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12. November 2016 10:29 Uhr

Endingen/Freiburg

Nach dem Tod von Carolin G. ist die Verunsicherung in der Bevölkerung groß

Carolin G. aus Endingen wurde Opfer einer Sexualstraftat, genauso wie die getötete Studentin Maria L. aus Freiburg. Die Verunsicherung in Südbaden ist groß, die Ermittler schieben Überstunden. Eine heiße Spur gibt es noch nicht.

  1. Am Endinger Marktplatzbrunnen brennen Kerzen. Foto: dpa

  2. Eine Stadt trauert. Kerzen und Blumen am Endinger Marktplatzbrunnen Foto: Hans-Peter Ziesmer

  3. Endingen trauert um Carolin G. Foto: Hans-Peter Ziesmer

Kurz nach 13 Uhr ist es traurige Gewissheit. Dieter Inhofer, der Chef der Freiburger Staatsanwaltschaft, blickt ins Scheinwerferlicht. Er redet langsam, während Fotoapparate klicken und Stifte über Blöcke huschen im Endinger Bürgersaal, in dem die Ermittler eine Pressekonferenz einberufen haben. "Nach dem Ergebnis der Obduktion bei der Rechtsmedizin Freiburg", sagt Inhofer, "ist von einem vorsätzlichen Tötungsdelikt auszugehen und von einer Sexualstraftat".

Die Worte sind gefallen. Es sind Worte, die erschüttern: Am Sonntag zieht sich die 27-jährige Carolin G. aus Endingen ihre Sportklamotten an, ein schwarzes Stirnband, blaue Laufschuhe, sie macht ein Selfie mit dem Smartphone und läuft los. Sie kommt nie zurück. Am Donnerstag findet ein Suchhund ihre Leiche in einem kleinen Wäldchen zwischen Endingen und Bahlingen.

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Vor drei Wochen gab es einen ähnlichen Fall, die 19-jährige Studentin Maria L. wurde in Freiburg vergewaltigt und getötet. Ein hässlicher Verdacht wabert durch die Straßen und die sozialen Netzwerke: Gibt es einen Zusammenhang zwischen beiden Straftaten? Läuft in Südbaden ein Serienmörder frei herum?

Polizei arbeitet unter Hochdruck

"Wir wissen das aktuell nicht", sagt Inhofer, der Staatsanwalt. "Zum jetzigen Zeitpunkt gibt es weder objektive noch subjektive Hinweise, die den Schluss zulassen, dass es einen Zusammenhang gibt", ergänzt Peter Egetemaier, Chef der Freiburger Kriminalpolizei. Er fügt an: "Sie können sich vorstellen, dass wir mit Hochdruck an beiden Fällen arbeiten."

Mit Auskünften zu Details halten sich die Ermittler zurück: Wie sah der Fundort aus? Welche Spuren wurden dort gefunden? Wie starb die junge Frau genau – und wann starb sie? "Das ist Täterwissen", sagt Egetemaier. Der Grund für seine Zurückhaltung: Ein Verdächtiger, der sich im Verhör verplappert, könnte sich Monate später beim Prozess vor dem Schwurgericht herausreden – und sagen, dass er die verräterischen Details aus der Zeitung kennt.

Insgesamt 80 Beamte ermitteln

Zwei Sonderkommissionen sind im Einsatz, insgesamt 80 Beamte ermitteln für die "Soko Dreisam" und die "Soko Erle". Sie sichern Spuren, befragen Zeugen, rekonstruieren Heimwege und Laufstrecken. In Endingen suchen sie mit Drohnen aus der Luft nach Spuren, wichtige Beweise lassen sie per Hubschrauber ins kriminaltechnische Labor in Stuttgart fliegen. Die Ermittler schieben Überstunden – und arbeiten seit Tagen am Anschlag. "Wir sind an der Belastungsgrenze angelangt", sagt Egetemaier am Freitag. "Ab morgen erhalten wir personelle Unterstützung aus Offenburg und Karlsruhe."

Die Polizei setzt Hunde, Helikopter und Drohnen ein

Die Betroffenheit ist groß. An der Dreisam und am Endinger Marktplatzbrunnen brennen Kerzen, Passanten haben Blumen niedergelegt. Im Altarraum der Endinger Wallfahrtskirche liegt ein Kondolenzbuch aus, auf einem Foto darüber mit schwarzem Trauerrand an der linken oberen Ecke lächelt Carolin G. in die Kamera. Fernsehteams streunen durch die Stadt und interviewen Passanten, die erzählen, dass sie schockiert sind und nie mit so etwas gerechnet hätten, nicht hier, nicht in Endingen.

Carolin G. spielte lange Fußball, verteidigte in der Viererkette des Verbandsligisten SV Gottenheim. Ihr Ehemann ist Co-Trainer beim SV Endingen; mehrere Vereine in Südbaden haben an diesem Wochenende ihre Spiele abgesagt. Einige Facebook-Nutzer in der Region haben ihr Profilbild geändert. Statt Porträtfotos sind dort jetzt brennende Kerzen vor schwarzem Hintergrund zu sehen – oder völlige Schwärze. "Da hofft man immer in einer ländlichen Gegend sicherer zu sein, aber mittlerweile ist man dies nirgendwo mehr in unserem Land", schreibt ein Nutzer im Netz.

Die Verunsicherung ist gewaltig. Gegen Ende der Pressekonferenz im Endinger Bürgersaal fällt die Frage, was die Polizei jungen Frauen rät, welche Verhaltenstipps sie ihnen gibt, wenn sie Laufen gehen wollen oder nachts alleine unterwegs sind. Die Antwort fällt vage aus. "Ich kann keine Empfehlung geben, bestimmte Gebiete zu meiden – die eigene Einschätzung des Risikos steht im Mittelpunkt", sagt Walter Roth, Pressesprecher der Polizei. "Das ist mit Abstand die am schwierigsten zu beantwortende Frage", wird er später sagen.

Am Freiburger Tatort an der Dreisam haben die Ermittler männliche DNA-Spuren gefunden. Ob es die im Endinger Fall auch gibt, ist am Freitagabend noch unklar. Die Kriminalpolizisten hoffen, dass ihnen das Labor eine heiße Spur liefert. Sie ermitteln auch in Richtung eines BMW-Fahrers, der in den vergangenen Monaten in Oberrotweil eine junge Frau und ein Kind angesprochen haben soll: Der Name des Mannes, heißt es bei der Polizei, sei bekannt, der Vorfall als Spur in Bearbeitung – als eine Spur unter Hunderten von Spuren.
Nachname gekürzt

Bis Donnerstag war Carolin G. eine Frau, die als vermisst galt und gesucht wurde. Daher haben wir zuletzt den vollen Namen der Frau aus Endingen geschrieben. Die Redaktion der Badischen Zeitung hat sich am Freitag entschieden, die Namensnennung zu ändern und den Nachnamen in das Initial zu verkürzen. So wie im Fall der Studentin Maria L., die im Oktober in der Nähe des Schwarzwaldstadions getötet wurde. Und so wie in den sonstigen Fällen üblich.

Die Polizei richtet sich mit folgenden Fragen an die Bevölkerung:
  • Wer hat Carolin G. am Sonntag, 6. November 2016, nach 15 Uhr gesehen?
  • Wer hat am Sonntag, 6. November 2016, oder in den Tagen zuvor im Bereich der Verbindungswege in den Weinbergen zwischen Endingen und Bahlingen verdächtige Personen oder Fahrzeuge gesehen?
  • Wer hat sonstige verdächtige Beobachtungen gemacht?
  • Wer kann sachdienliche Hinweise jeglicher Art geben, die mit dem Verbrechen in Zusammenhang stehen könnten?
  • Zeugen werden gebeten, sich an das Kriminalkommissariat Emmendingen, 07641/582-200 zu wenden.

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Autor: pam