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29. Oktober 2011

Türkische Einwanderer

50 Jahre Anwerbeabkommen Deutschland-Türkei

Zwischen zwei Welten: Vor 50 Jahren haben Deutschland und die Türkei ein Anwerbeabkommen unterzeichnet. Heute kehren viele gut ausgebildete Türken in die Heimat ihrer Vorfahren zurück.

  1. Mit einem Fernseher wurde Ismail Babader (links) am 27. 11. 1969 in München begrüßt. Er war der 1000000. Gastarbeiter aus Süd-Europa. Foto: DPA

ISTANBUL. Es ist eine Reise in die Vergangenheit: Am Mittwoch rollte ein Sonderzug aus dem Istanbuler Bahnhof Sirkeci. Das Ziel der Eisenbahnfahrt: München. Dort soll der Zug am Sonntag eintreffen – dem 50. Jahrestag der Unterzeichnung des deutsch-türkischen Abkommens über die Anwerbung türkischer Arbeitskräfte. In den Waggons werden auch 40 Zeitzeugen reisen, die auf diesen Schienen schon in den 60er Jahren nach Deutschland fuhren – Gastarbeiter der ersten Generation.

Veranstalter der Zeitreise ist das türkische Staatsfernsehen TRT, das die nostalgische Zugfahrt dokumentieren will. Das "Abkommen zur zeitlich begrenzten Anwerbung von Arbeitskräften", das die Bundesrepublik Deutschland und die Türkische Republik am 30. Oktober 1961 in Bad Godesberg unterzeichneten, war der offizielle Beginn der türkischen Einwanderung nach Deutschland. Aber eigentlich begann diese Geschichte schon vier Jahre zuvor. 1957 flog der damalige Bundespräsident Theodor Heuss zum Staatsbesuch nach Ankara. Er machte das Angebot, junge türkische Lehrlinge nach Deutschland einzuladen. 150 kamen, viele von ihnen zu Ford nach Köln, wo einige bis ins Rentenalter blieben. Ältere Ford-Manager erinnern sich noch heute dankbar an die fleißigen "Heuss-Türken".

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Die Initiative zu dem Anwerbeabkommen ging von der Türkei aus. Die Regierung in Ankara hatte Interesse daran, Menschen nach Deutschland zu schicken. Man hoffte, so Arbeitslosigkeit und Armut in der Türkei zu mildern. Auch erwartete man, dass die Überweisungen der Gastarbeiter das Bilanzdefizit der Türkei im Handel mit Deutschland teilweise würden ausgleichen können. Die Bundesregierung zögerte zunächst, auch wegen der großen kulturellen und religiösen Distanz zur Türkei. Dass Bonn dann doch ein Abkommen mit Ankara aushandelte, hatte auch geostrategische Gründe: Man wollte die Türkei nicht abweisen, sondern im Kalten Krieg an den Westen binden. 1961 richtete die deutsche Arbeitsverwaltung in Istanbul die Deutsche Verbindungsstelle ein, um die Anwerbung in geordnete Bahnen zu lenken.

Eine Arbeit in Deutschland zu finden war damals für Türken nicht einfach. Allerlei Nachweise mussten erbracht werden, bei der türkischen Bürokratie ebenso wie bei der Deutschen Verbindungsstelle. Analphabeten, von denen es in den 60er Jahren in der Türkei noch viele gab, wurden abgelehnt. Als entwürdigend, so berichten Zeitzeugen, empfanden viele Bewerber die in Istanbul durchgeführten medizinischen Untersuchungen durch deutsche Ärzte, vor denen man sich splitternackt ausziehen musste.

Schon die Fahrt zur Verbindungsstelle nach Istanbul war für die meisten Bewerber, die aus den Dörfern kamen, eine Reise in eine unbekannte Welt. In Deutschland fühlten sie sich erst recht fremd: eine andere Sprache, andere Sitten, eine andere Religion und andere Werte – viele Türken reagierten mit Abkapselung. In den 60er Jahren gaben die Behörden den Auswanderern mit, sie sollten dort das Türkentum hochhalten. Das ist bis heute ein brisantes Thema. Etwa wenn Ministerpräsident Tayyip Erdogan bei Kundgebungen in Deutschland seine Landsleute daran erinnert, dass sie stolze Türken zu sein hätten. Assimilation, so sagt Erdogan, sei "ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit". Er will die Deutschtürken an die Türkei binden. Wer die deutsche Staatsangehörigkeit annimmt und deshalb die türkische abgeben muss, soll jetzt mit einer "Blauen Karte" entschädigt werden. Das ist eine Art Personalausweis, die den Auswanderern in der Türkei die gleichen Rechte gibt wie türkischen Staatsangehörigen, einschließlich des Wahlrechts. So wird die doppelte Staatsangehörigkeit durch die Hintertür wieder eingeführt.

Heute begründet die deutsche Politik die Ablehnung der doppelten Staatsbürgerschaft mit dem Ziel der Integration. Davon wollten die Deutschen anfangs nichts wissen. Das Anwerbeabkommen sah keinen Familiennachzug vor und begrenzte den Aufenthalt auf zwei Jahre – eine Bestimmung, die auf Druck der Industrie gestrichen wurde, weil man die inzwischen gut ausgebildeten Arbeitskräfte nicht gehen lassen wollte. Dass es nicht nur Gastarbeiter waren, die nach Deutschland kamen, wusste schon 1966 der damalige Direktor der Deutschen Verbindungsstelle in Istanbul, Theodor Marquard. Er sagte: "Viele von ihnen werden in Deutschland Wurzeln schlagen und ihr Heimatland nur noch als Gäste besuchen." Diese Prognose hat sich bewahrheitet. 750 000 Türken kamen in den zwölf Jahren bis zum Anwerbestopp im November 1973 nach Deutschland, die Hälfte von ihnen blieb.

In jüngster Zeit ist die Wanderungsbilanz allerdings negativ: Mehr Türken kehren aus Deutschland in ihre Heimat zurück als von dort zuwandern. Jene, die zurückgehen, tun dies meist nicht, weil sie in Deutschland gescheitert sind. Unter den Rückkehrern sind viele, die es geschafft haben: gut ausgebildete Facharbeiter, erfolgreiche junge Manager, gestandene Akademiker. Was sie lockt, ist eine Türkei, die beim Wirtschaftswachstum in diesem Jahr an der Weltspitze liegt – noch vor China. In den 60er Jahre spielte das Wirtschaftswunder in Deutschland, jetzt wird es Wirklichkeit in Anatolien.

Der Boom am Bosporus zieht Leute wie Murat Gürsel an. Der 28-Jährige ist in Deutschland aufgewachsen, hat eine Lehre als Reisebürokaufmann gemacht. Aber in einem Düsseldorfer Kaufhaus Urlaubsreisen zu verkaufen, damit fühlte sich Murat auf Dauer unterfordert. 2008, in der Finanzkrise, übersiedelte er mit einem Kumpel nach Istanbul. Dort zogen die beiden ein Reisebüro auf, das sich auf die Betreuung deutscher Individualtouristen in der Metropole am Bosporus spezialisiert hat. Der Laden läuft: Murat beschäftigt fünf Angestellte, darunter drei Deutschtürken wie er selbst. In zwei Mercedes-Kleinbussen holen Murats Mitarbeiter die Gäste am Flughafen ab und organisieren exklusive Stadtrundfahrten. Einfach war der Start nicht, denn Murat kam in ein Land, das zwar die Heimat seiner Eltern ist, das er selbst aber nur als Urlaubsziel kannte. Almanci, Deutschländer, nennen die Türken diese Rückkehrer, und da schwingt immer Spott mit. Aber inzwischen fühlt sich Murat akzeptiert in der neuen, alten Heimat: "Ich habe die Rückkehr in die Türkei nicht bereut."

TÜRKEN IN DEUTSCHLAND

1958 kamen die ersten 150 türkischen Gastarbeiter nach Deutschland. Am 30. Oktober 1961 wurde das Anwerbeabkommen zwischen Deutschland und der Türkei geschlossen. In Istanbul wurde eine Verbindungsstelle eingerichtet. Dort konnte sich bewerben, wer in Deutschland arbeiten wollte. Die Verbindungsstelle Istanbul organisierte die Reise der Arbeitskräfte, die Arbeitgeber bezahlten für die Vermittlung 165, später 300, dann 1000 Mark. Die ursprüngliche Befristung der Arbeits- und Aufenthaltsgenehmigung auf zwei Jahre wurde 1964 auf Bitten der Wirtschaft aufgehoben. Heute leben in Deutschland rund 2,8 Millionen Türken oder Türkischstämmige.  

Autor: fs

Autor: Gerd Höhler