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17. März 2010
China zeigt in Afrika massive Präsenz
China steigt auf dem Schwarzen Kontinent ganz groß ein und schielt dabei auf die Rohstoffe und Absatzmärkte.
Früher hießen sie Kaiser-, Bismarck- oder gar Göring-Straße, dann wurden sie in Independence-, Nelson-Mandela- oder Robert-Mugabe-Avenue umbenannt. Inzwischen weist mancher Straßenzug in Windhuk, der Hauptstadt des ehemaligen Deutsch-Südwestafrikas, beleuchtete Schilder mit von Einheimischen nicht zu entziffernden Schriftzeichen auf: Straßennamen auf Mandarin, die die chinesische Regierung als Ausdruck des herzlichen Verhältnisses zwischen Namibia und der Volksrepublik gestiftet hat.
"Bald werden sie auch noch einen Platz des himmlischen Friedens eröffnen", schimpft ein Namibier. Ein monströses chinesisches Botschaftsgebäude, das alle anderen Häuser im Stadtteil Klein-Windhuk in den Schatten stellt, gibt es bereits. Ebenso ein Einkaufszentrum namens Chinatown im Industriegebiet, wo man von Reisnudeln bis zum Billighandy alles bekommt, was das Reich der Mitte zu bieten hat. An der Universität Namibia wurde eine Mandarin-Abteilung eingerichtet, der Spatenstich zur ersten chinesischen Privatschule des Landes ist bereits erfolgt. Mehr als 10 000 Chinesen sollen sich in dem 2,2 Millionen Einwohner zählenden Wüstenstaat aufhalten. "China kann uns gleich als Provinz eingemeinden", lästert ein Einheimischer.
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Was den Kritiker vermutlich kaum beruhigt: Namibia ist kein Einzelfall. Mittlerweile leben mehr als 800 000 Chinesen in Afrika. Sie bauen Stadien, verlegen Eisenbahnschienen, eröffnen Läden, suchen nach Bodenschätzen. In den vergangenen zehn Jahren stieg das chinesisch-afrikanische Handelsvolumen jährlich um 30 Prozent, allein zwischen 2000 und 2008 verzehnfachte es sich von 10 auf 106 Milliarden Dollar.
Das chinesische Interesse gilt auch in Namibia vor allem den Bodenschätzen. Das Land verfügt neben erheblichen Uranvorkommen über Fluor, Kupfer und Gold. Allein in den letzten drei Monaten des vergangenen Jahres haben chinesische Firmen 20 Milliarden Dollar in Afrika investiert – dreimal mehr als im Vergleichszeitraum 2008. "China benützt Afrika, um dahin zu kommen, wo die Vereinten Staaten heute sind", sagt der in Schanghai geborene Afrikakenner Jacob Wood. Ein "win-win"-Spiel nennen Chinesen ihr Engagement in Afrika. Es sei eine Aufstellung, von der beide Seiten nur profitieren könnten. Die Asiaten kaufen den Afrikanern ihre Bodenschätze ab und treiben damit die Preise in die Höhe. Afrika kann (zumindest galt das vor der Finanzkrise) so viel wie nie für Gold, Kupfer oder Erdöl verlangen.
Als Zuckerbrot bieten die Asiaten den afrikanischen Regierungen billige Kredite für die Verbesserung ihrer Infrastruktur an – und reparieren die Straßen, Eisenbahnlinien oder Flughäfen der Effizienz wegen gleich selbst. Dieses Vorgehen sei der Erkenntnis der Chinesen zuzuschreiben, dass eine verbesserte Infrastruktur hilft, einen afrikanischen Mittelstand zu schaffen, sagt Craig Bond, Chef der südafrikanischen Standard Bank. Diesen Mittelstand bräuchten die Chinesen, um ihre Produkte an den Mann zu bringen.
keine Schurkenstaaten
Die Angegriffenen wehren sich gegen solche Beschuldigungen mit Gegenvorwürfen. Kritisiert wird vor allem die Bereitschaft Chinas, selbst mit den schlimmsten Regierungen ins Geschäft zu kommen. Jahrelange Bemühungen, korrupte afrikanische Führer über die an die Entwicklungshilfe geknüpften Bedingungen zur guten Regierungsführung zu bewegen, würden damit zunichte gemacht. Tatsächlich unterhält China beste Beziehungen zum vom Internationalen Strafgerichtshof wegen Kriegsverbrechen angeklagten sudanesischen Präsidenten Omar al-Baschir, der schießwütigen Junta in Guinea und dem gewalttätigen simbabwischen Autokraten Robert Mugabe – und macht aus seinem Grundsatz der Nichteinmischung in die inneren Angelegenheiten anderer Staaten keinen Hehl. "Für Peking sind die simbabwische und sudanesische Regierung normale Regierungen und nicht Schurkenregime wie der Westen meint", räumt Liu Guijin, der Sonderbeauftragte Chinas für den Sudan, unumwunden ein.
In den afrikanischen Zivilgesellschaften stößt dieses noch aus dem Kalten Krieg bekannte Prinzip der Nichteinmischung auf wenig Gegenliebe. Wenn das chinesische Engagement außer dem Reich der Mitte selbst nur den afrikanischen Eliten zu Gute komme, sei es vom westlichen Kolonialismus nicht zu unterscheiden, sagen Oppositionelle, Gewerkschafter und Menschenrechtler im Kongo, in Südafrika und Simbabwe. "Während unsere Politiker großartige Verträge unterschreiben und riesige Summen einstecken, haben Normalsterbliche überhaupt nichts davon", klagte ein Teilnehmer auf dem chinesisch-afrikanischen Wirtschaftsgipfel in Kapstadt.
Die Stimmung gegen die asiatischen Freunde droht zu kippen: In Sambia schlugen Minenarbeiter einen chinesischen Manager krankenhausreif, weil sie sich von ihm schlecht behandelt fühlten. In Angola gehen Arbeitslose auf die Barrikaden, weil Zigtausende chinesischer Straßen- und Eisenbahnarbeiter jene Arbeiten verrichten, die den Broterwerb der Afrikaner sichern könnten. Und im Sudan müssen chinesische Erdölarbeiter damit rechnen, zur Zielscheibe zahlloser Rebellengruppen zu werden.
Auch in Namibia hat das Ansehen der Enkel Maos, die schon vor Jahrzehnten den Befreiungskampf der heutigen Regierungspartei Swapo unterstützten, empfindliche Rückschläge erlitten. Als bekannt wurde, dass die Regierung in Peking den Kindern ohnehin privilegierter Parteibosse – darunter der Präsidententochter – die Ausbildung in China finanziert, fehlte selbst loyalen Parteimitgliedern dafür das Verständnis.
und Vetternwirtschaft
"Wir müssen die unternehmerischen Möglichkeiten unserer Bürger und die Wirtschaft unseres Landes schützen", gab der Minister bekannt. Von symbiotischer Partnerschaft war plötzlich nicht mehr die Rede. Selbst in einer "win-win"-Beziehung sei es erforderlich, dass sich beide Seiten über den Zweck ihres Verhältnisses im Klaren seien, sagt Ökonom David Abdulai. "Bislang scheint den afrikanischen Regierungen nicht wirklich klar zu sein, was sie von der Partnerschaft mit China genau erwarten."
Entwicklung durch Industrialisierung könnte so eine Vision sein. Um die praktisch nicht existierende Industrialisierung südlich der Sahara anzukurbeln, hat die Weltbank versucht, chinesische Investoren für Fertigungsanlagen nach Afrika zu locken. Doch Pekings Bereitschaft zum Export seiner Arbeitsplätze hält sich in engen Grenzen. Afrika ist für China in erster Linie als Rohstofflieferant und als Konsument seiner industriellen Fertigungsprodukte interessant, meint ein Kenner. "Sich den Kontinent als Konkurrenten bei der Produktion für den Weltmarkt heranzuzüchten, würde den Altruismus der Söhne des Konfuzius dann doch übersteigen."
Autor: Johannes Dieterich
