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15. Oktober 2011

Mit einem Hauch von Karamell

BZ-SERIE: Der Kuchenbaum heißt so, wie er im Herbst duftet.

  1. Früchte wie winzige, gelbe Bananen Foto: Jens-Uwe Voss

MÜLLHEIM/BADENWEILER. In Müllheim gibt es zwar keine Baumschutzsatzung, aber seltene und besonders alte Bäume wurden hier in einer Liste geschützter Naturdenkmale aufgenommen. Manche von ihnen sind einheimisch, andere kamen aus fernen Ländern ins Markgräflerland. Einige dieser Bäume, ihre Besonderheiten und – wenn sie bekannt ist – auch ihre Geschichte stellt die Badische Zeitung in einer Serie vor. Heute geht es um den Kuchenbaum.

Für Gehölzliebhaber zählt der Herbst zur schönsten Zeit des ganzen Jahres, zeigen sich doch viele Gehölze jetzt in ihren schönsten Farben. Viele Bäume scheinen geradezu einen Wettstreit um die prächtigste Färbung auszutragen. Die herbstliche Laubfärbung hängt vor allem davon ab, um welche Baumart es sich handelt, aber auch von individuellen Unterschieden, Alter und Standort der Bäume und vom herbstlichen Witterungsverlauf. Dauer und Intensität der Herbstfärbung sind deshalb von Baum zu Baum und von Jahr zu Jahr verschieden. Sonnige Tage, kühle Nächte und ausreichend Feuchtigkeit sind die besten Voraussetzungen für besonders schöne Laubfarben.

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Ganz vorn dabei ist in jedem Fall der Kuchenbaum (Cercidiphyllum japonicum). Bei noch jungen Bäumen färbt sich das Laub meist leuchtend orange- und scharlachrot, bei älteren Bäumen überwiegen dann Lachsrosa und gelbe Farbtöne. Dazu kommen beim genauen Hinschauen noch rote Blattstiele und Knospen sowie gelbe, an ganz winzige Bananen erinnernde Früchtchen.

Die Herbstfärbung allein würde diesen Baum schon zu einem prachtvollen Gehölz machen, doch damit nicht genug, wartet der Kuchenbaum noch mit einem weiteren, einzigartigen Extra auf: Seine herbstlich verfärbtes Laub duftet süßlich nach Lebkuchen oder Karamellbonbon! Man muss sich allerdings etwas Mühe geben, um diesen Duft zu erhaschen: Meist ist er erst wahrnehmbar, wenn man direkt unter dem Baum steht, und auch dann ist es zunächst oft nur ein flüchtiger Eindruck. In der einen Sekunde duftet es intensiv nach Karamell, schon im nächsten Moment hat der Wind den Duft davongetragen. Am ehesten ist der Karamellduft bei feuchtem Wetter wahrnehmbar, wenn sich das Laub bereits verfärbt hat, größtenteils aber noch am Baum hängt. Wer den Duft einmal erschnuppert hat, wird dieses Erlebnis nicht so schnell vergessen. Liegt das Laub erst am Boden, verflüchtigt sich der Duft übrigens rasch.

Was da so duftet, ist dem Chemiker unter dem Namen Maltol bekannt. Derselbe Stoff ist tatsächlich auch in Karamellbonbons, Kuchen, frischer Brotrinde sowie in Malz (daher der Name) enthalten und trägt nicht nur zum typischen Geruch von Backwaren bei, sondern auch zum Duft von Kaffee und Schokolade. Der Kuchenbaum bildet in seinen Blättern reichlich Maltol, allerdings in einer geruchlosen Vorstufe, aus der der Duftstoff erst im Zuge der Herbstfärbung freigesetzt wird.

Der wissenschaftliche Name weist zum einen daraufhin, dass die beinahe kreisrunden Blätter dieses Baums denen eines anderen ähneln, nämlich des Judasbaums (Cercis siliquastrum). Wer genauer hinschaut, erkennt sofort die unterschiedliche Blattstellung: Die Blätter des Kuchenbaums stehen einander gegenüber ("gegenständig"), die Blätter des Judasbaums stehen einzeln am Trieb ("wechselständig") – ein Unterscheidungsmerkmal, das uns schon bei der Kaukasischen Flügelnuss begegnet ist. Die Ähnlichkeit im Blatt von Kuchen- und Judasbaum ist nur oberflächlich und zufällig.

Der wissenschaftliche Name verrät die ursprüngliche Heimat des Kuchenbaums. Tatsächlich stammt er aus Nord- und Mitteljapan, ist aber auch in weiten Teilen Zentralchinas heimisch. Dort wächst er in feuchteren Wäldern an Flussufern und Gebirgsbächen, wird bis zu dreißig Meter hoch und ist ein wichtiger Forstbaum, dessen Holz für Furniere sehr geschätzt wird. Bei uns wächst er meist mehrstämmig und wird nur halb so hoch.

Neben Cercidiphyllum japonicum gibt es noch eine zweite, ähnliche Art, Cercidiphyllum magnificum, die aber nur in Japan vorkommt. Beide bilden die einzigen Vertreter einer eigenen, ganz isolierten Pflanzenfamilie, die nur entfernt mit Magnolien verwandt ist. Darüber hinaus ist der Kuchenbaum eine Art "lebendes Fossil", dessen Ahnen vor vielen Millionen Jahren auf der gesamten Nordhalbkugel verbreitet waren. Fossile Überreste von Blättern, Blüten und Früchten hat man zum Beispiel in der Nähe von Dresden, am Niederrhein, in Polen, in Nordamerika, ja selbst auf Spitzbergen und Grönland gefunden. Wie so viele andere Gehölze starb auch der Kuchenbaum spätestens mit Beginn der Eiszeiten in Europa aus und konnte nur im Fernen Osten ein bis heute dauerhaftes Refugium finden.

Dass dieser Baum wie viele andere Pflanzen aus Japan in Europa bekannt wurde, ist dem aus Würzburg stammenden Philipp Franz von Siebold (1796-1866) zu verdanken. Er kam als Stabsarzt d mit der Niederländischen Ostindischen Kompanie nach Japan, erlangte dort rasch die Anerkennung der Bevölkerung und die Gunst der Mächtigen und bekam so die Möglichkeit, Kenntnisse der dortigen Pflanzen- und Tierwelt zu erwerben, aber auch Einsicht in die Kultur und Lebensweise des für Europäer noch nahezu völlig abgeriegelten Lands zu gewinnen. Siebold gilt als einer der wissenschaftlichen Entdecker Japans und genießt dort und in den Niederlanden hohes Ansehen.

Den Kuchenbaum beschrieb er 1846, und seit 1865 wird der Baum in Europa und Nordamerika kultiviert. Insgesamt sammelte und beschrieb Siebold weit mehr als einhundert Pflanzen, darunter so bekannte Gartenpflanzen wie die Weigelie, die Funkie (Hosta) und eine Hortensienart. In Müllheim findet man den Kuchenbaum bisher nur in noch recht jungen Exemplaren, vor allem in Privatgärten. Zwei ebenfalls noch junge Bäume stehen direkt neben der Bushaltestelle an der Östlichen Allee vor dem Circo Loco. Hier besteht auch die Gelegenheit, die Blätter mit denen des Judasbaums (Cercis siliquastrum) zu vergleichen, der auf der gegenüberliegenden Straßenseite vor einer Mauer wächst. Eines der schönsten und auffallendsten Exemplare wächst aber im benachbarten Oberweiler, direkt am Eingang zum dortigen Schwimmbad.

Der Kuchenbaum ist winterhart, leidet aber manchmal – da er recht früh austreibt – unter Spätfrösten. Dann färbt sich das frische Grün über Nacht schwarz und duftet nach Kuchen. Der Baum nimmt aber weiter keinen Schaden und treibt unverzüglich neu aus. Der Kuchenbaum bevorzugt durchlässige, tiefgründige und eher kalkarme Böden, die auch im Sommer nicht austrocknen. Als Straßenbaum eignet er sich nicht so gut. Da er recht langsam wächst, kann man ihn aber nicht nur in Parkanlagen pflanzen, sondern auch als Solitär in Gärten, wo er durch Wuchs und Laub sehr auffällt – und im Herbst seinen Kuchenduft ums Haus wehen lässt.

Wer weitere Kuchenbäume in Müllheim und Umgebung kennt und möglichst auch deren Geschichte, sollte sich melden unter Tel. 07631/1806-5420 oder per Mail an redaktion.muellheim@badische-zeitung.de.

Autor: Jens-Uwe Voss