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16. April 2014

"Wir bekommen’s hin, Herr Hermann"

Wenn die Kommunalpolitik trommelt, dann erwärmt sich auch die Bevölkerung für das Bahnthema, wie der Auggener Abend zeigt.

  1. Wenn viele die Rote Karte zeigen, dann hat die BBM-Planungsidee eine Chance. Vom Auggener Abend ging ein vielversprechendes Signal aus. Foto: Babeck-Reinsch

AUGGEN. Ein Durchbruch? Ja, davon sind die Verantwortlichen der Bürgerinitiativen, die die Bahnplanung kritisch begleiten, überzeugt. Sie hatten für ihre "Beste Lösung" beim Auggener Abend einen richtig großen Bahnhof und konnten den Eindruck mitnehmen, dass die Bevölkerung jetzt mitgeht. Außerdem gibt es Anzeichen dafür, dass ihr Alternativentwurf inzwischen das Interesse entscheidender Politiker und selbst in Bahnkreisen weckt. Oberstes Ziel ist nun, möglichst schnell eine fundierte Vorplanung in Auftrag zu geben.

"IHR SEID DIE MACHT"
Starker Beifall für Gerhard Kaiser, MUT-Mann und Ingenieur, der den Alternativenwurf seit langem bearbeitet und nun die optimierte Fassung in einer Powerpoint-Präsentation gut nachvollziehbar auch für Laien vorstellte. Und sie dabei an entscheidenden Stellen einem Vergleich mit der offiziellen Bahnplanung unterzog, die dabei nicht gut abschnitt. Sein Fazit: Die Bahn konnte bisher noch nicht beweisen, dass sie den Lärmschutz im Bereich Müllheim und Auggen ohne Tieflage einhalten kann, und sie kann auch nicht so viele Güterzüge durch den Katzenbergtunnel bringen, wie erforderlich – zumindest nicht mit zunehmendem Verkehrsaufkommen, von dem alle ausgehen. Fast 400 Menschen waren in die Sonnberghalle gekommen, in erster Linie Auggener, aber auch Müllheimer und darunter Kommunalpolitiker. So viele Menschen hat das Bürger-Bündnis (BBM) bisher nie auf die Beine gebracht. Diesen Erfolg können sich die Auggener Gemeinderäte ans Revers heften. Sie haben alle Hebel dafür in Bewegung gesetzt. "Das ist die Macht", sagte Kaiser mit Blick aufs Publikum. Die wird gebraucht, denn: "Wir haben noch eine lange Strecke vor uns."

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VIELE SIND AM BALL
Der Weg wird mit Unterstützung von MUT (Mensch und Umwelt schonende DB-Trasse Nördliches Markgräflerland) und der Dachorganisation aller Bahn-Bürgerinitiativen, der IG BOHR, gegangen. Die Überzeugungsarbeit ist angerollt – und zeitigt erste Ergebnisse: Laut Kaiser konnte MUT-Vorsitzender Roland Diehl in direktem Gespräch das Interesse von Eckart Fricke gewinnen, dem Bahnbevollmächtigten für Baden-Württemberg, der nun auf Landrätin Störr-Ritter zugehen wolle, damit die "Beste Lösung" in einer Untergruppe des Projektbeirats diskutiert wird. Dafür setzen sich auch alle MUT-Bürgermeister ein und der Regionalverband sei einverstanden. Das sind viele bisherige Skeptiker bezüglich der Tieflage im südlichen Markgräflerland, die bislang vor allem Müllheim die Abwesenheit beim großen Bahnkampf unter die Nase gerieben haben. Zuletzt hatte dies Landesverkehrsminister Winfried Hermann getan. "Zu spät gibt es nicht. Wir bekommen das hin, Herr Hermann", gibt sich Gerhard Kaiser kämpferisch. Für ihn und das BBM ist viel gewonnen, wenn ihr Entwurf auf den Tisch kommt. Denn sie sind überzeugt, dass er die offizielle Bahntrasse in entscheidenden Punkten schlägt. Auch ein Gespräch mit Hermann scheint auf einmal möglich.

KAISERS "BESTE LÖSUNG"
Deshalb wird weiter gewirbelt, werden Briefe geschrieben, an Politiker aller Ebenen. Ein Musterbrief für Verkehrsminister Hermann lag aus. Denn schließlich, so der Auggener BBM-Sprecher Peter Pilger, geht es um "ein Jahrhundertbauwerk", betroffen sind spätere Generationen. Kaiser setzt die Bürgertrasse mit dem Güterverkehr in Tieflage von Buggingen bis südlich von Auggen fort. Dorthin verlegt er den Bahnknoten. Die alte Rheintalstrecke bleibt bestehen für die Regional- und Fernverkehrszüge. Dieser Vorschlag sei realistisch, finanzierbar und betriebstauglicher als der der Bahn und deshalb in deren ureigenstem Interesse. Er schütze vor Lärm und vor den Folgen vor Gefahrgutunfällen. Er schone Landwirtschaft und Landschaftsbild, verbrauche weniger Fläche, und er schaffe die besseren infrastrukturellen Voraussetzungen für den ÖPNV-Knoten Müllheim, wenn hier eines Tags der S-Bahn-Verkehr von Nord und Süd im Halbstundentakt verkehrt. Vom Ingenieurbüro Infra Consult Freiburg bekommt die BBM bestätigt, dass die Kosten ihrer Lösung unter 200 Millionen Euro liegen – so hoch ist die Kostenvereinbarung von Bund und Bahn. Die Bahn unterbreitet zwei Knotenvorschläge bei Hügelheim, einer mit den Güterzügen in Hochlage, der andere in Tieflage. Die Bürgerinitiativen betrachten beide als untauglich, weil die eine Variante für Hügelheim sehr viel passiven Schallschutz erfordere. Die andere Variante, so Kaiser, zeige Konflikte im Bereich der Hügelheimer Runs und erfordere zwei zusätzliche, etwa drei Kilometer lange Gleise, die den Bahnhofsbereich Müllheim belasteten.

EILE GEBOTEN
Denselben Vortrag hat Kaiser vergangene Woche schon im Müllheimer Gemeinderat gehalten. Auch dort unisono die Entscheidung: Ja zur BBM-Lösung und Nein zur Teilung des Planfeststellungsabschnitts. Um die EU-Förderung von erwarteten 40 Prozent für den Bahnneubau zu bekommen, ist aber größte Eile geboten. Es geht darum, eine Vorplanung auf den Tisch zu legen, deren Realisierung plausibel ist. Deshalb will Kaiser umgehend ein Leistungsverzeichnis für die "Beste Lösung" erstellen, damit zwei anerkannte Ingenieurbüros einen Kostenvoranschlag erstellen können. Den Auftrag für die Vorplanung erteilen können nur die beiden Gemeinderatsgremien, wofür nun ein schneller Weg gesucht wird. Denn es entstehen Kosten von einigen Zehntausend Euro, die zumindest in Vorleistung finanziert werden müssen. Die IG BOHR würde zehn Prozent übernehmen, Auggen und Müllheim müssten sich den Rest aufteilen. Deshalb will sich Bürgermeister Fritz Deutschmann, der "Licht am Ende des Tunnels" sieht, mit seiner Müllheimer Amtskollegin Siemes-Knoblich in Verbindung setzen, die krankheitsbedingt nicht nach Auggen kommen konnte.

Das BBM veranstaltet am 27. April an der Zienkener Brücke eine Bahndemo.

Autor: Gabriele Babeck-Reinsch