Frankreich

N’golo Kanté zählt zu den stilleren Vertretern des Fußballs

Frank Hellmann

Von Frank Hellmann

Do, 12. Juli 2018 um 20:16 Uhr

Fußball-WM

Laut Fifa-Startliste ist Kanté zwar nur 168 Zentimeter groß – dennoch ist er die überragende Figur im französischen Gefüge.

In der taktischen Aufstellung, die vor einem WM-Spiel die Runde macht, bietet sich bei der französischen Nationalmannschaft ein gewohntes Bild: Ein 4-3-3-System, bei dem am Anstoßkreis der schwarze Punkt mit der Nummer 13 auftaucht. Der steht so unverrückbar auf dem Papier wie der Eiffelturm in Paris. Denn dort hält sich die heimliche Machtzentrale der Équipe Tricolore auf. Gestatten: N’Golo Kanté.

Sein Trainer Didier Deschamps hat einmal gesagt: "Kanté ist auf seiner Position der beste Spieler der Welt." Mittlerweile wirkt die Huldigung nicht mal übertrieben. Es gibt in der Spielfeldmitte bei der WM keinen Besseren als den Profi vom FC Chelsea, über den Arsene Wenger urteilte: "Er ist der einflussreichste Mittelfeldspieler, den ich je Fußball spielen gesehen habe."

Deschamps ließ sich zuletzt noch einmal in aller Ausführlichkeit über das Kraftpaket aus: "Er hat bei uns eine ganz wichtige Rolle und oft bekommt er noch eine besondere Aufgabe: Er ist derjenige, der Lionel Messi gestoppt hat." Im Achtelfinale gegen Argentinien wirkte der Weltstar so verloren wie der Belgier Kevin De Bruyne im Halbfinale. Und wenn Frankreich das Finale gegen Kroatien am Sonntag gewinnen will, dann soll sich – so Deschamps Wunsch – bitte schön auch Luka Modric in jenem von Kanté geknüpften Spinnennetz verfangen.

Sage und schreibe 58 Bälle hat der tüchtige Abräumer bereits erobert. Kein WM-Spieler klaut dem Gegner häufiger das Spielgerät. Nur dreimal musste Kanté dafür in ein Tackling gehen, meist sieht er den Spielzug voraus. Sein Wert erschließt sich Betrachtern, die nicht nur einen kleinen Ausschnitt am Fernseher sehen, sondern das große Ganze im Stadion ausspähen.

Um diese Wertschätzung zu erreichen, musste der 27-Jährige hart arbeiten. Er wuchs als eines von neun Kindern in einer aus Mali stammenden Familie in der Banlieue von Paris auf. Seine Mutter arbeitete als Putzfrau, sein Vater als Müllmann. Kanté war gerade elf Jahre alt, als sein Vater starb. An den verschiedenen Akademien wollten sie den kleinen Kerl zunächst nicht haben. Er sei nicht stark genug, hieß es. Doch dem vermeintlich zu schwachen Jungen war das egal. Er hatte sich sein Ziel für die Zukunft längst in den Kopf gesetzt: Er wollte Fußballprofi werden. Doch so zielstrebig er sein mag, so bescheiden ist er auch. Obwohl er erreicht hat, was für viele andere Kinder in Frankreichs sozial benachteiligten Vierteln für immer ein Traum bleibt, gilt der gläubige Muslim noch immer als scheuer und stiller Vertreter seiner Zunft.

Dabei wird der Wellenbrecher immer häufiger gelobt. "Ihn zu haben, ist so als würde man zu zwölft spielen", meinte kürzlich Mittelstürmer Olivier Giroud. Und Mannschaftskollege Paul Pogba nannte ihn den "Mann mit den 15 Lungen". Im Halbfinale legte er exakt 11,12 Kilometer zurück. Der Teamdurchschnitt lag bei 9,76 Kilometer. Nicht nur seine Distanzen sind größer, auch seine Intensitäten sind höher.

Aber Kanté kann nicht nur laufen, er spielt auch einen guten, weil sicheren Ball: In seinen sechs WM-Spielen hat der Allesmacher 317 seiner 351 Pässe zum Mitspieler gebracht. Das entspricht einer Passquote von 90 Prozent. Und unter den vielen Pässen waren nur 80 Kurzpässe und immerhin 23 lange Zuspiele. Kanté ist das, was Deschamps 1998 für das französische Team war: ihr kraftvolles Herz. So führt, wenn es mit dem zweiten Titel klappen soll, kein Weg an dem Brückenschlag dieser beiden Ordnungsliebhaber vorbei. Es ist davon auszugehen, dass im Fall des Falles der General Deschamps seinem Soldaten Kanté als einem der ersten gratulieren würde. Und noch einmal Abbitte für seinen größten Irrtum leistet: nämlich auf ihn im EM-Finale 2016 gegen Portugal zu verzichten, nachdem die taktische Umstellung im Halbfinale gegen Deutschland zuvor komischerweise aufgegangen war. Seit dem verloren Endspiel in Paris ist der 30-fache Nationalspieler gesetzt. Und taucht auf dem Aufstellungsbogen zuverlässig als schwarzer Punkt mit der Nummer 13 am Anstoßkreis auf.