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24. April 2009
Als im Slum von Dharavi die Welt plötzlich Kopf stand
Der oscarprämierte Film "Slumdog Millionaire" hat indische Politiker erzürnt, die Bewohner der Elendsviertel hingegen schöpfen daraus Hoffnung
Keine Fotos! Wer als Ausländer den Slum von Dharavi betritt, fühlt sich sofort als Fremdkörper. Misstrauisch sind die Blicke der jungen Männer, neugierig scharen sich Kinder um die Fremden. Keine Fotos – das klingt verwunderlich, stand Dharavi doch monatelang im Fokus der Öffentlichkeit. Hier, mitten in der indischen Metropole Mumbai, spielt der Film "Slumdog Millionaire", der acht Oscars einheimste und dessen Geschichte vom Aufstieg des Slumjungen Jamal aus der Armut weltweit Millionen Menschen anrührte. Seitdem träumen nicht nur die Kinder von Dharavi von Bolly- und Hollywood und vom schnellen Geld.
Dabei kennen viele Slumbewohner den Film allenfalls aus Erzählungen oder dem Radio. Ein Kinobesuch ist schier unerschwinglich; Raubkopien allerdings kursieren im Slum schnell. Nach der Oscar-Verleihung fielen die Medien in Dharavi ein und zerrten nicht nur die Mitspieler und Statisten, die bei "Slumdog Millionaire" aufgetreten waren, vor die Mikrofone. So erzählte die Mutter des zehnjährigen Mohammed der Zeitung The Hindu, dass ihr Sohn nur noch ans Schauspielern denke und daran, sich Visitenkarten machen zu lassen. Andere Kinder sagten, sie wollten Doktor oder Wissenschaftler werden, könnten sich aber auch vorstellen, beim Film zu arbeiten – völlig unrealistisch angesichts ihrer tatsächlichen Situation. Doch die Welt stand plötzlich Kopf, alles schien möglich.
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"Viele Kinder meinen jetzt, wozu soll ich in die Schule gehen, wenn man beim Film schnell etwas verdienen kann?", sagt Schwester Regina von der katholischen Hilfsorganisation "Helpers of Mary", die in Dharavi unter anderem Schulabbrechern eine Perspektive gibt. Ungehalten ist sie auch über den Versuch von Politikern, die Kinder zu instrumentalisieren: "Den jungen Darstellern wurden viele Versprechen gemacht, und sie wurden für den Wahlkampf eingesetzt. Man hat sie in den Medien Lobessprüche über die Parteien aufsagen lassen."
Der Wirbel hatte Folgen: Die Kinderstars Rubina Ali und Azharuddin Ismal leben nicht mehr in Dharavi: "Zu viele Medien, zu viele Paparazzi, es war hier nicht mehr sicher für sie", sagt Kaleel Siddique, der im Auftrag der "Helpers of Mary" in Dharavi Computerkurse gibt. "Sie haben ja so viel Geld bekommen." Geschätzt waren es nicht mehr als 600 Euro – was den Vater von Rubina so verärgert haben soll, dass er seine Tochter für 310 000 Euro an einen Scheich verkaufen wollte, meldete ein britisches Boulevardblatt. Doch auch wenn diese Geschichte nicht stimmt, so zeigt sie doch, wie falsch so manche Hoffnung war, wie brutal Wirklichkeit und Fiktion aufeinanderstießen. Immerhin hat die "Slumdog-"Filmcrew Rubina und Azharuddin einen Fonds für ihre Ausbildung eingerichtet.
Aber auch der 33-jährige Kaleel sieht vor allem die Chancen durch den Erfolg von "Slumdog Millionaire": "Was der Film beschreibt, ist real, das ist die Wirklichkeit hier im Slum. Aber er zeigt eben auch, dass es für einige möglich ist, hier herauszukommen – wenn du hart arbeitest." 3100 Rupien verdient Kaleel im Monat, das sind knapp 50 Euro. Das reicht dem Junggesellen und seiner Familie gerade zum Überleben. Doch wenn Kafeel über "Slumdog Millionaire" spricht, leuchten seine Augen: "Wir sind stolz, dass es den Film über Dharavi gibt!"
Vielen indischen Nationalisten indes gefiel es weniger, dass der britische Regisseur Danny Boyle die Verhältnisse in den Slums so schonungslos ablichtete: Bettlersyndikate, Prostitution, Korruption, Gewalt und Polizeiwillkür – das wollte nicht passen zu dem aufstrebenden Schwellenland, zu der Parole "India shining" (Indien erstrahlt), die von der Hindu-Partei BJP ausgegeben worden war. "Heutzutage wird jede Erwähnung von Armut als Verrat angesehen", schrieb ein Kolumnist der Times of India treffend. "Es herrscht eine unausgesprochene Übereinkunft, über die Lebensbedingungen der Mehrheit in unseren Städten zu schweigen."
Das ist schwieriger geworden, seit es "Slumdog Millionaire" gibt. Nachdem der Film die Oscars gewonnen hatte, waren auch Indiens Kinos voll, sagt Kafeel. Zuvor hatte sich insbesondere die Mittelschicht geweigert, dem Alltag der Armen so nahe zu kommen. Dabei leben in Mumbai fast 60 Prozent der 14 Millionen Einwohner in Slums. Noch immer ziehen täglich bis zu 1000 Menschen vom Land in die Stadt, die aus allen Nähten zu platzen droht. Müll sortieren, Saris besticken, Bidi-Zigaretten rollen – irgendeine Arbeit für ein paar Rupien findet sich trotz der Wirtschaftskrise, die auch Indien erfasst hat. "Die untere Mittelschicht ist es, die zittert", sagt Schwester Regina von den "Helpers of Mary", "Textilindustrie, Call Center, Bauprojekte, Diamantenindustrie – hier haben Tausende ihren Job verloren." Die Angst vor dem Absturz ist groß, da wirkt ein Film wie "Slumdog Millionaire" auch bedrohlich.
Die heftige Debatte in der indischen Öffentlichkeit über Patriotismus und Armut, über den Wahrheitsgehalt des Filmes und die Moral der Geschichte (Kann ein Slumkind wirklich Millionär werden?) sind abgeebbt. In Indien wird noch bis Mitte Mai gewählt. Und die Bewohner von Dharavi warten darauf, ob die jüngsten Versprechen der Politiker, endlich mehr Wasserleitungen in dem Slum zu verlegen, tatsächlich erfüllt werden.
Autor: Frauke Wolter
