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17. September 2011 15:36 Uhr
Auf der Kippe
Mulhouse: Kann mehr Polizeipräsenz eine weitere Krawallnacht verhindern?
Brennende Autos und prügelnde Jugendliche: Die Krawalle im Mulhouser Stadtteil Bourtzwiller erreichten vergangenes Wochenende ein für das Elsass bislang ungekanntes Ausmaß. Das Viertel steht auf der Kippe – kann ein höheres Polizeiaufgebot helfen?
Der Fahrer des blauen Citroën ist etwa Mitte 20, er trägt einen schimmernden Trainingsanzug. Lässig kurbelt er das Fenster an der Fahrerseite herunter. "Ja, hier ist es gewesen, hier haben sie ein Auto angezündet und dort drüben in der Moschee haben sich die Tschetschenen Samstagabend verschanzt", ruft er quer über die Straße. Er zeigt auf die verkohlte Stelle neben seinem Wagen auf dem Asphalt. "Was würden Sie machen, wenn Leute in Ihr Viertel kommen, sie bedrohen und in der Gegend herumschießen." Männer seien es gewesen, so um die 30 Jahre alt. Nein, seinen Namen will er nicht sagen. "Auf die jungen Chaoten hier müssen wir aber aufpassen", wirft er noch schnell hinterher und rät, bevor er Gas gibt: "Ab dem späten Nachmittag sollten Sie hier lieber nicht mehr herumlaufen."
Einen der jungen Chaoten, einen 20-Jährigen nordafrikanischer Herkunft, hat das Gericht in Mulhouse in einem Schnellverfahren bereits zu 18 Monaten Gefängnis verurteilt. Polizisten wollen ihn bei Ausschreitungen am vergangenen Samstag gesehen haben, wie er Steine und Molotow-Cocktails auf die Beamten schleuderte. Der junge Mann ist polizeibekannt. Nichtsdestotrotz konnte sich die Mehrheit der Beteiligten den Polizisten entziehen. Gegen den Anführer der Bande, die in das Viertel eingedrungen war, ermittelt die Staatsanwaltschaft.
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Am Anfang stand eine tschetschenische Hochzeit in der Stadtteilmoschee Qoba.
Als die Hochzeitsgesellschaft am Freitag das Gebäude verließ, gerieten die Tschetschenen mit arabischstämmigen Jugendlichen draußen aneinander. Beleidigende Worte fielen, es kam zu einer Schlägerei. Richtig zur Sache ging es einen Tag später. Da kehrten die Tschetschenen mit Verstärkung zurück und die kam nach den Erkenntnissen der Polizei weder aus Mulhouse noch aus dem Elsass, sondern aus den angrenzenden Départements, möglicherweise sogar aus Deutschland. 40 bis 50 bewaffnete junge Männer rückten mit Gewehren und Baseballschlägern an. Schüsse in die Luft fielen. Schnell fanden sich an die 100 junge Männer und Jugendliche aus dem Quartier ein. Die Angreifer zogen sich in die Moschee Qoba zurück. Die Polizei versuchte, einen der Schützen festzunehmen, seine Unterstützer wiederum wollten ihn befreien. Auf das Tränengas der Polizei antwortete die Menge mit Steinen und Molotowcocktails. Erst im Laufe des Abends beruhigte sich die Lage.
Oberbürgermeister Jean Rottner forderte umgehend mehr Polizei für das Viertel und verurteilte die Gewalt, nahm aber auch das Quartier in Schutz: "Da hat eine organisierte Bande eine Rechnung begleichen wollen. Das ist ein völlig neues Phänomen", sagt er. Ein solcher Gewaltausbruch sei in seiner Stadt ohne Beispiel. Gewaltbereite osteuropäische Gruppen seien weder in Mulhouse noch im Elsass bisher auffällig geworden. Tage nach dem Vorfall herrscht in Bourtzwiller eine angespannte Ruhe. Die Rue Pierre Brossolette, wo sich der Zusammenstoß zwischen den Banden ereignete, gehört neben Les Côteaux zu den Teilen der Stadt mit der größten wirtschaftlichen Not. Wer hier aufwächst, hat die geringsten Chancen auf ein Leben in Wohlstand. Die Jugendarbeitslosigkeit hat sich bei 25 Prozent eingependelt. Die Schulstatistik sagt, dass drei Viertel der Schülerinnen und Schüler am Collège aus schwierigen Verhältnissen stammen.
"Das war doch eine absolute Ausnahme", sagt Hakim Bourahla, Präsident der Moschee Qoba, einem behelfsmäßigen, quaderförmigen Gebäude. An der Rückseite wurde ein Zelt auf Europaletten gebaut und mit Teppichen als Gebetsraum für die Frauen eingerichtet. Hätte man früher eingreifen müssen? "Hier im Viertel laufen die Dinge eigentlich immer besser. Bei uns gibt es keine Stadtguerilla, auch wenn das jetzt so aussieht", sagt Bourahla.
In der Parallelstraße durchquert die gelbe Tram das Viertel. Seit 2006 bindet sie Bourtzwiller an das Zentrum an. Der "Super Market" wirbt mit einer orientalischen Abteilung und einer "Boucherie halal", einer Metzgerei, die nach islamischem Ritus schlachtet.
Sozialen Konflikten begegnen Frankreichs Großstädte seit Jahren mit einem staatlichen Sanierungsprogramm, der "rénovation urbaine". Die maroden Wohnsilos aus den 60er und 70er Jahren werden durch kleinteilige, moderne Mehrfamilienhäuser ersetzt. Wie so etwas aussieht, kann man in der Rue Brossolette, wenige Schritte von der Moschee entfernt, begutachten. 420 Sozialwohnungen wurden abgerissen, das "Quartier des 420". 94 Millionen Euro hat man sich Abriss und Neubauten allein in Bourtzwiller kosten lassen. Was also läuft schief hier? Woher rührt die Gewaltbereitschaft?
Nicht weit von der Rue Brossolette hat Abdelmalik, um die 30 Jahre alt, seinen Schulbus geparkt. Er sei am Samstag erst spät vom Stadion herübergekommen, erzählt er. Da sei der Platz vor der Moschee schon voller Polizei gewesen. "Natürlich sind wir schockiert. Wären wir das nicht, würde das bedeuten, dass wir uns im Krieg befinden", empört er sich. Abends seien jetzt Streifen im Viertel unterwegs. Abdelmalik ist sich nicht sicher, ob er das gut finden soll. "Denn wissen Sie was: Das wird die Leute doch nur noch mehr provozieren."
- Bourtzwiller: Schwere Jugendkrawalle in Mulhouse
Autor: Bärbel Nückles
