Boko Haram lässt sich nicht besiegen

Johannes Dieterich

Von Johannes Dieterich

Mi, 05. Dezember 2018

Ausland

Entgegen den Ankündigungen des nigerianischen Präsidenten ist die Islamistengruppe weiterhin stark / Angriffe auf das Militär.

JOHANNISBURG/ABUJA. Der Mann schreit. Mit seinem Handy filmend eilt der Nigerianer über ein staubiges Gelände, das er als einen Stützpunkt der Armee vorstellt. Verbrannte Hütten sind zu sehen, ausgebrannte Panzer, verstreute Kochutensilien, Patronenhülsen. "Mehr als hundert Soldaten sind hier gestorben", schreit der Mann, selbst ein Soldat: "Sie töten uns jeden Tag. Die Situation wird immer schlimmer." Mit dem "sie" in dem grobkörnigen Video, das seinen Weg zu Youtube gefunden hat, sind die Kämpfer der islamistischen Extremistengruppe Boko Haram gemeint.

Sie werden von Nigerias Präsident Muhammadu Buhari schon seit Jahren als besiegt bezeichnet. Doch das Gegenteil ist wahr: Insgesamt 17 Mal haben die Extremisten in den vergangenen vier Monaten Militäreinrichtungen angegriffen. Die jüngste Attacke galt dem in dem Video festgehaltenen Camp Metele im äußersten Nordosten des Landes, bei dem Mitte November mindestens 40, vielleicht auch über 100 Soldaten getötet wurden.

Die Militärführung verlor zunächst kein Wort über den Vorfall: Erst als das Video die Runde machte, wurde der Überfall jetzt bestätigt, allerdings mit einer wesentlich niedrigeren Opferzahl. Immerhin sah sich Buhari genötigt, Melele nach dem Überfall einen Besuch abzustatten: Er sei "schwer schockiert", ließ der einstige General zu diesem Anlass wissen. Der anonyme Autor des Videos bringt auch jede Menge schrottreifes Militärgerät ins Bild: "Das Zeug ist nutzlos", schimpft der Soldat, "sie haben es nur pro forma hier hergebracht". Dass sie unter schlechtesten Bedingungen bis zur totalen Erschöpfung kämpfen müssen, beklagen die Soldaten schon lange. Immer wieder kam es auch zu Meutereien und Fahnenflucht.

Buhari wechselte seit seinem Amtsantritt vor vier Jahren bereits vier mal die Militärführung aus, genutzt hat das offensichtlich nichts. Vor wenigen Tagen meldete sich auch der südafrikanische Chef einer rund hundert Mann starken Söldnertruppe zu Wort, die Buharis Vorgänger Goodluck Jonathan kurz vor der Wahl engagiert hatte. Er erhalte fast täglich Hilferufe von Soldaten, die seine Rückkehr wünschten, behauptet Eeben Barlow auf seiner Facebookseite: "Sie sind völlig demoralisiert." Dem Chef der "Specialized Tasks, Training, Equipment and Protection" (STTEP) genannten Privatarmee wird tatsächlich nachgesagt, die Extremisten so effektiv wie keiner zuvor bekämpft zu haben. Seine Söldner sollen die Boko-Haram-Kämpfer auf ein kleines Gebiet im Sambisa-Wald zusammengetrieben haben. Als Buhari die Wahlen gewann, kündigte er jedoch den Vertrag mit der Barlow-Truppe. Nigerias Streitkräfte würden mit dem Problem schon alleine fertig, hieß es damals zur Begründung.

Derweil spalteten sich die Boko-Haram-Milizionäre Ende 2016 erneut auf: In einen Flügel, der dem bisherigen Chef Abubakar Shekau loyal blieb, und den "Islamischen Staat in Westafrika" (Iswa), der inzwischen von Abu Musab al-Barnawi angeführt wird – nachdem sein Vorgänger von den eigenen Leuten umgebracht worden war. Anders als Shekau, der sich auf Selbstmordattentate konzentriert, zu denen selbst zehnjährige Mädchen gezwungen werden, sucht al-Barnawi die direkte Konfrontation mit den Streitkräften. Auf sein Konto sollen die 17 Angriffe auf militärische Einrichtungen gehen.

Die jüngste Eskalation des fast zehnjährigen Konflikts, der über 27 000 Nigerianern das Leben und 1,8 Millionen ihr Zuhause kostete, kommt nicht allen ungelegen. Für Februar sind in dem bevölkerungsreichsten Staat Afrikas Wahlen anberaumt: Die Tatsache, dass Präsident Buhari mit dem Extremistenproblem nicht fertig wird, stärkt die oppositionelle People’s Democratic Party und deren Kandidaten Atiku Abubakar. Buhari wirft ihm das Ausschlachten einer nationalen Tragödie für den Stimmenfang vor. Genau das hatte er vor vier Jahren aber auch getan.