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19. Mai 2017

BZ-Interview

Christian Baars über resistente Erreger in Indien

Gemeinsam mit Wissenschaftlern und Kollegen vom NDR, dem WDR und der Süddeutschen Zeitung hat der NDR-Journalist Christian Baars im Umkreis von Pharmafirmen im indischen Hyderabad große Mengen Antibiotika in Abwässern gefunden. So können gefährliche resistente Erreger entstehen. Claudia Füßler hat mit Baars gesprochen.

  1. Die Journalistin Christine Adelhardt, Umweltaktivist Anil Dayakar und Infektiologe Christoph Lübbert (rechts) entnehmen Proben an einem See in Hyderabad. Foto: Elena Kuch/NDR/DPA

  2. Baars Foto: NDR

BZ: Herr Baars, wie sind Sie auf das Thema Supererreger in Indien gestoßen?
Christian Baars: Ich bin im vergangenen Jahr auf einen Bericht über das Problem durch Abwässer aus der Pharmaindustrie gestoßen. Demnach haben sich schwedische Wissenschaftler schon vor zehn Jahren damit beschäftigt. Das fand damals jedoch kaum Resonanz, bei uns hat das fast niemand wahrgenommen. Ich wollte darüber berichten, aber mir war klar, dass die Pharmaindustrie sagen könnte: Stimmt, aber das war ein Problem vor zehn Jahren, nicht heute. Um das seriös und belastbar darstellen zu können, mussten wir also eigene Untersuchungen vor Ort machen.
BZ: Dafür haben Sie sich ein eigenes Expertenteam zusammengestellt.
Baars: Wir brauchten ja nicht nur Leute, die das Ganze journalistisch aufbereiten, sondern auch jemanden, der uns wissenschaftlich begleitet und berät. Da sind wir auf den Infektionsmediziner Christoph Lübbert vom Universitätsklinikum Leipzig gestoßen, der sich bereits damit befasst hat, dass gefährliche Erreger von Indien nach Deutschland gebracht werden. Allerdings kann das Labor an seinem Universitätsklinikum nur auf Erreger untersuchen, also auf die Bakterien im Wasser. Um Medikamentenrückstände identifizieren zu können, haben wir das Nürnberger Institut für Biomedizinische und Pharmazeutische Forschung mit ins Boot geholt.

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BZ: Wie muss man sich das vorstellen, Sie alle sind nachts in Indien bei den Pharmafirmen herumgeschlichen und haben dort Proben genommen?
Baars: Das war eigentlich alles recht einfach. Ein indischer Umweltaktivist hat uns die Stellen gezeigt, an denen wir Proben entnehmen konnten. In Hyderabad haben sich insgesamt rund 200 Pharmaproduzenten angesiedelt. Wir waren in zwei großen Industriegebieten mit jeweils etwa 30 Firmen unterwegs. Da muss man gar nicht aufs Werksgelände. Es gibt Gräben und Kanäle, offene Bäche, wo offenbar Abwässer landen. Dort haben wir Proben genommen. Um die möglichst genau zuordnen zu können, haben wir versucht, immer so nah wie möglich an die Firmen heranzugehen, bei denen wir einen Verdacht hatten.
BZ: Versuchen die nicht, die Abwasseranlagen zu sichern? Oder das verunreinigte Wasser heimlich zu entsorgen?
Baars: Natürlich ist es nicht erlaubt, Abwässer einfach in die Umwelt zu entsorgen. Allerdings scheinen die Kontrollen nicht zu funktionieren. Denn es gibt Stellen, wo etwa extrem verdrecktes Wasser aus einem Sammelbecken in einen Graben abfließt, der in ein benachbartes Dorf führt. Ungefiltert und ganz offensichtlich. Der Verdacht liegt sehr nahe, dass hier Abwässer aus der Industrie in die Umgebung fließen. Am Rande der Industriegebiete leben viele Menschen, die das Wasser für ihr Vieh nutzen oder um etwa Reisfelder zu bewässern. Es gibt auch größere Seen direkt neben den Fabriken, dort fischen die Menschen. Wir haben dort auch Proben genommen, mit dem gleichen erschreckenden Ergebnis.
BZ: Wie überrascht waren Sie von den Laborergebnissen der Proben?
Baars: Dass multiresistente Erreger in Indien ein Problem sind, war uns im Vorfeld klar. Aber das Ausmaß hat uns dann doch schockiert. Damit wir die Proben möglichst frisch untersuchen konnten, ist Christoph Lübbert als Erster zurückgeflogen. Er hat uns dann in Indien angerufen und sprach von einer wirklich schlechten Nachricht: Die Ergebnisse seien viel schlimmer als erwartet, ja geradezu beängstigend. Als das Nürnberger Labor dann nach den Medikamentenrückständen suchte, haben die Mitarbeiter dort mehrfach nachgemessen, um sich zu vergewissern, dass die Werte stimmen. Die Proben mussten teilweise stark verdünnt werden, weil die Konzentration enthaltener Medikamente so hoch war, dass sie mit den Instrumenten nicht genau erfasst werden konnte.
BZ: Wenn die Pharmafirmen durch derlei Verunreinigungen dafür sorgen, dass Keime entstehen, gegen die Antibiotika nicht mehr wirken, schneiden sie sich ja langfristig ins eigene Fleisch.
Baars: Das stimmt, aber offenbar interessiert sich da gerade keiner für den Zustand in ein paar Jahren oder Jahrzehnten. Hier geht es anscheinend vor allem ums Geld. Die Hersteller haben einen riesigen Preisdruck, für sie ist es überlebenswichtig, günstig zu produzieren, deshalb versuchen einige offenbar, an dieser Stelle Geld zu sparen. Eine vernünftige Aufbereitung des verunreinigten Wassers ist extrem teuer, dafür braucht man einen doppelten Wasserkreislauf, das Wasser muss gefiltert und die Wirkstoffreste müssen als Feststoff entsorgt werden, dann wird das Wasser noch mal aufbereitet.
BZ: Sie haben die Ergebnisse veröffentlicht, verschiedene Medien haben darüber berichtet – wie geht es weiter?
Baars: Unser Rechercheteam beobachtet natürlich die Entwicklungen, wir schauen, wo es Reaktionen gibt und ob eine politische Debatte entsteht. Wir wissen, dass Bundesgesundheitsminister Gröhe Ende dieser Woche mit seinen Amtskollegen der G-20-Staaten, zu denen auch Indien gehört, über Antibiotikaresistenzen sprechen will. Auch beim G-20-Gipfel im Juli in Hamburg steht das Thema auf der Tagesordnung. Wir sind natürlich auch gespannt, ob dabei etwas herauskommt. Unsere Aufgabe ist es, auf Missstände hinzuweisen, und die Supererreger in Indien sind ganz sicher ein Problem.

Christian Baars, Jahrgang 1976, arbeitet beim NDR im Ressort Investigation. Er beschäftigt sich vor allem mit Themen aus dem Bereich Gesundheit und Medizin.

Autor: cfr