Ein Erzbischof als Urlaubsgast

Manfred Lange

Von Manfred Lange

Sa, 16. Juli 2011

Münstertal

Das "Romantikhotel Spielweg" in Münstertal feiert sein 150-jähriges Bestehen / .

A am 20. Juli jährt sich zum 150. Mal der Tag, an dem in Münstertal im "Gasthof Hirschen-Spielweg" die Geburtsstunde für die Gastronomiefamilie Fuchs schlug. Im Laufe von fünf Generationen haben die "Füchse" die Entwicklung des Münstertales von der "Sommerfrische" zum bekannten und staatlich anerkannten Luftkurort entscheidend mitgeprägt.

Überliefert ist der "Beschluß des Großherzoglichen Bezirksamtes Staufen" vom 20. Juli 1861. Darin heißt es: "Dem Carl Fuchs von Wettelbrunn wird hiermit zum Betrieb der Gastwirtschaft zum Hirschen Spielweg in Obermünsterthal die polizeiliche Erlaubniß ertheilt."

Heute, 150 Jahre später, steht mit Karl-Josef und Ehefrau Sabine Fuchs die fünfte Generation in der Verantwortung, und die beiden Töchter Kristin (23) und Viktoria (21) sind auf dem besten Weg, als sechste Generation in den traditionsreichen Familienbetrieb einzusteigen.

150 Jahre "Spielweg" dokumentieren seit der Mitte des 19. Jahrhunderts ein geradezu lückenloses Sittengemälde für das Leben und Arbeiten im Münstertal, das im übrigen geprägt ist von einer über tausendjährigen Klostergeschichte. Abt Augustin Sengler vom Kloster St. Trudpert war es, der 1705 eine Urkunde unterzeichnete, in welcher er dem Michel Wyßler das Wirtschaftsrecht auf seinem Haus im "Spihlweeg" verlieh. Dieses soll "allein im Oberen Thaal das gemeine und öffentliche Wirtshauß und Stuben seyn für alle gemeinde Gastmähler und privaten Zöhrungen, für Hochzeithen, Kirchweyhungen, Fastnachten und Neujahrsfeiern".

Dem Hauswirt wurde auferlegt, die Stuben jederzeit sauber, zur Winterszeit eingeheizt und bequem zu halten und jedem "umb ein Billichen Preiß essen, trinken und übernacht die Beherbergung" zu geben. Jährlich auf Martini hatte der Spielwegwirt für das verliehene Wirtschaftsrecht drei Gulden an das Kloster zu zahlen und zwar "zu Ewigen Zeithen".

Drei Gulden jährlich

für das Wirtschaftsrecht

Ganz so lang dauerte die "Ewigkeit" dann doch nicht, denn mit der Säkularisation 1806 und erst recht mit dem Verkauf des Hauses an Karl Fuchs im Jahr 1861 war kein Martini-Zins mehr fällig. Die Anfangsjahre der ersten Fuchs-Generation – es waren gleichzeitig die Gründerjahre des neuen Deutschen Kaiserreiches – waren im "Spielweg" aufs engste verbunden mit einer großen Landwirtschaft, einem florierenden Holzhandel und einem Personen- und Warenfuhrbetrieb mittels Pferdegespannen. 1866 wurde dem "Spielweg" höchst offiziell die Funktion einer Großherzoglich-Badischen Postablage verliehen, die 1899 dann von einer "Posthülfstelle" zur "Kaiserlichen Postagentur" geadelt wurde – eine Einrichtung und Tätigkeit, die, wenn auch unter anderer Firmierung, von den nachfolgenden Fuchs-Generationen bis Mitte des 20. Jahrhunderts hinein ausgeübt wurde.

In den 80er und 90er Jahren des 19. Jahrhunderts erlebte das "Gasthaus zum Hirschen-Spielweg" eine erste Blütezeit. Kurgäste im heutigen Sinne, die zwei oder drei Wochen Urlaub machten, gab es damals nicht. Jene "Fremden", die im Spielweg abstiegen, waren Passanten, die per Kutsche anreisten und in der Regel zwei bis drei Tage blieben. Der erste namentlich erfasste "Kur"-Gast in Münstertal war – laut überliefertem "Fremdenbuch" – ein Landgerichtsrat Leiblein aus Freiburg, der sich am 27. Mai 1884 mit Frau und Tochter ins Fremdenbuch eintrug. Unter den damaligen Gästen finden sich solche aus Staufen, Krozingen, Freiburg, aber auch aus Basel und Paris, ja sogar aus Oxford und Chicago. Es waren Gäste aus dem Kreis der "besseren Gesellschaft", Geschäftsleute, höhere Verwaltungsbeamte, Ärzte, Notare, Apotheker, Architekten, Fotografen, die für ein paar Tage zur "Sommerfrische" in den Schwarzwald fuhren. Diese "Sommerfrischler", wie sie sich nannten, suchten schon damals Ruhe, frische Bergluft und ein klares Gebirgswässerchen, das sie alles beim Gasthof Spielweg in Gestalt des aufgestauten Neumagen inklusive eines "Badehäuschens" vorfanden.

Vielfach kam man "in corpore" und legte sich ein Synonym zu. Einmal erschien der "Alpenverein", dann tauchten die "8 fidelen Schwaben" im Südschwarzwald auf, ein andermal trugen sich die "Montagsbummler nach dem Anna-Fest", die "Schwunggesellschaft auf Schlittenfahrt", der "Velocipedistenclub" oder der "Anti-Heiratsverein" ins Gästebuch ein. Unter den ersten Kur-Gästen im Münstertal finden sich um 1900 die heute noch bekannten Freiburger Familien "Ganter-Brauer", "Kapferer" oder "Meyer", die "Schladerer in corpore" aus Staufen, die Professoren Jakob und Albert Burckhardt aus Basel "mit Kutscher und zwei Füchsen", aber auch ein "stud. theol. Konrad Gröber aus Meßkirch", der spätere Erzbischof von Freiburg.

Nach der Jahrhundertwende änderte sich merklich das Berufsbild der Gäste. Im Spielweg stiegen jetzt überwiegend "Reisende" ab; Händler für Bürsten und Schirme, für Pelze und Glaswaren, für Strohschuhe und Petroleum. Mit dem Ersten Weltkrieg ging die kaiserliche Vorkriegsblütezeit jäh zu Ende. Zu Beginn der 20er Jahre waren durchweg Handwerker unterwegs, Geometer, Telefonisten, Klempner, Säger und Tischler, die durch den Bau von Schulhäusern, Straßen, Wasserleitungen und Elektrizitätsanlagen ins Tal kamen und sich für die Dauer ihrer beruflichen Tätigkeit im Spielweg einlogierten.

Jährlich rund 40 000 Gäste

in Münstertal

Erst Mitte der 30er Jahre, als 1935 der Verkehrsverein Münstertal gegründet wurde, trat an die Stelle der einstigen "Sommerfrischler" der eigentliche Kurgast, der mittels KdF (der nationalsozialistischen Organisation "Kraft durch Freude") im Schwarzwald ein paar Wochen "organisierten Urlaub" machen durfte – von den einheimischen Bauersleuten anfangs recht missmutig beäugt, wenn die "Gäscht" auf den neu aufgestellten Ruhebänken faulenzend den Tag vergeudeten.

Durch den zweiten Weltkrieg erlebte das zarte Kurgastpflänzchen erneut einen totalen Einbruch. Es dauerte nochmals zwei Jahrzehnte, bis 1956 in Münstertal erstmals eine offizielle Fremdenverkehrsstatistik geführt wurde, anfangs mit rund 5000 Gästen im Jahr. Heute bringen es – allein in Münstertal – rund 40 000 Gäste auf jährlich fast 300 000 Übernachtungen. Die ersten Nachkriegsjahre, so weiß der 1960 geborene Karl-Josef Fuchs in fünfter Fuchsgeneration aus Erzählungen seiner Eltern und Großeltern zu berichten, waren auch für das Traditionsgasthaus Hirschen/Spielweg sehr hart. "Das Handwerk hat uns überleben lassen", so Karl-Josef Fuchs, und dazugehörte nicht nur die Land- und Viehwirtschaft inklusive hauseigener Metzgerei und der hofeigene (Holz)Fuhrbetrieb, sondern entscheidend der Mehlhandel und die einzige öffentliche Bäckerei im Hause Spielweg. Diese lieferte alle zwei Tage körbeweise Brot und Brötchen an einheimische Krämereien und Wirtschaften. Über viele Jahre sorgte die Spielweg-Bäckerei gewissermaßen fürs tägliche Brot der einheimischen Bevölkerung.

Das "Romantikhotel Spielweg" – seit 1990 Mitglied dieser europaweiten Hotel-Vereinigung – bietet heute eine "kreative Regionalküche", abgestimmt auf die Jahreszeiten, unter Verwendung von Grundprodukte aus dem heimatlichen Umfeld, aus eigener Jagd und hauseigener Käserei. Und wie schon vor 150 Jahren genießt auch der heutige Gast im "Spielweg" die Ruhe und die frische Bergluft, das kühle Nass am Bergbach oder am Swimmingpool und feine hausgemachte kulinarische Köstlichkeiten.