"Man ist nicht alleine"

Christiane Weishaupt

Von Christiane Weishaupt

Sa, 29. Oktober 2011

Murg

Thema Frühchen: Wie Claudia Kühne aus Hänner aus eigener Erfahrung anderen Familien hilft / Buch ist schon weitgehend vergriffen.

MURG-HÄNNER. "Frühchen überlebt in der 22. Woche." Was hinter dieser Schlagzeile steckt, weiß Claudia Kühne aus Hänner genau. Ihre Tochter kam in der 26. Schwangerschaftswoche zur Welt. Zur Unterstützung anderer Frühchenfamilien hat sie ein Buch geschrieben, und mit ihrem Mann lädt sie Betroffene in eine Ferienwohnung ein. Der Weltfrühgeborenentag am 17. November widmet sich zu früh geborenen Babys und deren Familien.

Leonie ist ein munteres Kind. Doch fünfeinhalb Jahre nach ihrer Geburt ist ihre Mutter Claudia Kühne in Gedanken wieder auf der Frühgeborenen-Intensivstation in Freiburg, wenn sie von der ersten Begegnung mit ihrer Tochter erzählt. Zwei Tage nach der Entbindung per Kaiserschnitt wird sie im Krankenbett in einen Raum mit vier Inkubatoren geschoben. In einem davon liegt ihre Tochter. Ein winziges Wesen mit dem Gesicht einer kleinen Greisin, 650 Gramm schwer, 33 Zentimeter groß. Auf der Haut – dunkel und durchscheinend – kleben Pflaster. Das Kind wird beatmet. Am Inkubator fehlt das Namensschild. Claudia Kühne vermisst beim Anblick ihrer Tochter das Mutterglück und fühlt sich schuldig.

Dass sie damit nicht alleine ist, erfährt sie erst später. "Viele Mütter von Frühgeborenen haben Schuldgefühle", sagt Claudia Kühne. Doch zunächst hat sie Angst, noch mal zu ihrer Tochter zu gehen und wartet, bis ihr Mann sie begleitet. Auf dem Umschlag ihres Buchs "Eine Hand voll Frühchen oder: Was sind 650 Gramm?" ist Martin Huber mit Leonie im Arm zu sehen. Er musste um das Leben seiner Frau und seiner Tochter fürchten, als das Kind wegen einer Schwangerschaftsvergiftung 14 Wochen zu früh auf die Welt kam. Deshalb, und weil Väter von Frühgeborenen häufig ins Abseits geraten, hat Claudia Kühne das Bild ganz bewusst gewählt. "Du schreibst so viel, das gibt ein Buch", sagt Martin Huber, als seine Frau wieder einmal aufschreibt, was sie beschäftigt. Er bringt sie auf die Idee, nicht nur für sich und ihre Tochter zu schreiben, sondern auch für andere Familien, die Ähnliches durchstehen.

"Viele Mütter
von Frühgeborenen
haben Schuldgefühle."
Claudia Kühne
Die Zeit in der Klinik – insgesamt drei Monate – erlebt Claudia Kühne als permanenten Ausnahmezustand. Wird ihr Kind überleben, wird es behindert sein? Sie ist überwältigt, als sie mit ihrer Tochter zum ersten Mal Hautkontakt hat. Gleichzeitig bekommt sie Höhen und Tiefen anderer Eltern mit, die mit ihren Frühgeborenen auf der Station sind. Auch als Leonie nach Hause kommt, bleiben Arzttermine und Therapiestunden Alltag. Die Wartezeiten überbrückt Claudia Kühne mit Schreiben. Schließlich entsteht ein Manuskript, unverstellt und authentisch.

Als ihr Buch 2009 erscheint, stößt es auf positive Resonanz. "Viele erkennen sich darin wieder", freut sich Kühne. Ihre erste Lesung auf der Freiburger Frühgeborenenstation ist ein Erfolg. Das Buch zeigt Ärzten und Pflegepersonal die Situation einer extremen Frühgeburt aus der Sicht der Mutter. Nach einem Auftritt in der Landesschau des SWR geben sich die Medien bei Claudia Kühne die Klinke in die Hand. Das Fernsehen kommt, Frauenzeitschriften berichten. Anfang des Jahres ist sie Gast in der SWR-Sendung "Kaffee oder Tee". Immer wieder gibt sie Lesungen. Mit dem Frühchenverein Freiburg organisiert sie Infoveranstaltungen und Spendenaktionen. Inzwischen ist die erste Auflage ihres Buches – 2000 Stück – fast vergriffen.

Aber das Thema lässt Claudia Kühne nicht mehr los. Am meisten freut sie sich über die vielen Kontakte zu Frühgeborenenfamilien. "Man ist nicht alleine, anderen geht es ähnlich", sagt sie. Über ihre Homepage (s.u.) ist sie Ansprechpartnerin für betroffene Familien. Beim Besuch einer Familie mit einem behinderten Frühchen kommen sie und ihr Mann auf die Idee, in ihrem Haus eine Ferienwohnung für Frühchenfamilien einzurichten. "Für einen Erholungsurlaub, auf Wunsch mit Gesprächsaustausch", sagt Claudia Kühne. Mit dem Umbau wurde inzwischen begonnen. Spätestens im Frühsommer soll die Wohnung fertig sein.

Weltfrühgeborenentag: Seit 2009 wird am 17. November an Frühgeborene und deren Familien erinnert. Der Frühchenverein Freiburg beteiligt sich mit Aktionen. Über Spenden finanziert er auch eine Psychologenstelle auf der Frühchenstation Freiburg und ist dort wöchentlich präsent. Spendenkonto: Frühchenverein Freiburg e.V., Volksbank Freiburg (BLZ 680 900 00), Kto. 174 772 00.

Infos im Internet unter      http://www.fruehchen-freiburg.de      und http://www.fruehchenleben.de