Jenseits der Norm

Reiner Kobe

Von Reiner Kobe

So, 05. August 2018

Mulhouse

Der Sonntag Das Jazzfestival Météo in Mulhouse bringt wieder einmal alles außer Mainstream.

Mit vier Themenkomplexen reiht sich das Jazzfestival Météo Mulhouse Music in den Reigen seiner Vorgänger ein. Die 35. Ausgabe ist ebenso bestrebt, die freien Formen aktuellen Jazzschaffens zu ergründen wie deren Bezüge zu anderen Künsten offenzulegen. Gängigen Mainstream hat es in Mulhouse nie gegeben, auch das so beliebte Namedropping findet nicht statt.

Im Zeichen des Free Jazz steht das Eröffnungskonzert, das programmatisch ein Schlaglicht auf das gesamte Festival wirft. David Murray ist ein typischer Vertreter des Free Jazz, der seine expressive Frühphase in den siebziger Jahren längst mit der Tradition versöhnt hat. Das Saxophonspiel des 63-Jährigen ist von schier grenzenloser Technik: Plötzliche Sprünge in hohe Register sind an der Tagesordnung. Nach Mulhouse kommt Murray mit seinem seit fünf Jahren bestehenden Infinity Quartet, das als Gast den Slam-Poeten Saul Williams mitbringt. Zu erwarten ist eine kraftstrotzende, wilde Mixtur aus HipHop, Punk, Electro und Gospel.

Ebenso viel Staub aufwirbeln dürfte der nachfolgende Pianist, auch wenn er bloß solo auftritt. Der Brite Keith Tippett, der Einflüsse von Cecil Taylor und Paul Bley mit Techniken der Minimal Music verbindet, beschränkt sich auf eine minimale Anzahl von Tönen, die es aber in sich haben. Der 71-Jährige, der 1967 sein erstes Sextett formierte und in den 80er Jahren mit den drei Solo-Alben "Mujician" aufhorchen ließ, hämmert nach wie vor mit kaum glaublicher Geschwindigkeit und rhythmischer Intensität immer wieder Klangreihen herunter, baut ständig leichte Verschiebungen ein, bis schwebende Melodien eine Vielfalt von Schwingungen ergeben. Ein Vierteljahrhundert hat sich Tippett im Elsass rar gemacht, so dass die Spannung vor seinem Auftritt steigen dürfte.

Ebenfalls free ist das neue Quintett A Pride of Lions, mit dem die von einer Rhythmusgruppe unterstützten Saxophonisten Daunik Lazro und Joe McPhee überraschen wollen. Zwei Großbesetzungen geben sich die Ehre. Das aus 24 Musikern aus neun Ländern bestehende im April 2010 im Umfeld der Berliner "Echtzeit"-Szene gegründete Splitter Orchester liebt den stilistischen, ästhetischen und intellektuellen Austausch. Mit Spannung erwartet wird die Weltpremiere von "Vollbild", den eigens für das Orchester geschriebenen Komposition von Jean-Luc Guinnet und Robin Hayward, die von grotesken Renaissance-Gemälden inspiriert ist. In eine andere Richtung zielt das von Jacques Di Donato (sax,dr) und Xavier Charles (bcl) geleitete französisch-österreichische Orchester Système Friche.

Beliebt sind nach wie vor die mittäglichen Solo- oder Duo-Konzerte im intimen Rahmen einer zum Konzertsaal umfunktionierten historischen Kapelle – zum Gratiseintritt! Der Trompeter Peter Evans, der auch im Quintett auftritt, ist ebenso zu hören wie der deutsche Bassist Pascal Niggenkemper, der in Australien lebende britische Geiger Jon Rose, die amerikanische Flötistin Nicole Mitchell oder die japanische Koto-Spielerin Michiyo Yagi, die westliche Einflüsse in ihr traditionelles Spiel integriert.

Der erwähnte Peter Evans zählt zweifellos zu den innovativsten jungen Stimmen der amerikanischen Jazzszene. Der 37-Jährige, dem es stets, wie er sagt, um "neue und kompromisslose Musik" geht, bezieht in sein Spiel Themen des schnellen Bebop ein, lässt aber ansonsten fundierte Kenntnisse verschiedener musikalischer Traditionen einfließen. Sie werden in freiem Spiel, das sich aus schier unerschöpflicher Energie speist, ideenreich ausgelotet und trickreich gegen den Strich gebürstet.

Als "außerordentliche Entdeckung" gepriesen wird Senyawa, die Begegnung des indonesischen Sängers Rully Shabara mit dem Bambuslautenspieler Wakir Suryadi. Weitere innovativen Duos streben zu "neuen Ufern" und beschwören die "Magie der Improvisation", um zwei weitere Themenkomplexe des fünftägigen Festivals zu nennen. Wie genau nun Wolfgang Mitterer, der sich mit Jazz Ensembles, New Wave Bands oder Rockgruppen einen Namen machen konnte, darin zu platzieren ist, liegt im Ermessen des Zuhörers. Der österreichische Komponist, in Tirol mit Kirchenmusik und Volksmusik aufgewachsen, stellt erstmals ein vor 30 Jahren geschriebenes Opus mit elektronisch verstärkter Kirchenorgel vor.

Wie gewohnt haben die Veranstalter dem fünftägigen internationalen Festival das "Météo campagne" vorangestellt, das an zwei Wochen ab dem 2. August regionale Acts präsentiert, die viele Stilistiken erfassen: vom Afro Beat über Swing und Boogie Woogie zu Blues, Folk und Chanson.

Gastort des Gratis-Vorfestivals ist am 8. August auch Neuenburg, wo Lalala Napoli auftritt. Die Gruppe um den Akkordeonisten, Sänger und Komponisten Francois Castiello, der einst der Weltmusikgruppe Bratsch vorstand, will den neapolitanischen Gesang und die Tarantella zu neuem Leben erwecken. Musik, die in die Beine geht und den Neuenburger Rathausplatz in einen riesigen Tanzsaal verwandeln könnte.
Lalala Napoli Mittwoch, 8. August, 19.30, Rathausplatz Neuenburg. Gratis.
http://www.festival-meteo.fr