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24. Dezember 2011
Tanne ist nicht gleich Tanne
BZ-SERIE: Von Rotfichten, Weißtannen, Nordmannstannen und der Spanischen Tanne.
MÜLLHEIM. In Müllheim gibt es zwar keine Baumschutzsatzung, aber seltene und besonders alte Bäume wurden hier in einer Liste geschützter Naturdenkmale aufgenommen. Manche von ihnen sind einheimisch, andere kamen aus fernen Ländern ins Markgräflerland. Einige dieser Bäume, ihre Besonderheiten und – wenn sie bekannt ist – auch ihre Geschichte stellt die Badische Zeitung in einer Serie vor. Heute, am Heiligen Abend, geht es um Tannenbäume.
In den meisten Gebieten Deutschlands war der weihnachtliche Tannenbaum früher gar keine Tanne, sondern eine Fichte, genauer gesagt eine heimische Rotfichte. Deren botanischer Name Picea abies lässt zwar auf eine gewisse Ähnlichkeit mit echten Tannen schließen, die botanisch zur Gattung Abies zählen. Auch botanisch nicht so bewanderte Käufer eines Weihnachtsbaums können aber Fichten und Tannen sehr schnell auseinanderhalten. Wer sich für eine Fichte statt einer Tanne entscheidet, kommt zwar preisgünstiger davon, erhält dafür aber einen Baum mit stechend spitzen Nadeln, die zudem schon nach wenigen Tagen im geheizten Wohnzimmer zu Boden rieseln. Zu guter Letzt bedarf es nur noch der leisesten Berührung, und die Fichte entledigt sich ihres kompletten Nadelkleids, sodass nur ein lamettabehangenes nacktes Gerippe übrig bleibt.Werbung
Kein Wunder, dass man heute einer echten Tanne den Vorzug gibt. Wer genau hinschaut, erkennt, dass die Nadeln einer Tanne am Grund etwas verbreitert sind und mit einem Füßchen am Zweig ansitzen. So halten die Nadeln viel länger am Zweig als bei einer Fichte und fallen selbst dann, wenn sie schon weitgehend vertrocknet sind, erst nach und nach ab. Der beliebteste Weihnachtsbaum ist bei uns in Deutschland heute die Nordmannstanne (A. nordmanniana). Das verdankt sie ihrer intensiv dunkelgrünen, dichten Benadelung und dem regelmäßigen Wuchs mit etagenförmig angeordneten, schön verzweigten Astquirlen. Die Nordmannstanne ist zwar nach einem Mann aus dem Norden benannt – dem finnischen Biologen Alexander von Nordmann –, stammt ursprünglich aber aus dem Kaukasus, wo sie in den Gebirgswäldern die Stelle unserer heimischen Weißtanne (A. alba) einnimmt. Auch diese diente, früher öfter als heute, als Weihnachtsbaum, wächst sie im Schwarzwald doch praktisch vor der Haustür. Sie ähnelt der Nordmannstanne, ihre Nadeln stehen aber nicht so schön dicht und gleichmäßig um die Zweige herum wie bei dieser.
Gelegentlich findet man noch zwei andere Tannenarten als Weihnachtsbäume angeboten: die Große Küstentanne (A. grandis) und die Edle oder Prachttanne (A. procera). Beide stammen ursprünglich aus dem Westen Nordamerikas. Die Prachttanne ist durch die dicht stehenden, auffallend silbergrauen Nadeln leicht von anderen Weihnachtsbäumen zu unterscheiden. Die Nadeln der Küstentanne ähneln denen der Weiß- und Nordmannstanne, sind aber mit bis zu sechs Zentimetern mehr als doppelt so lang und duften beim Zerreiben intensiv nach Orangen.
Weltweit gibt es etwa 40 Arten von Tannen, allesamt Bäume mit geradem, durchgehendem Stamm, regelmäßig angeordneten Seitenästen und – zumindest in der Jugend – schlank kegelförmigem Wuchs. Das Verbreitungsgebiet der Tannen erstreckt sich über die gesamte Nordhalbkugel und reicht von Sibirien und Kanada im hohen Norden über die Gebirge der gemäßigten Breiten bis zur Südseite des Himalayas in Asien und den subtropischen Bergwäldern von Honduras in Mittelamerika.
In Mitteleuropa ist nur die Weißtanne heimisch. Sie kommt von den Pyrenäen, Süditalien und Griechenland im Süden über die Alpen und die süddeutschen Mittelgebirge bis nach Polen, die Ukraine und Bulgarien vor. Die wohl größte Weißtanne Deutschlands steht ganz in der Nähe von Müllheim, im Klemmbachtal oben an der Sirnitz: Sie ist 50 Meter hoch, hat einen Stammumfang von über sechs Metern, und ihr Alter wird auf über 300 Jahre geschätzt.
Auch unter den denkmalgeschützten Bäumen im Müllheimer Stadtgebiet findet sich ein Tannenbaum, und zwar ein ganz besonderer. Er wächst in der Werderstraße 49, im Garten an der Rückseite der alten Villa, die zur Sparkasse Markgräfler Land gehört – ein etwa 20 Meter hoher, bis zum Boden dicht beasteter Baum, dessen beide Stämme mit einem Seilanker gegen Windbruch gesichert sind. Die Nadeln dieser Tanne sind ziemlich kurz, auffallend hart, aber nicht stechend, und dazu auffallend blaugrün mit weißen, gepunkteten Streifen – ganz anders, als man es von den dunkelgrünen, weicheren Nadeln der Weiß- und Nordmannstannen kennt. Es handelt sich um eine Spanische Tanne (Abies pinsapo). Das natürliche Vorkommen dieser Tanne beschränkt sich auf ganz wenige Stellen im äußersten Süden Spaniens, in den Provinzen Granada und Malaga, wo sie in Bergwäldern in Höhen von 1000 bis 2000 Meter gedeiht. Die meisten Bestände dort, etwa in der Sierra de las Nieves bei Ronda, sind zwar geschützt, leiden aber durch Feuer und Überweidung. Der Spanischen Tanne sehr ähnliche Arten kommen auch noch in winzigen Restbeständen, die vom Aussterben bedroht sind, an einzelnen Bergen in Marokko und Algerien vor. Alle diese Tannen waren einst viel weiter verbreitet, doch das heutige, trocken-heiße Mittelmeerklima ließ ihnen nur in den etwas kühleren und feuchteren Bergregionen eine Überlebenschance.
Die Vorkommen der Spanischen Tanne waren den dort lebenden Menschen sicher schon zur Römerzeit und noch länger bekannt. Als eigenständige Baumart erkannt und wissenschaftlich beschrieben hat die Spanische Tanne aber erst im Jahre 1838 Pierre Boissier, ein Schweizer Botaniker, der unter anderem die Pflanzenwelt der Iberischen Halbinsel erforschte. Ab der Mitte des 19. Jahrhunderts wurde die Spanische Tanne dann in Parks und großen Gärten in Südwest- und Mitteleuropa gepflanzt. Trotz ihrer südlichen Herkunft ist sie ausreichend winterhart, verträgt kalkhaltige Böden und auch recht gut Trockenheit.
Das hiesige Exemplar bei der Sparkasse stammt vermutlich aus der Zeit der Blankenhornschen Gärten um 1900. Eine weitere Spanische Tanne stand in einem Garten am Oberen Brühl, war aber wipfeldürr und wurde daher vor wenigen Jahren gefällt. So ist die Spanische Tanne an der Sparkasse heute wohl das einzige Exemplar seiner Art in ganz Müllheim und der näheren Umgebung.
Autor: Jens-Uwe Voss
