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16. April 2011
Rote Rinde zum Schutz
BZ-SERIE (TEIL 2): Der Mammutbaum im Müllheimer Blankenhornpark.
MÜLLHEIM. In Müllheim gibt es zwar keine Baumschutzsatzung, aber seltene und besonders alte Bäume wurden hier in einer Liste geschützter Naturdenkmale aufgenommen. Manche von ihnen sind einheimisch, andere kamen aus fernen Ländern ins Markgräflerland. Einige dieser Bäume, ihre Besonderheiten und – wenn sie bekannt ist – auch ihre Geschichte stellt die Badische Zeitung in einer Serie vor. Heute geht es um Mammutbäume.
Wer auf dem Weg ins Müllheimer Bürgerhaus durch den angrenzenden Blankenhornpark kommt, dem wird sofort ein mächtiger immergrüner Baum mit dunkelgrüner, etwas bläulicher Benadelung und einem dicken Stamm mit rotbrauner Rinde auffallen. Der größte Baum im Park und einer der auffälligsten Bäume ganz Müllheims ist ein ganz besonderer Nadelbaum: ein Riesen- oder Bergmammutbaum, mit wissenschaftlichen Namen Sequoiadendron giganteum genannt.Wie die Magnolien, über die im ersten Teil dieser Serie berichtet wurde, waren auch die Mammutbäume einst überall auf der Nordhalbkugel heimisch. Vor etwa 15 Millionen Jahren, im Erdzeitalter des Tertiärs, wuchsen die Vorfahren des Mammutbaums zusammen mit Magnolien, Palmen und Lorbeerbäumen mitten in Europa. Ihre Überreste bilden heute einen Teil der Braunkohle, in der man nicht selten große, gut erhaltene Stämme findet. Der Beginn der Eiszeiten wirkte sich für diese Riesen noch schlimmer aus als für die Magnolien. Während diese große Rückzugsgebiete im Südosten Nordamerikas und in Südostasien fanden, blieb den Bergmammutbäumen nur ein schmaler Streifen an der Westküste Nordamerikas. Bis auf die dort lebenden Indianer wusste die Welt nichts von ihrer Existenz.
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Erst 1852 hörte der englische Pflanzensammler William Lobb, der im Auftrag einer englischen Baumschule als Pflanzenjäger nach San Francisco geschickt worden war, von einem Bärenjäger, der sich auf der Jagd plötzlich in einem Wald aus Baumriesen wiedergefunden hatte. Die meisten winkten ab und meinten, der Mann würde ihnen einen Bären aufbinden, doch Lobb machte sich schnurstracks auf den Weg und stand kurz darauf selbst fassungslos in einem Wald aus Bäumen, 75 bis 100 Meter hoch und sechs Meter dick. Heute wissen wir: ein Gebiet am Westhang der Sierra Nevada in Kalifornien, gerade einmal 400 Kilometer lang und 25 Kilometer breit – das ist alles, was den Bäumen blieb. Dort wachsen in so genannten "Groves" oder "Hainen" einige Tausend Bäume, fast alle davon heute streng geschützt in Nationalparks.
"Botschafter aus einer anderen Zeit", so hat der amerikanische Schriftsteller John Steinbeck diese Riesen genannt. Die mächtigsten von ihnen sind mehr als 2000 Jahre alt, über 80 Meter hoch und am Stammfuß mehr als zehn Meter breit. Der erste Ast setzt an den langen geraden Stämmen erst in 40 Meter Höhe an und ist doch mit drei Metern Durchmesser dicker als der Stamm einer ausgewachsenen Eiche. Damit sind diese Exemplare nicht nur die massigsten Bäume, sondern die größten Einzellebewesen überhaupt, die heute auf der Erde existieren.
"Botschafter aus einer anderen Zeit": Das gilt auch für den wissenschaftlichen Namen dieses Baums. Seinen Namen verdankt er Sequoyah, einem Cherokee-Indianer, dessen Volk einst zu den mächtigsten indianischen Völkern Nordamerikas zählte. Sequoyah entwickelt um 1800, beeindruckt vom Fund einer Druckerpresse, fast ganz allein, nur mit Unterstützung seiner Tochter, eine eigene Schrift, mit der sich die Sprache seines Volkes in Zeichen fassen lässt. Die Schrift setzt sich schnell durch, die Zahl der Analphabeten unter den Cherokees sinkt drastisch, und schließlich wird die erste indianische Zeitung, die Cherokee-Post, in dieser Schrift herausgegeben. Der österreichische Botaniker Endlicher, von dieser Leistung schwer beeindruckt, nennt die mächtigsten Bäume der Welt Sequoia, später wird der Name aus formalen Gründen der botanischen Nomenklatur in Sequoiadendron, "Baum des Sequoia", geändert.
William Lobb erkannte sofort die Bedeutung "seiner" Entdeckung und brachte unverzüglich Saatgut nach England. Es zeigte sich, dass der Riesenmammutbaum dort und fast überall in Mitteleuropa gut gedeiht. In Deutschland wurden die ersten Bergmammutbäume noch vor 1860 gepflanzt. Einige von ihnen sind heute über 40 Meter hoch und beinahe drei Meter im Durchmesser. Verglichen mit ihren Stammeltern in Kalifornien sind sie damit fast noch Zwerge, aber sie sind ja auch noch nicht einmal 200 Jahre alt!
Der Mammutbaum im Blankenhornpark ist der älteste und mit immerhin schon 22 Metern Höhe und 1,70 Stammdurchmesser auch der größte seiner Art in Müllheim. Er ist aber längst nicht der Einzige: Ein zweites, noch nicht ganz so massiges Exemplar steht im Garten der katholischen Pfarrgemeinde in der Hafnergasse. Auch dieser Baum ist als Naturdenkmal ausgewiesen, leidet aber wie viele größere Mammutbäume im Sommer unter Wassermangel und wird daher wipfeldürr. Auffallend ist bei diesen beiden älteren Bäumen die schon erwähnte rotbraune Rinde, die sich als dicker Fasermantel um den Stammfuß legt. Sie ist so luftig und weich, dass man mit der Faust gegen den Stamm schlagen kann, ohne sich dabei weh zu tun. Die Rinde wirkt als Isolierschicht, die die Mammutbäume in ihrer Heimat vor Waldbränden schützt, die dort immer Sommer immer wieder durch Blitzschläge ausgelöst werden. In der Nähe des Bürgerhauses steht ein noch junger Baum, der erst vor wenigen Jahren gepflanzt wurde, aus Anlass der Verabschiedung des früheren Bürgermeisters in den Ruhezustand. Ihm fehlt noch der rote Mantel, doch wenn ihm nichts zustößt, er keinem Gebäude und keiner Straße weichen muss, wird auch er sich in den nächsten hundert Jahren einen solchen Mantel zulegen und hoffentlich als Naturdenkmal geschützt werden.
Die größten Mammutbäume in der Region stehen allerdings in Badenweiler, wo es außerhalb des Kurparks rund ein Dutzend gibt. Diese Baumriesen sind wohl schon um 1870 gepflanzt worden, also kurz nach ihrer Einführung nach Europa.
Autor: Jens-Uwe Voss


