Zwischen Wirklichkeit und Traum

Bianca Flier

Von Bianca Flier

Di, 10. Juli 2018

Müllheim

Konzert des Freiburger Akkordeon Orchesters unter dem Motto "Nostalghia" in Müllheim.

MÜLLHEIM. Unter dem Motto "Nostalghia" gastierte das Freiburger Akkordeon Orchester im Rahmen seines 90-jährigen Bestehens in der Martinskirche. Dirigent Volker Rausenberger hatte für diesen Anlass ein anspruchsvolles und unterhaltsames Programm mit dem Orchester einstudiert. Als Gastmusiker waren der Pariser Komponist Michel Godard an Tuba, Serpent und E-Gitarre sowie der Freiburger Komponist und Trommelvirtuose Murat Coskun zu hören. Zur weiteren Bereicherung trug das Ensemble Variabile bei.

Mit "Nostalghia", so führte Rausenberger in seiner Begrüßung aus, ist nicht ein sentimentaler Rückblick gemeint, sondern die "Sehnsucht" nach Aufhebung der Grenzen zwischen vorher und nachher, Wirklichkeit und Traum.

Zum Auftakt spielte das Orchester eine Komposition von Michel Godard, "Une folie de 1000 lumières" für Serpent, Trommel und Orchester – eine Musik, die mit ihren sphärischen Klängen an das indische Diwali-Lichterfest erinnerte. Mit dem melancholischen "Lachrimae amantis" und einer temperamentvollen "Galliarde" des englischen Renaissance-Komponisten John Dowland stellten Orchester und Solisten unter Beweis, dass Vielseitigkeit eines der Hauptmerkmale ihres Repertoires ist. Auch "Rattle-Snake" von Murat Coskun passte ausgezeichnet in dieses Schema. Man lauschte atemlos dem bedrohlichen "Klappern" der Schlange und den orientalischen Tanzrhythmen, die faszinierende Bilder vom legendären "Platz der Gehenkten" in Marrakesch evozierten, wo Schlangenbeschwörer und Märchenerzähler ihre Kunst zeigen. Michel Godards "Sonnet oublié" kontrastierte diese aufregenden Klänge mit einer zarten Melodie, in der das Serpent dunkle Akzente setzte. Mit "Jon", einem Werk von Marina Baranova mit lebhaften Rhythmen und vokalen Einlagen wurde der erste Programmzyklus beschlossen. Dabei wurden die Hörer immer wieder durch den fliegenden Wechsel und die virtuose Technik von Serpent, Tuba, E-Gitarre und verschiedenen Trommeln in Erstaunen und Begeisterung versetzt.

Nach der Pause ging es weiter mit dem fünfköpfigen Orchester-Ensemble FAO, das Martin Ohrwalders "Tatooine" darbot. Eine klanglich fantastische Traumwelt wurde da entfaltet, mit Sphärentönen, Windgeräuschen aus dem Instrumentenbalg und schließlich einer rastlosen Melodik mit nervösem Rhythmus. Eine geniale Leistung des Ensembles.

Das junge Ensemble Variabile wurde durch eine Kooperation des Freiburger Akkordeon Orchesters mit der Freiburger Musikschule ins Leben gerufen. Unter der Leitung und Mitwirkung von Volker Rausenberger spielte das junge Team, besetzt mit zwei Akkordeons, zwei Klarinetten, Cello und Rahmentrommel zunächst einen sehr temperamentvoll gestalteten serbischen "Cacak". Danach präsentierten die jungen Musikerinnen und Musiker ein "Lied zum Frühlingsfest" vom Balkan, das durch die reizvollen Frauenstimmen eine ganz besondere Note erhielt – wehmütig und doch voller Hoffnung. Mit der genialen Interpretation des jiddischen Hochzeitstanzes "Sherele" demonstrierte das Ensemble Variabile, dass es auch die Klezmer-Musik hervorragend beherrscht.

Das Finale des Konzertes wurde mit der Darbietung von drei Kompositionen von Michel Godard bestritten: "Trace of Grace", "Soyeusement" und "Le petit Zèbre". Man spürte in diesen Vorträgen deutlich die Liebe des Komponisten zum modernen Jazz. Und natürlich waren wieder Serpent, Tuba und Trommelklänge mit von der Partie. Das Publikum applaudierte lange und begeistert und errang damit noch eine Zugabe: "Dog River" von Rabih Abou-Khalil. Das Konzert bewies auf geniale Weise, dass Akkordeonmusik auch einmal ganz aus den traditionellen Bahnen ausscheren kann, besonders wenn zwei so virtuose Musiker wie Michel Godard und Murat Coskun ihre Kunst einbringen.