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07. Mai 2011
Schönster Baum Europas
BZ-SERIE (TEIL 4): Die Rosskastanie war schon Zierbaum im alten Konstantinopel.
MÜLLHEIM. In Müllheim gibt es zwar keine Baumschutzsatzung, aber seltene und besonders alte Bäume wurden hier in einer Liste geschützter Naturdenkmale aufgenommen. Manche von ihnen sind einheimisch, andere kamen aus fernen Ländern ins Markgräflerland. Einige dieser Bäume, ihre Besonderheiten und – wenn sie bekannt ist – auch ihre Geschichte stellt die Badische Zeitung in einer Serie vor. Heute geht es um die Rosskastanien.
"Den kennt doch jedes Kind!" Wenn es einen Baum gibt, auf den dieser Spruch zutrifft, dann ist es wohl die Gemeine Rosskastanie (Aesculus hippocastanum). Tatsächlich ist sie an ihren großen, fingerförmig gelappten und dunkelgrünen Blättern sowie den "Kerzenständern" mit den zahlreichen weißen Blüten im Frühling ebenso leicht zu erkennen wie an ihren stacheligen Früchten mit den großen, wie poliert glänzenden braunen Samen, die im Herbst zu Boden fallen und von Kindern, aber auch Erwachsenen so gerne gesammelt werden.Wenn es um die Neupflanzung von Zierbäumen in Parks und an öffentlichen Plätzen geht, hört man oft den Vorschlag, doch eine Rosskastanie zu setzen: Nicht nur wegen ihres großen Zierwerts, sondern auch oder vor allem, weil es sich doch um einen heimischen Baum handele. "Unsere" Rosskastanie ist eine Reliktart und ein so genannter "Endemit", das heißt eine Art, deren ursprüngliches, natürliches Vorkommen auf ein kleines, eng begrenztes Gebiet beschränkt ist. Dabei handelt es sich hier allerdings nicht, wie man jetzt denken könnte, um bayerische Biergärten, sondern um Waldgebiete im Norden Griechenlands und im angrenzenden Albanien und Mazedonien.
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Dort wächst die Rosskastanie in Mischwäldern mit anderen sommergrünen Laubbäumen in mittleren Höhenlagen um 1000 Meter. Sie liebt etwas schattige Lagen, in denen der Boden auch im Sommer stets etwas feucht bleibt. Als Zierbaum gepflanzt, kommt sie bei uns aber auch mit voller Sonne und trockenerem Boden gut zurecht. Da die Wurzeln recht flach im Boden liegen, heben sie auf verdichteten Böden manchmal den Wegbelag oder entwickeln sich zu Stolperfallen.
Obwohl das Heimatgebiet der zur Blütezeit wohl schönsten europäischen Baumart in antiker Zeit durchaus bekannt war, fehlt in den erhaltenen Schriften der antiken Autoren jeder Hinweis auf diesen Baum. Erst im Jahre 1557 erlangte Mitteleuropa durch die Osmanen Kenntnis von der Rosskastanie, die damals in Konstantinopel bereits als Zierbaum verbreitet war. Zehn Jahre später wurden die ersten Exemplare in Wien gepflanzt, und von dort setzte die Rosskastanie zu ihrem Siegeszug durch ganz Europa an.
Ihr wissenschaftlicher Artname "hippocastanum" bedeutet nichts Anderes als Rosskastanie und bezieht sich zum einen auf die Ähnlichkeit der Samen mit den Früchten des Esskastanie (Castanea sativa), zum anderen darauf, dass die bitteren, für den Menschen absolut ungenießbaren Samen als Pferdefutter verwendet werden können. Früher wurden sie im Herbst als Futter für Pferde, vor allem aber für Schweine in großen Mengen gesammelt.
Mit der Esskastanie ist die Rosskastanie trotz der Ähnlichkeit von Samen und Früchten übrigens nicht näher verwandt.
Die Gemeine Rosskastanie ist die einzige Art ihrer Gattung in Europa. Ihre nächste Verwandte wächst in Japan, insgesamt gibt es in Asien und in Nordamerika etwa 25 weitere Arten von Rosskastanien. Die allermeisten findet man selbst in Botanischen Gärten nur selten.
Als Kreuzung der Gemeinen Rosskastanie mit einer rot blühenden nordamerikanischen Art (Aesculus pavia) entstand vor etwa 150 Jahren die Rotblühende Rosskastanie (Aesculus x carnea). Sie blüht etwas später als die Gemeine Rosskastanie, je nach Sorte rosa- oder dunkelrot, und ihr Laub ist etwas kleiner und dunkelgrün. Mit gut zehn Metern Höhe bleibt sie deutlich kleiner als die Gemeine Rosskastanie, die durchaus 30 Meter Höhe erreichen kann, und bietet sich bei begrenztem Platz daher als Alternative an. Noch aus einem anderen Grund hat sie in den letzten Jahren zunehmend Beachtung gefunden: Sie leidet kaum unter dem Befall durch die Rosskastanien-Miniermotte (Cameraria ohridella).
So lang der Name, so winzig der Schädling: ein kleiner Schmetterling, dessen winzige Larven im Blatt der Rosskastanie leben und fressen. Als Folge davon werden die Blätter der Rosskastanie schon im August braun und fallen ab. Die Puppen überwintern im Falllaub, im Frühling schlüpfen daraus die Motten und befallen das junge Laub. Befallene Bäume entwickeln oft spät im Jahr noch neue "Angsttriebe", manchmal sogar mit Blüten, die unausgereift dem Frost zum Opfer fallen.
Der Schädling ist erst seit den 1980er Jahren bekannt, und seine Herkunft ist bis heute ein nicht völlig gelöstes Rätsel. Er hat sich äußerst rasch über weite Teile Europas ausgebreitet und befällt in immer neuen Gebieten die Gemeine Rosskastanie, nicht aber andere Arten von Rosskastanien. Anfangs befürchteten Fachleute und Laien, dass die Miniermotte "unsere" Rosskastanien so schwächen würde, dass befallene Bäume nach wenigen Jahren absterben würden. Das hat sich zum Glück nicht bewahrheitet – die Bäume widerstehen meist auch jahrelangem Befall – dennoch sollte man befallenen Bäumen helfen, ihr Laub möglichst lange im Jahr zu behalten. Dazu ist es erforderlich, das abgeworfene Laub einzusammeln und zu beseitigen, aber nicht auf dem eigenen Kompost. So dezimiert man die erste Generation der Motten im Frühling.
In Müllheim, den Ortsteilen und den angrenzenden Gemeinden gibt es viele große, sehr schöne Gemeine Rosskastanien, die jetzt zur Blütezeit schon von Weitem auffallen. Zu den prächtigsten und größten zählen die Bäume auf dem alten Müllheimer Friedhof, in deren Nähe auch eine alte Rotblühende Rosskastanie steht. Zahlreiche große, unter Denkmalschutz gestellte Exemplare findet man auch in der Goethestraße, in der Wilhelmstraße vor der Martinskirche, im Hof des Markgräfler Museums und an vielen weiteren Orten. Unter Schutz steht auch die Rosskastanienallee am Güterweg am Bahnhof. Unter den älteren Bäumen findet man gelegentlich auch ein Exemplar der Sorte "Baumannii", deren Blüten gefüllt sind und die deshalb keine Samen ansetzt. Ein altes Buch über Gehölze führt an, dass sie gerne gepflanzt würde, da sie "nicht der Beschädigung durch die Jugend ausgesetzt ist". Ob das auch heute noch ein Kriterium wäre?
Autor: Jens-Uwe Voss
