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27. August 2010

Abgeschobene Roma: Fremd in der Heimat

Sie sind in Deutschland geboren, aufgewachsen und wurden jetzt in den Kosovo abgeschoben – doch dort haben die jungen Roma kaum eine Perspektive.

  1. „Was soll ich hier tun?“ Enver Karlin Mann lebte lange in Stuttgart, nun wurde er abgeschoben. Foto: AFP

Als die Forscher von Unicef sie besuchten, hatte Albana ihren Schulranzen aus Deutschland auf dem Rücken. "Ich warte, dass der Papa mich wieder in meine Schule schickt", erklärte das Mädchen. Ihre kleine Schwester Fatmire wollte "zurück zu Frau Wegmann", ihrer Lehrerin im westfälischen Steinfurt. Von dem, was die beiden Kleinen in Deutschland hatten, bekommen sie im Kosovo nicht einmal einen Abklatsch.

Von 66 Roma-Schulkindern, die aus Deutschland abgeschoben worden waren, gingen in der "Heimat" gerade noch 17 zur Schule, fanden die Unicef-Mitarbeiter heraus. Den anderen ging es meist ähnlich wie zwei Dortmunder Mädchen, die gerade die Grundschule hinter sich hatten. Der Dorfschullehrer im Kosovo erkannte ihre Zeugnisse nicht an und setzte die Zehnjährigen zu den Erstklässlern. Nach einem Jahr gaben sie auf.

Die Proteste von Kirchen und Menschenrechtsorganisationen sind verhallt: Seit im April die Bundesrepublik und der neue Staat Kosovo ein Rückführungsabkommen abgeschlossen haben, werden kosovarische Flüchtlinge, gleich welcher Volkszugehörigkeit, abgeschoben.

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Die meisten der mehr als 14 000 "ausreisepflichtigen Kosovo-Bürger", zu 82 Prozent Roma, waren während des Kosovo-Krieges 1998/99 ins Land gekommen. Viele kamen auch bereits Anfang der 90er Jahre, als in ihrer Heimat die Spannungen unerträglich wurden. Bis April waren die Roma in Deutschland wegen der Feindschaft, die ihnen im Kosovo entgegenschlägt, noch geduldet. Die Wogen des ethnischen Streits haben sich geglättet. 62 Prozent der kosovarischen Roma, die einst als Handlanger der serbischen Staatsgewalt verdächtigt wurden, fühlen sich heute nicht diskriminiert.

Trotzdem ist die Abschiebung für die Familien ein Schock. Knapp die Hälfte der Betroffenen ist unter 18, entweder in Deutschland geboren oder im Kleinkindalter gekommen. Die Roma, die heute noch in Deutschland leben, sprechen meistens Deutsch, Romanes oder Serbisch, aber kein Albanisch; ihre Kinder sprechen oft nur Deutsch. Ob jemand in Deutschland Arbeit hat oder nicht, ist für die Rückführung kein Kriterium mehr. Die Arbeitslosigkeit liegt im Kosovo bei 50 Prozent, für Roma bei knapp 100. Viele haben ihre Häuser verkauft, bevor sie geflüchtet sind. Zwischen 30 und 40 Prozent, heißt es in der Studie des kosovarischen Anwalts Hil Nrecaj für Unicef, litten unter schweren psychischen Problemen – wie Flashbacks von Verfolgungserlebnissen. Das Uno-Flüchtlingskommissariat und der Menschenrechtsbeauftragte des Europarats haben sich gegen die deutsche Abschiebepraxis ausgesprochen.

Zur Wiedereingliederung haben die Bundesregierung und einige Länder ein Programm namens Ura aufgelegt, albanisch für: die Brücke. Ein Rückführungszentrum in Pristina bietet Hilfen: 50 Euro zum Essen, ein halbes Jahr hundert Euro Mietkostenzuschuss. Dazu gibt es Geld für Medikamente, Fortbildung und einen Lohnkostenzuschuss für den, der einen Job findet. Wer unterschreibt, dass er freiwillig ausreist, kriegt mehr. "Wir stehen mit Flugblättern am Flughafen", sagt Jürgen Kaas, der Leiter des Zentrums in Pristina. "Ich denke, dass wir mit unseren Leistungen an die 70, 80 Prozent erreichen." Das Programm sei nur ein Alibi, widerspricht Kai Weber vom Niedersächsischen Flüchtlingsrat, der die Schicksale der Abgeschobenen genau verfolgt. Die Gehaltszuschüsse etwa sähen oft so aus, dass man sich das Geld mit einem Arbeitgeber teilt, ohne wirklich angestellt zu werden. Leistungen wie die kostenlose Abgabe von Insulin im Kosovo stünden nur auf dem Papier, würden aber gleichwohl als Tatsache genommen und tauchten dann in den Analysen der deutschen Behörden auf. Viele Abgeschobene fänden gar nicht erst den Weg zum Rückführungszentrum. "Sie ziehen gleich weiter nach Serbien, weil sie sich dort sicherer fühlen."

Etliche der abgeschobenen Kinder, so fand Rechtsanwalt Nrecaj heraus, sind im Kosovo nicht einmal registriert. "Gemeldet wird man hier nur, wenn man das Original der Geburtsurkunde beibringt." Die einzustecken sei aber die letzte Sorge der Familien gewesen, die in Münster, Wolfenbüttel oder Cuxhaven nachts um drei von der Polizei aus dem Bett geholt wurden.

Autor: Norbert Mappes-Niediek