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13. Juli 2012 00:35 Uhr

Syrien

Botschafter läuft zur Opposition über

Der Druck auf das Assad-Regime wird größer: 16 Monate nach dem Beginn des Aufstandes ist mit dem syrischen Botschafter in Bagdad zum ersten Mal ein hochrangiger Diplomat zur Opposition übergelaufen.

  1. Eine Demonstration von Assad-Gegnern in diesen Tagen. Das Foto wurde von der Opposition verbreitet. Foto: afp

Gleich in seiner ersten Mitteilung deutete Botschafter Nawaf al-Fares an, dass er fest entschlossen sei, die Rebellen nach Kräften zu unterstützen.

Er rufe "alle würdigen und freien Menschen in Syrien, vor allem die Soldaten", dazu auf, sich umgehend der Revolution anzuschließen, sagte al-Fares in einer Video-Botschaft, die nahezu alle arabischen Fernsehsender im Halbstundentakt ausstrahlten. Wörtlich fügte er hinzu: "Richtet eure Kanonen und Panzer jetzt auf die Kriminellen des Regimes." Die Loyalität der Syrer könne niemals einem Diktator gelten, der seine eigenen Leute tötet.

Mit dem inzwischen in Katar eingetroffenen Nawaf al-Fares verliert das Assad-Regime nicht nur einen wichtigen Diplomaten, sondern den Führer des sunnitischen Stammes der Uqaydat, dessen Mitglieder im syrisch-irakischen Grenzgebiet östlich der Großstadt Deir es-Sur leben. Durch diese von der syrischen Armee nur unzureichend kontrollierte Region werden viele Waffen geschmuggelt. Beobachter gehen davon aus, dass der von Katar und Saudi-Arabien finanzierte Waffenschmuggel in den kommenden Wochen und Monaten zunehmen wird.

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Das Regime in Damaskus hat den Seitenwechsel von Nawaf al-Fares indirekt bestätigt. Unkommentiert blieb dagegen die vergangene Woche gemeldete Flucht des syrischen Brigadegenerals Manaf Tlass nach Paris. Der Jugendfreund des syrischen Diktators hat bisher nichts von sich hören lassen. Regime-Insider beschreiben Tlass’ möglichen Seitenwechsel als relativ unbedeutend, weil er schon vor einem Jahr vom Regime kaltgestellt worden sei. Der Verlust des syrischen Botschafters in Bagdad sei für den Assad-Clan dagegen ein harter Schlag.

Opposition rechnet mit weiteren Überläufern

Die syrische Opposition sieht sich nun im Aufwind. Sie rechnet in den nächsten Wochen mit einer Reihe von Überläufern auf diplomatischer Ebene. Unbestätigten Berichten zufolge sollen die syrischen Botschafter in Oman und Weißrussland vor dem Absprung stehen. Eine Woche vor dem Beginn des Fastenmonats Ramadan könnten die Tage des Assad-Regimes gezählt sein, frohlocken Optimisten.

Es sei daher unverständlich und kontraproduktiv, dass sich UN-Sondervermittler Kofi Annan weiterhin für eine Übergangsregierung mit Mitgliedern des Assad-Clans einsetze, erboste sich ein Sprecher der Opposition. Er rief für den heutigen Freitag zu Massendemonstrationen gegen den früheren UN-Generalsekretär aus. "Nieder mit Annan, dem Diener von Assad und dem Iran", lautet die in sozialen Netzwerken ausgegebene Losung. Auch Russland soll an den Pranger gestellt werden. Russland und der Iran, schimpfen syrische Oppositionsfunktionäre, würden in Syrien nur deshalb vermitteln, um ihre strategischen Interessen zu sichern. Dass Kofi Annan diese Anstrengungen unterstützte, sei ein Skandal.

Der Ärger der Opposition ist verständlich. Es besteht aber die Gefahr, dass die Rebellen ihre militärische Stärke überschätzen. Ihr Ziel, ein mit Waffengewalt erzwungener radikaler Wechsel in Damaskus, ist trotz der letzten Erfolge noch lange nicht durchsetzbar. Um einen lange anhaltenden Bürgerkrieg, der auch auf den Irak und Libanon übergreifen könnte, zu verhindern, setzt sich Kofi Annan daher weiterhin für eine Verhandlungslösung in Syrien ein.

Autor: Michael Wrase