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28. Juni 2012

Nach 200 Bällen noch nicht satt

Ein chinesisches Trainingslager in den Beinen, die Jugend-Europameisterschaft vor Augen: Lilli Eise, Tischtennisspielerin des ESV Weil.

  1. Lilli Eise und ihr sportliches Zuhause: die Sporthalle der Leopoldschule in Weil Foto: matthias kaufhold

TISCHTENNIS. "Balleimer." Wenn die Weilerin Lilli Eise gefragt wird, was ihr aus China besonders im Gedächtnis haften geblieben ist, schießt sie das Wort Balleimer so schnell zurück wie ihre Vorhand an der Platte. Mehr als 200 Bälle fassten jene riesigen Schüsseln, die Lilli Eise und ihre deutschen Teamkolleginnen beim dreiwöchigen Lehrgang in Shengdu Anfang April leer spielen mussten. Am Stück. Ohne Pause. Und das regelmäßig in zwei bis drei Übungseinheiten am Tag. "Das schlaucht unheimlich", gesteht Lilli Eise, die ihren Sport sonst nicht als Fließbandarbeit begreift.

Akkordschmettern für erfolgshungrige Tischtennisspielerinnen fällt nicht unter das Jugendschutzgesetz. Schließlich steuert das Schüler-Nationalteam mit Bundestrainerin Dana Weber aus freien Stücken und mit großer Neugier das zentralchinesische Leistungszentrum seit ein paar Jahren an. Dort trainieren 75 bis 100 Jugendliche in riesigen Hallen intensiv und umfangreich. Eben balleimerorientiert.

Für die 14- und 15-jährigen Gäste aus Europa soll die Konfrontation mit Mentalität und Methodik im Mutterland des Tischtennissports zwei Dinge bewirken: einen realistischen und relativierten Blick auf das eigene, vermeintlich außergewöhnliche Talent und das Herauskitzeln neuer Energien. Für Simone Eise, Lillis Mutter und selbst Tischtennisspielerin beim ESV Weil, war die asiatische Trainingsphilosophie des Spielens bis zum Gehtnichtmehr für die Motivation ihrer Tochter bereits hilfreich: "Lilli selbst hat schon gesagt ’Ich will mehr’".

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Mehr Sicherheit durch viele Wiederholungen

So direkt würde das Lilli Eise nicht formulieren. Nicht jetzt, nicht so kurz nach einem wundersamen Ausflug in eine bis dahin unbekannte Sportwelt, deren Erfolg erst langfristig messbar ist. Sie glaube schon, dass sie durch die vielen Wiederholungen mehr Vertrauen in ihre Schläge gewonnen habe, sagt Lilli Eise. "Am Anfang hatte ich aber das Gefühl, es klappt nicht so viel." Bei den French Open in Metz schied sie in den Gruppenspielen aus, bei den Polen Open schaffte sie es immerhin ins Sechzehntelfinale. Den Anspruch einer 14-jährigen Kaderspielerin, die bei der deutschen Schülermeisterschaft im März die Bronzemedaille herausschlug, erfüllt das nicht.

Sie wird sich nicht unterkriegen lassen. Lilli Eise besitzt jene Mischung aus Biss und Disziplin, die Landestrainerin Martina Schubien das Fördertraining in Freiburg ganz auf ihre Bedürfnisse und Möglichkeiten abstimmen lassen. Für Simone Eise ist das verständnisvolle Zusammenwirken von Landesverband und der Realschule in Weil, wo Lilli die achte Klasse besucht, "ein Susi-Sorglos-Paket".

Und Lilli Eise hat noch viel vor. Bei der Jugend-Europameisterschaft vom 13. bis 22. Juli im österreichischen Schwechat steht sie vor ihrem ersten Einsatz bei einem internationalen Großereignis. Zusammen mit den ein Jahr älteren Alena Lemmer (Baunatal) und Yuan Wan sowie Jennie Wolf (beide Busenbach) könnte in der Mannschaft eine Medaille möglich sein. Im Einzel wäre es für Eise schon ein Erfolg, wenn sie die Gruppenphase übersteht und danach noch ein oder zwei K.o.-Spiele gewinnt. Schließlich spielt die Weilerin bei den Schülerinnen noch mit dem älteren Jahrgang 1997 zusammen. "Ich will einfach zeigen, dass ich viel gelernt habe und bei den besten 98ern dabei bin", sagt sie.

EM-Medaille mit der Mannschaft in Reichweite

Eises EM-Qualifikation belegt die gute Jugendarbeit des ESV Weil. Im Vorjahr qualifizierte sich Maikel Sauer bei den Schülern für die Europameisterschaft im russischen Kasan und gewann mit der Mannschaft den Titel. Hinten dran wartet in Lillis Bruder Tom Eise (12) ein weiteres ESV-Talent, das bereits deutschlandweit auf sich aufmerksam gemacht hat.

Im Tischtennis sind Gewandtheit, Reaktionsvermögen und ein gutes Auge gefragt. Wer allerdings den Weg nach ganz oben schaffen will, benötigt zudem ein belastbares Nervenkostüm, das sich im Jugendalter ausprägt. Lilli Eise, die in der neuen Runde mit Weil als Aufsteiger in der Regionalliga aufschlagen wird, ist dabei in jungen Jahren schon mit Rückschlägen fertig geworden. Das Jahr 2011 lief wegen Verletzungen eher mittelprächtig. Und 2010 beendete sie ihren Aufenthalt im Tischtennisinternat Düsseldorf nach einem halben Jahr und kehrte nach Weil zurück. "Zu diesem Zeitpunkt war sie dafür noch zu jung", sagt ihre Mutter. Manchmal führt ein Schritt zurück auch nach vorn.

Chinesische Lebensweisheiten blieben Lilli Eise in der Zehn-Millionen-Metropole Chengdu verborgen. Das Training stand im Vordergrund. Der Besuch eines Pandazoos fiel kurzfristig einem Vergleich mit einer chinesischen Schulmannschaft zum Opfer. Immerhin konnte sie mit ihren Kolleginnen in einem nahegelegenen Park etwas flanieren. Ungestört blieben die Exotinnen aus Deutschland dabei nicht. "Jeder wollte Fotos machen und mit dir reden", sagt Eise, der auffiel, dass viele Gebäude nach dem Erdbeben 2008 in der Provinz Sichuan nur behelfsmäßig repariert waren. Schnell gelernt hat sie den Umgang mit Stäbchen. Bei einer Tischtennisspielerin war das nicht anders zu erwarten. Essen mit Stäbchen, Schmettern mit Biss.

Autor: Matthias Kaufhold