim Baumchirurgen zu Besuch – Ein vom Blitz getroffener Mammutbaum wird kuriert", heißt es in der Überschrift. In dem Bericht geht es um den Besuch des Baumdoktors Erich Schauff bei den Warths, der den vom Blitz beschädigten Mammutbaum heilen sollte. Dreimal verlor der Baum durch Blitzeinschläge seinen Wipfel, bildete ihn aber immer wieder neu. 27 Jahre später musste der Baum wegen des Baus der "Östlichen Allee" gefällt werden. Traurig berichtet Hannah Warth: "Es war sehr schlimm für meine Mutter und mich, als der Baum gefällt wurde. Er war wie ein guter Freund der Familie."
Als die 85-Jährige Bilder des "guten Freundes" im Familienalbum findet, huscht ein Lächeln über ihr Gesicht – und es wird klar, dass dieser Mammutbaum nicht so schnell in Vergessenheit gerät.
Autor: Luisa Vetter und Andrea Drescher


