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20. August 2010
Abschied am Rande des Bürgerkriegs
Vor der Kongresswahl erklärt der US-Präsident den Krieg für beendet / Doch zu Ende ist die Mission für die USA damit nicht.
WASHINGTON. Eher nebenbei, auf dem Flur eines Hotels, erklärte US-Präsident Barack Obama vor Journalisten am Donnerstag den Kriegseinsatz im Irak für beendet. Deutlich setzte sich Obama damit von Amtsvorgänger George W. Bush ab, der im Mai 2003 in triumphaler Pose und in Kampfuniform an Bord eines Flugzeugträgers voreilig das Ende der Kriegsmission verkündet hatte. Still und im Schutz der Nacht verließen die letzten Kampfeinheiten jetzt irakischen Boden, stellten ihre Panzer auf einem Parkplatz in Kuwait ab und zogen ihre durchgeschwitzten schusssicheren Westen aus.
"Ein wahrhafthistorisches Ende nach sieben Jahren Krieg", meinte Brigade-Kommandeur John Norris. "Unsere Soldaten verlassen den Irak als Helden. Ich möchte, dass sie mit Stolz in ihren Herzen nach Hause gehen." Daheim freilich, in den USA, wurde das offizielle Ende der Kriegsmission weit weniger enthusiastisch kommentiert.
Das Weiße Haus vermied jede Triumphpose und machte sich ganz bewusst nicht die Wortwahl von Außenamtssprecher Philipp Crowley zu eigen, der als einziger in den höheren Rängen von einem historischen Moment gesprochen hatte. Es gehe darum, den Einsatz verantwortungsvoll zu beenden, hatte Obama schon bei seiner Rede vor Veteranen Anfang des Monats den Ton gesetzt und warnend hinzufügt: "Die harte Wahrheit ist, dass wir das Ende der amerikanischen Opfer im Irak noch nicht erlebt haben."
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50 000 US-Soldaten bleiben im Irak stationiert, als Berater und Ausbilder der irakischen Armee. Der Abzug der letzten Truppen ist für Ende nächsten Jahres geplant. Ob dieser Zeitplan einzuhalten ist, ist unsicher. "Wenn die Iraker mit der Bitte auf uns zukommen, den Plan für die Zeit nach 2011 zu überprüfen, liegt es in unserem strategischen Interesse, entgegenkommend zu antworten", meinte der frühere US-Botschafter im Irak, Ryan Crocker am Donnerstag in der New York Times.
Groß sind tatsächlich die Zweifel, ob die irakische Armee und die Polizei die Lage ohne die Unterstützung ihrer amerikanischen Mentoren in den Griff bekommen. Iraks Oberbefehlshaber Babakir Sebari wirbt schon lange für eine weit längere Präsenz der US-Truppen im Land. Erst 2020 sieht er die irakische Armee tatsächlich in der Lage, das Land zu verteidigen. Doch so kurz vor den Kongresswahlen im November ist eine Debatte über eine Verlängerung über 2011 hinaus im Stab Obamas offiziell kein Thema. Statt dessen herrscht Erleichterung, dass dies "jetzt nicht mehr unser Krieg ist".
Mit dem Abzug der Kampftruppen, der Ende des Monats endgültig abgeschlossen sein soll, löst Obama ein Wahlversprechen ein. Den Irak-Krieg hatte er im Unterschied zum Afghanistan-Feldzug stets vehement abgelehnt. Was unter George W. Bush als zeitlich überschaubarer Konflikt geplant war, um den Diktator des Iraks, Saddam Hussein, zu stürzen, entwickelte sich zu einem der zähesten Kriege in der US-Geschichte. Mehr als 4400 US-Soldaten ließen ihr Leben.
Heute sind sieben von zehn Amerikanern davon überzeugt, dass die Kriegsmission ihre Ziele nicht erreicht hat. "Um welchen Preis haben wir die Welt von einem Bösewicht befreit?", fragt längst nicht nur der inzwischen pensionierte US-General William Nash. Auch Soldaten einer der letzten Infanterie-Einheiten, die die irakische Grenze passierten, treiben ähnliche Gedanken um. "Werden sich unsere Anstrengungen, all das Blut, der Schweiß, die Tränen auszahlen?", fragte der Schütze Clinton Clemens (26) in Kuweit. "Sobald wir weg sind, wird sich dort drüben die Lage doch drastisch verschlimmern."
Zwischen den verfeindeten religiösen Blöcken im Irak sind noch viele Rechnungen offen. Seit der Wahl im März ist es noch immer nicht gelungen, eine Regierung zu bilden,während der Terror im Land wieder zunimmt. Am Dienstag riss ein Selbstmordattentäter vor einem Armee-Rekrutierungsbüro im Zentrum von Bagdad 61 Menschen mit sich in den Tod.
Autor: Joachim Rogge
