Eine Zeitreise zur "Usine de Santé"

Stephan Elsemann

Von Stephan Elsemann

So, 11. Februar 2018

Südwest

Der Sonntag Winterbadespaß in der Region (5): In der Piscine Pierre et Marie Curie in Mulhouse erinnert vieles an eine versunkene Welt.

Ob er Charles hieß oder Pierre, man weiß es nicht mehr, der Badegast kam öfters vorbei und hatte sein Eintrittsgeld immer schon abgezählt parat. Nur ein altes Foto blieb vom vorbildlich hygienebewussten Besucher und vielleicht hieß er auch Nathalie, denn das Foto zeigt einen kleinen Foxterrier, der stets allein zum Bade ging. Zum Tarif für "petits chiens", mit vier Francs im Maul, begehrte er Einlass. Auch die Bains Municipaux von Mulhouse hatten ein Hundebad, wie alle unter der deutschen Verwaltung errichteten Badeanstalten. Es schloss erst Anfang der 1960er Jahre seine Pforten. Doch sonst ist in der Piscine Curie fast alles noch in Betrieb.

Die neuen zu Beginn des 20. Jahrhunderts errichteten Badeanstalten sollten in erster Linie für mehr Sauberkeit sorgen, als "Usines de Santé" (Gesundheitsfabriken). Geplant hatte sie der Mülhauser Architekt Maurice Baumeister, 1914 wurde der Bau in Angriff genommen. Verschwenderisch mit Marmor, Messingarmaturen und bunten Fenstern ausgestattet, nahm die Piscine Pierre et Marie Curie aber erst 1925, nach dem Krieg, ihren Betrieb auf.

Auch heute ist hier alles bestens in Schuss. Es sind Menschen wie Henri Halm, die sich darum kümmern. Der technische Direktor ist seit über 40 Jahren vor Ort. Liebevoll wird gewienert, gepflegt und instand gehalten.

Die alten Kabinen am Beckenrand wurden erst im letzten Jahr neu gestrichen, selbstverständlich in der originalen Farbgebung. Bei dieser Gelegenheit wurden allerdings auch letzte Schilder mit deutscher Beschriftung entfernt, solche, die den Badegast anweisen, "eine sich zu merkende Controllnummer einzustellen, um solche dem Badewärter als Ausweis zum Öffnen der Schranktüre vor dem Ankleiden anzugeben". Doch auch Wertvolles ist früheren Sanierungen unwiederbringlich zum Opfer gefallen. Die bunten Jugendstilfenster in den beiden Schwimmhallen wurden 1968 durch Klarglas ersetzt, weil man mehr Licht in die Schwimmhallen bringen wollte. Im Foyer sind sie noch zu bewundern. Doch ununterbrochen seit fast 100 Jahren verrichtet die Kohleheizung ihren Dienst, ein drei Stockwerke hohes Monstrum im Keller, ein Technikdenkmal. Drei Tonnen Kohle frisst das Ungeheuer jeden Tag, rund 800 Tonnen im Jahr. "Im Grunde funktioniert sie so wie ein Schnellkochtopf in der Küche", erklärt Halm in aller Seelenruhe, während wir den Schnellkochtopf von oben, sozusagen auf dem Druckdeckel stehend, in Augenschein nehmen. Der Dampf geht aus dem Druckkessel unter anderem direkt ins Dampfbad des Bain romain.

Dort herrscht am "Jour mixte" eine gelassene Stimmung. Es sind fast nur Männer anwesend, Stammgäste meist fortgeschrittenen Alters. Mit 12,30 Euro ist der Eintrittspreis sehr günstig und geboten wird ein unglaublicher Luxus, mit persönlichen Umkleidekabinen, die die Größe kleiner Hotelzimmer erreichen und mit Liegen und Spiegelkommoden ausgestattet sind. Vielleicht liegt es an der Nacktheit, dass sich hier alle auf so kultiviert-respektvolle Art begegnen. Viele schweigen, einige verlieren sich leise in Gesprächen.

Im warmen Marmorpool wird jeder per Handschlag begrüßt, auch der Neuling. Die Badezeit ist hier auf zwei Stunden limitiert und wird auch nicht verlängert, "zum Schutz der Gesundheit", wie von der Crew treuherzig versichert wird. Bademeister José Pedro, der seine Pappenheimer kennt, kommt ab und zu vorbei und weist den einen oder anderen darauf hin, dass es doch für heute genug sei. So müssen zwei Herren ihre Fachsimpelei verschieben, und es wird an einem anderen Tag geklärt werden, wann die beste Saison für Trüffel ist. Stephan Elsemann