Zur Navigation Zum Artikel

Wenn Sie sich diesen Artikel vorlesen lassen wollen benutzen Sie den Accesskey + v, zum beenden können Sie den Accesskey + z benutzen.

12. Juli 2012 00:53 Uhr

Massenproteste

20.000 demonstrieren in Saudi-Arabien

In der saudi-arabischen Stadt Qatif sind in der Nacht zum Mittwoch mehr als 20.000 Schiiten auf die Straßen gegangen, um einen am Vortag von der Polizei erschossenen Oppositionsaktivisten zu Grabe zu tragen.

  1. Das saudische Königshaus (König Abdullah, zweiter von rechts, und Kronprinz Salman, links ) steht zunehmend in der Kritik. Foto: DPA

In Sprechchören forderten die Demonstranten den Rücktritt des Provinzgouverneurs, eine Verfassung, die es in Saudi-Arabien nicht gibt, sowie ein frei gewähltes Regionalparlament.

Ausgelöst wurden die Massenproteste durch die Verhaftung des schiitischen Geistlichen und Oppositionsaktivisten Scheich Nimr al-Nimr am vergangenen Samstag. Nachdem Bilder des blutüberströmten Ayatollah im Internet veröffentlicht wurden, kam es in Qatif und der Ortschaft Awamiya zu schweren Zusammenstößen zwischen saudischen Sicherheitskräften und aufgebrachten Aktivisten. Mindestens zwei Demonstranten wurden erschossen und Dutzende verletzt. Die wegen der großen Hitze ausschließlich in der Nacht veranstalteten Proteste hielten auch in der folgenden Tagen an. Beobachter beschreiben sie als die heftigsten seit November 2011. Damals kamen im Osten Saudi-Arabiens sechs Menschen ums Leben. Auf Spruchbändern wurde sogar die Unabhängigkeit der ölreichen Region um Qatif verlangt, die nur 50 Kilometer von Bahrain entfernt liegt.

Die nun erneut ausgebrochenen Unruhen kamen für westliche Diplomaten in Dubai überraschend. Sie rätseln über die Beweggründe für die Verhaftung von Scheich Nimr, der in seinen Predigten die saudische Regierung zwar scharf kritisierte, dennoch aber einen mäßigenden Einfluss auf seine Glaubensgemeinschaft ausübte. Mit seiner Festnahme sei die "eingeschlafene Protestbewegung völlig unnötig wiedererweckt worden". Es müsse nun damit gerechnet werden, dass auch die schiitische Bevölkerungsmehrheit im nahen Bahrain wieder protestiert.

Werbung


Wie in dem Inselkönigreich fühlen sich auch die saudischen Schiiten, die etwa 15 Prozent der rund 20 Millionen Einwohner ausmachen, als Menschen zweiter Klasse und in ihrem Glauben diskriminiert. In den ostsaudischen Millionenstädten Damman und al-Khobar gibt es nur eine schiitische Moschee. Das Gotteshaus wird von salafistischen Predigern als Treffpunkt von Ketzern gebrandmarkt. Saudische Staatspropagandisten werfen der schiitischen Bevölkerungsminderheit zudem vor, Weisungen aus dem schiitischen Iran zu folgen. Man habe Hinweise, dass "eine fremde Macht mit dreisten Aktionen" den Osten Saudi-Arabiens destabilisieren wolle, hieß es während der Unruhen im November. Tatsächlich berichten die iranischen Medien ausführlich über die schiitischen Proteste im Nachbarland. Es hagelt nur so an Vorwürfen gegen die saudische Königsfamilie. Dem seit Jahrzehnten anhaltenden Konflikt mit den Schiiten könnte Riad aber an Schärfe nehmen, wenn der Ölreichtum in Saudi-Arabien etwas gerechter verteilt würde. Dafür gibt es aber keine Anzeichen.

Autor: Michael Wrase