HipHop

N.E.R.D: Die Stimme der Opposition

Peter Disch

Von Peter Disch

Mi, 03. Januar 2018 um 22:00 Uhr

Rock & Pop

Ein mächtiges Statement: Pharrell Williams hat sich mit dem neuen N.E.R.D-Album zum Wortführer der außerparlamentarischen Opposition entwickelt.

So funky und entspannt klingt eine Tragödie nur bei Pharrell Williams. "Don’t Do It" heißt der Song, den er, der Ausnahmeproduzent, mit Frank Ocean und Kendrick Lamar, den Ausnahmerappern, geschrieben hat. Williams selbst versteht ihn als Soundtrack zu einem Video, das am 20. September 2016 in Charlotte entstanden ist. Es zeigt, wie Polizisten den 43-jährigen Keith Lamont Scott auffordern, seine Waffe wegzuwerfen. Ob er sie in der Hand hält, ist nicht zu sehen. Dann feuern die Polizisten. Scott, der auf eines seiner Kinder gewartet hatte, das er von der Schule abholen wollte, liegt auf dem Boden. Seine Frau, die das Geschehen mit dem Handy filmt und ihrem Mann und den Beamten mehrfach "Don’t Do It" – "Tu es nicht" – zugerufen hat, schreit: "Habt ihr ihn erschossen? Er sollte verdammt noch mal nicht tot sein."

Ein Sieger ohne Seele

Es folgen zwei Nächte voller Proteste, Plünderungen und Gewalt, bei denen ein Mann ums Leben kommt. Dass Scott von einem Polizisten getötet wurde, der wie er Afroamerikaner war, ändert nichts daran: Für die schwarze Bevölkerung ist Scotts Schicksal ein weiteres Beispiel für die ausufernde Gewalt der Staatsmacht.

Die Atmosphäre des Songs, diese relaxte Mischung aus Sprechgesang und sonnigem amerikanischem 70er-Jahre-Pop, ist ein starker Kontrast zur brutalen Realität jenes 20. Septembers. Aber indem "Don’t Do It" klingt wie ein harmloses Lied über einen x-beliebigen, dösigen Nachmittag im Süden der USA, wird die Botschaft umso deutlicher: Das ist Alltag. In der zweiten Strophe zählt Williams einen Tatort nach dem anderen auf, an denen Amerikaner in den vergangenen Jahren erschossen wurden – Schwarze, Weiße, getötet von Ordnungshütern, Kriminellen oder Nachbarn. Aus dem lakonischen Protest gegen die Polizei – "They’re Gonna Do it Anyway" – "Sie machen es ja sowieso" ist die Antwort auf jede "Don’t Do It"-Zeile – wird ein Aufbegehren gegen die Waffenhörigkeit des Landes. Der Vorwurf der schwarzen Bevölkerung mündet in eine Anklage, die ganz Amerika betrifft.

"Don’t Do It" ist einer von elf Titeln des neuen Albums von N.E.R.D, der Band von Williams, Chad Hugo und Shay Haley. "No One Ever Really Dies" heißt sie und ist das stärkste politische Statement des amerikanischen Pop seit "We Got It from Here… Thank You 4 Your Service", dem im November 2016 erschienen Comeback der HipHop-Pioniere A Tribe Called Quest. Dessen Herzstück ist der Song "We The People", dessen Titel die Verfassung der USA zitiert, mit Trumps Minderheiten-Politik abrechnet und ein düsteres Bild des selbsternannten Landes der Freien unter besonderer Berücksichtigung der schwarzen Gemeinde zeichnet – ein bitteres, aber stolzes Manifest.

Der Tribe hat sich nach dem Tod von Rapper Phife Dawg mittlerweile endgültig zur Ruhe gesetzt. N.E.R.D erweisen sich nun als würdige Nachlassverwalter der Mitbegründer des engagierten HipHop. Pharrell, dem die Welt sonnige Pophits wie "Happy" oder Robin Thickes funky Machophantasie "Blurred Lines" verdankt, wird mit "No One Ever Really Dies" zum Wortführer der außerparlamentarischen Opposition. Für Pharrell ist Donald Trump ein Sieger ohne Seele, der eines Tages zur Verantwortung gezogen werden wird. Mauerbau oder Trumps Haltung zum Islam – "Dafür wirst Du nicht ungeschoren davon kommen", warnt Williams im Song "Deep Down Body Thurst".

Immigration, Unterdrückung, Rassismus, der Sieg von ideologischer Verbohrtheit über die Macht der Fakten sind die Themen, die sich durchziehen. Auch musikalisch knüpft die Platte an A Tribe Called Quest an. Da ist der transparente Sound, sind die analogen, auf die 80er verweisenden Instrumente, Grundlage des federnden Flows, der die Stücke des Tribes so unwiderstehlich macht und auf Pharrells Gespür für Pop trifft. Er kuratiert Ideen, Einflüsse, Persönlichkeiten. Wie der Tribe scharte auch N.E.R.D ein All-Star-Team des Genres um sich. Das potenziert die Kreativität und verleiht der Botschaft der Musik noch mehr Autorität. Manche wie Lamar oder André 3000 rappen auf beiden Platten. Mit ihren Beiträgen zum Tribe-Vermächtnis zollten die Jungen den Alten Respekt. Nun ist die Verantwortung, dass HipHop gesellschaftlich relevant bleibt, komplett auf die Innovatoren von heute übergegangen. Eine Aufgabe, der sie mit "No One Ever Really Dies" gerecht geworden sind. Der Kampf geht weiter.

N.E.R.D: "No One Ever Really Dies" (Sony).